#wirsindmehr-Konzert gegen Rassismus

Alles anders in Chemnitz

Mehr als 50.000 Menschen sind am Montagabend für das Konzert von Kraftklub & Co in Chemnitz. Gegenüber rechten Hetzern sind sie definitiv in der Mehrheit.

Der Parkplatz vor der Johanniskirche in Chemnitz ist voll Foto: dpa

CHEMNITZ taz | An diesem Montagabend ist alles anders in Chemnitz. Es ist nicht nur der Bass, der durchs Stadtzentrum wummern. Es ist nicht nur der Platz an der Johanniskirche, der voller Menschen ist, soweit das Auge reicht und mittendrin eine riesige Bühne. Die ganze Innenstadt ist mit Menschen gefüllt, die über die breiten Straßen schlendern, auf denen längst kein Auto, kein Bus und keine Straßenbahn mehr fährt.

Mehr als 50.000, schätzt die Chemnitzer Versammlungsbehörde zunächst, nehmen an dem Konzert gegen Rechts teil, bei dem unter anderem „Die Toten Hosen“, „Feine Sahne Fischfilet“ und die Chemnitzer Band „Kraftklub“ spielen. Auch jenseits des Veranstaltungsortes strömen Besucher durch die Stadt – und auch zwei Stunden nach Beginn des Konzerts kommen immer noch Menschen an. Am Ende schätzt die Stadt die Besucherzahl auf 65.000.

Schon Stunden vor Beginn war eine Veränderung im Chemnitzer Stadtbild zu spüren: Es wurde plötzlich deutlich jünger. Viele derjenigen, die an diesem Tag nach Chemnitz gekommen sind, sind eher unter 20 als unter 30.

Clara Weber und Willi Tretter zum Beispiel. Sie ist 20, er 19. Er wohnt in Limbach-Oberfrohna, zwölf Kilometer von Chemnitz entfernt, sie im sieben Kilometer entfernten Vorort Reichenbrand. Von den Bands, die heute Abend hier spielen, finden sie „Feine Sahne Fischfilet“ am Besten, aber sie sind nicht wegen der Musik da, das ist ihnen wichtig: „Es geht darum ein Zeichen zu setzen, es geht um Politik, die Musik ist nur der Beigeschmack“, sagt Weber und wirft die langen blonden Haare zurück.

„Wir sind keine Partytouristen“

In ihrer Schulklasse, erzählt sie, habe es auch immer welche gegeben, die „so Ausländer-raus-mäßig drauf waren“. Mit denen sei sie öfter mal aneinander geraten, das habe dazu gehört. Tretter sagt, erst vor ein paar Wochen seien Freunde von ihm an einer Shell-Tankstelle von Neonazis zusammengeschlagen worden. „Meine Freunde waren zu fünft, die anderen 25.“ Mit ihren Altersgenossen gehen die jungen Menschen zum Teil hart ins Gericht. Vielen ist wichtig zu betonen, dass nicht zu den „Partytouristen“ gehören.

Dort, wo ein Kreis aus Blumen und Kerzen den Ort markiert, wo am vorletzten Wochenende Daniel H. erstochen wurde, etwa 200 Meter von der Konzertfläche entfernt, stehen Annika, Vanessa und Max. Sie sind aus Nürnberg angereist, alle um die 25 Jahre alt. Sie sagen, sie würden heute Abend lieber hier bleiben, als rüber zum Konzert zu gehen. “Wir finden es wichtig, hier Präsenz zu zeigen“, sagt Max.

In den vergangenen Tagen war dieses spontan entstandene Mahnmal ein seltsamer Ort: Tag und Nacht hatten sich dort Menschen versammelt, die gegen Ausländer hetzten und gleichzeitig vorbeigehende Menschen anschnauzten, wenn sie ihrer Meinung nach nicht trauernd genug aussahen.

Auch am Montag ist das Grüppchen Rechtsextremer wieder da, doch sie geben nicht mehr den Ton an. Jemand hat an einem Baum ein Refugees-Welcome-Banner aufgehängt, in den letzten Tagen undenkbar. Jetzt bleibt es hängen. Immer wieder kommt es zu Diskussionen zwischen den Rechten, darunter viele ältere Männer, und den überwiegend jungen Linken, die hier herumstehen. Auch die Polizei ist mit einigen Beamten vor Ort, es bleibt aber bei energisch ausgetragenen Wortgefechten.

Demonstrationen der Rechtspopulisten nicht genehmigt

Pro Chemnitz sowie das islamfeindliche Bündnis Thügida hatten versucht, Gegenveranstaltungen in unmittelbarer Nähe des Konzertortes anzumelden, diese waren von der Stadt jedoch nicht genehmigt worden. Martin Kohlmann, Kopf von Pro Chemnitz, hatte daraufhin auf Facebook zur “kritischen Teilnahme an der musikalischen Propaganda-Veranstaltung“ aufgerufen, zumindest bis 19:30 Uhr sah es aber nicht so aus, als seien Menschen in nennenswerter Anzahl diesem Aufruf gefolgt.

Bei „Wir sind mehr“, so das Motto der Konzert-Veranstaltung, nehmen neben den jungen Menschen auch einige Ältere sowie Familien mit Kindern teil. Auch Daher Aita, vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen, ist mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern aus dem 30 Kilometer entfernten Marienberg angereist, um gemeinsam mit Freunden, die in Chemnitz wohnen, das Konzert zu besuchen. Lachend deutet sie auf die Menschenmenge: „Meine Kinder sind irgendwo da drin verschwunden.“ Als sie die Nachrichten aus Chemnitz hörte, habe sie Angst bekommen, sagt Aita, und habe nicht hierhin fahren wollen. „Aber meine Kinder und mein Mann haben gesagt, das ist wichtig, also sind wir gekommen.“

Dass es geklappt hat mit dem Mehrwerden, das ist zumindest für diesen Abend klar entschieden. Ob es alle Teilnehmer in dieser Nacht noch nach Hause schaffen werden, noch nicht. Angesichts der vielen Menschen warnt die Bundespolizei Mitteldeutschland auf Twitter: „Rückreise bitte rechtzeitig beginnen, nicht auf den letzten Zug setzen, egal in welche Richtung.“ Die Menschen vor der Konzertbühne und in den Straßen ringsum sehen allerdings ganz und gar nicht danach aus, als würden sie bald aufbrechen wollen.

Mehrere tazlerInnen sind vor Ort und twittern von der Veranstaltung.

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Weltweit sind mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung und Armut. Im Mittelmeer sterben Zehntausende. Und die EU setzt auf Abschottung.

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