Kommentar Tebartz-van Elst

Die Party ist vorbei

Der Limburger Bischof Tebartz-van Elst wird wohl über seine Lügen stolpern. Sein Pech: Unter Ratzinger wäre er locker durchgekommen.

Wenig Licht, viel Schatten: Bischof Tebartz-van Elst. Bild: ap

Da hat aber einer das Läuten nicht gehört – dabei war Papst Franz gleich nach seiner Wahl, noch in der Ankleidekammer der Sixtinischen Kapelle, ganz klar gewesen:

„Der Karneval ist vorbei“, hatte er den Zeremonienmeister seines Vorgängers Ratzinger angeblich angeraunzt, als der ihn zur Produktpräsentation schön rot herausputzen wollte – und wenn das nicht wahr ist, so ist es jedenfalls gut erfunden.

Aber der Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst war offensichtlich mit seinen Gedanken woanders: auf dem wunderschönen Limburger Domberg, bei einem ästhetisch durchaus ansprechenden Bauprojekt, dessen Kosten sich inzwischen auf 31 Millionen Euro belaufen sollen.

Dass der argentinische Papst nicht nur harte Worte finden, sondern auch harte Maßnahmen ergreifen kann, hat er gerade wieder bewiesen: Zwei Journalisten, die seit zehn Jahren für den Sender Radio Maria gearbeitet hatten, ließ Bergoglio feuern, nachdem sie am Mittwoch in der Berlusconi-nahen Zeitung Il Foglio einen Artikel mit dem eindeutigen Titel „Dieser Papst gefällt uns nicht“ veröffentlicht hatten.

Ein Epochenwechsel steht an

Warum Anna Sievers' Kinderwunsch in Spanien erfüllt werden kann und nicht in Deutschland – und warum ein Arzt deshalb vor Gericht steht, lesen Sie in der taz.am wochenende vom 12./13. Oktober 2013 . Darin außerdem: Die Schriftstellerin Sibylle Berg über das Bett als Arbeitsplatz. Und: Leinenzwang für Hunde? Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Nun wäre es aus der Perspektive Berlins, einer Stadt also, die nach dem Desaster um den Hauptstadtflughafen weiterhin ganz entspannt einen Regierenden Bürgermeister Wowereit erträgt, anmaßend, wenn nicht gar lächerlich, den Limburger Bischof zum Rücktritt oder den Papst in Rom zu einer Amtsenthebung aufzufordern. Über Tebartz’ Gebaren ist noch kein rechtskräftiges Urteil gesprochen, einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Hamburg wegen falscher eidesstattlicher Erklärungen in Zusammenhang mit einer Reise nach Indien kann er entweder akzeptieren, womit die Sache unbürokratisch aus dieser Welt wäre; oder er kann es auf eine Verhandlung vor Gericht ankommen lassen.

Aber es geht gar nicht um einen Funktionär, der schlecht lügt und ein paar Millionen in den Berg setzt – wovon, dem Zölibat sei Dank, ja kein Nachkomme, sondern die heilige katholische Kirche profitiert. Es geht um einen Epochenwechsel.

Der heute fast vergessene Politiker und bayerische Ministerpräsident Max Streibl musste schon vor 20 Jahren erleben, wie seine Frage, seit wann es in der CSU eine Schande sei, Freunde zu haben, von einem schlagfertigen Bonmot zu einer Empörung auslösenden Unsagbarkeit wurde – und zwar für Feind und Freund: Mit dem kriminellen Amigo-System der Ära Franz Josef Strauß wollte 1993 eben keiner mehr etwas zu tun haben.

Strauß’ Hausgeistlicher war nicht zufällig Joseph Ratzinger gewesen, ein verbissener Reaktionär, der als Papst ganz bewusst auf Weihrauch und Dunkelmänner wie die Piusbrüder setzte, weil er wusste, dass vom Katholizismus sonst nicht viel übrig war. Der, wenn man so will, politisch linke Weg, den Franziskus nun einschlägt, war Ratzinger versperrt, sein Rücktritt war einsichtig, schlau – und alternativlos.

Front gegen Franziskus

Bergoglios Weg ist ja auch gefährlich. Längst haben sich seine Gegner in Position gebracht und einer Sache darf man sich sicher sein: In übler vatikanischer Tradition wird es ein schmutziger Krieg werden. Der italienische Starkomiker Maurizio Crozza hat kürzlich darauf hingewiesen, dass Bergoglio im Vergleich zu den hasenfüßigen italienischen Linkspolitikern wie Che Guevara auftrete. Und in seinem Interview für die Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica hat er einen Schritt zurück zur Quelle gemacht, ganz im Sinne seines Vorgängers Johannes XXIII.: „Die Pfarrei ist wie der Dorfbrunnen – wer Durst hat, kommt und trinkt.“

Aber die Menschen haben nicht nur Durst, sie haben auch Hunger: Laut einer gerade veröffentlichten Studie des Roten Kreuzes können sich 43 Millionen Europäer nicht genug zu essen leisten. Die Party ist vorbei. Und Bischof Tebartz-van Elst erinnert an den Gast, der betrunken auf dem Sofa eingeschlafen ist und sich nun unsanft von der Putzkolonne nach draußen befördert sieht. Wahre Katholiken werden für ihn beten.

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Geboren 1968 in München, ist seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt über alles was ihm einfällt oder was anfällt, insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.

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