Angriffe und Entführungen in Westafrika

Terroristen ohne Grenzen

In Nigeria entführen sie Schulmädchen. In Burkina Faso schlagen sie in der Hauptstadt zu. Westafrikas Islamisten organisieren sich neu.

Frauen mit Kopftüchern stehen draußen neben Mauern

Die 15-jährige Schülerin Amina Usman (l.) konnte während der Entführung in Dapchi entkommen Foto: reuters

ABUJA taz | Fast vier Wochen sind seit der Entführung der 110 #DapchiGirls in Nigeria vergangen – und gibt es noch immer kein Bekennervideo. Dabei hatte der Überfall auf die weiterführende Mädchenschule für Wissenschaft und Technik im Ort Dapchi im nordnigerianischen Bundesstaat Yobe in der Nacht zum 20. Februar zumindest einige Tage lang weltweit für Entsetzen gesorgt.

In der Nacht hatten Terroristen die Schule mit Internat angegriffen, und bis heute fehlt von 110 Mädchen jede Spur. Es war wie ein Remake der Massenentführung Hunderter Schulmädchen aus dem nordostnigerianischen Chibok durch die islamistische Terrorarmee Boko Haram im April 2014, bis heute Symbol der Grausamkeit von Boko Harams Krieg.

Die Entführer von Dapchi halten sich weiter bedeckt. Das deutet darauf hin, dass hinter dem Vorfall nicht die Boko-Haram-Fraktion um Abubakar Shekau steckt, der die Gruppe seit 2009 anführt. Nach Anschlägen von Shekaus Leuten hat es bisher stets Videos gegeben. Er selbst gilt als jemand, der Aufmerksamkeit will und mit seinen Videobotschaften Ängste schürt.

Verantwortlich für Dapchi dürfte vielmehr die Fraktion um Abu Musab al-Barnawi sein. Das ist der Sohn von Boko-Haram-Gründer Mohammed Yussuf, der 2009 beim Sturm der Polizei auf die damalige Zentrale Boko Harams in der Millionenstadt Maiduguri ums Leben kam und dessen Tod die Gruppe in den Guerillakrieg trieb. Al-Barnawi hatte Boko Haram vor zwei Jahren gespalten. Sein Flügel ist der westafrikanische Arm des Islamistischen Staates (IS) und galt für kurze Zeit als die mächtigere Gruppe. Bis heute, so sagen Beobachter in Nigeria, finden immer wieder Kämpfe zwischen den beiden Fraktionen statt.

40.000 Menschen ohne medizinische Grundversorgung

„Eigentlich nicht der Weg, wie sie operieren“, sagt Hussaini Abdu, Landesdirektor der Hilfsorganisation Plan International, zu der Vorgehensweise in Dapchi. Er geht allerdings davon aus, dass Boko Haram einen strategischen Wandel vollzieht, da ihr nach dem Verlust der meisten von ihr kontrollierten Territorien im Nordosten Nigerias seit 2015 die Ressourcen fehlen. Lösegelderpressungen seien eine Möglichkeit, um an neue Finanzen zu kommen.

Nach der Entführung von 110 Schülerinnen im Nordosten Nigerias strebt die Regierung eine Verhandlungslösung an. Nigeria setze nicht auf das Militär, sondern arbeite mit internationalen Organisationen und Mittelsmännern, um alle Mädchen unversehrt freizubekommen, erklärte Präsident Muhammadu Buhari am Montag. „Wir versuchen, vorsichtig zu sein: Es ist besser, unsere Töchter lebend wiederzubekommen“, sagte Buhari nach Angaben der Präsidialkanzlei anlässlich eines Besuchs von US-Außenminister Rex Tillerson. (dpa)

Gegen eine Tat der Shekau-Fraktion spricht auch die geografische Lage. Dapchi liegt in Yobe, während sonstige Angriffe vor allem weiter östlich stattgefunden haben, östlich von Maiduguri, Provinzhauptstadt von Borno. Im Ort Rann starben Anfang März sechs Soldaten, vier Polizisten sowie drei Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen bei einer Attacke. Für die Menschen waren die Folgen gravierend: Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zog ihr Personal aus Rann ab, 40.000 Menschen blieben ohne medizinische Grundversorgung zurück.

Bis heute dürften beide Bewegungen aus Nigeria überwiegend unabhängig von weiteren islamistischen Gruppierungen in Westafrika agieren. Es gelingt ihnen nicht mehr, große Städte anzugreifen wie etwa Nigerias Hauptstadt Abuja – nach Anschlägen treten sie sofort die Flucht an und kämpfen nicht.

Ganz anders operieren indes islamistische Bewegungen in der Sahelzone, wie erst vor Kurzem die recht neue „Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime“ (GSIM). Sie griff am 2. März das Zentrum von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou an. Im Fokus: das Hauptquartier der Armee sowie die französische Botschaft. GSIM setzt sich seit Februar 2017 aus den Bewegungen al-Mourabitoun des Algeriers Mokhtar Belmokhtar, Teilen von Ansar Dine des historischen Tuareg-Rebellenführers Iyad Ag Ghali in Mali sowie dem „Emirat der Sahara“ zusammen und sieht sich als Teil von al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQMI).

Diesmal suchten sich die Terroristen harte Ziele

Offiziell starben bei den mehrstündigen spektakulären Feuergefechten im Zentrum von Ouagadougou 16 Menschen. Es wird aber darüber spekuliert, ob die Zahl nicht tatsächlich fast doppelt so hoch ist – und auch, ob die Täter nicht Komplizen in Burkinas Sicherheitsapparat hatten. Noch immer gibt es dort Kräfte, die mit dem Sturz des Langzeitherrschers Blaise Compaoré durch einen Volksaufstand im Oktober 2014 nicht einverstanden sind und die die junge Demokratie destabilisieren wollen, heißt es in Berichten aus dem Land.

2016 und 2017 waren bei Anschlägen von Ouagadougou Dutzende Menschen gestorben. Diesmal suchten sich die Terroristen harte Ziele. In der Armeezentrale fand gerade ein Sicherheitstreffen der neuen multinationalen Anti-Terror-Truppe G5 statt. Die Wahl der französischen Botschaft als Ziel machte auch deutlich: Es war ein Vergeltungsschlag. In den Sahel-Staaten sind die französischen Streitkräfte sehr präsent. Mitte Februar war bei Luftangriffen der Franzosen in Mali al-Mourabitouns stellvertretender Anführer Hassan al-Ansari ums Leben gekommen.

Seit dem politischen Umsturz 2014 ist Burkina Faso geschwächt. Im Norden konnten sich islamistische Gruppen etablieren oder von Mali aus ins Land gelangen – jenseits der Grenze, im Zentrum Malis, sind in jüngster Zeit neue Rebellengruppen entstanden.

Es gibt keine gesicherten Informationen darüber, wie groß die bewaffneten islamistischen Bewegungen in Westafrika aktuell sind. Hussaini Abdu in Abuja meint: Auch mit kleiner Mitgliederzahl bleiben sie stark. Außerdem können sie ihre Strategien schnell ändern. Die Armee hingegen nicht, sagt er – zumindest nicht in Nigeria.

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