Kommentar weltweites Wildtiersterben

Die Lethargie muss enden

Um dem Artensterben entgegenzuwirken müssen die Sanktionen für Wilderer steigen. Und unser Fleischkonsum muss schnell sinken.

Ein Wildhüter kniet vor einem von Wilderern erlegten Nashorn

Wilderei und Handel mit bedrohten Arten muss weltweit geächtet und mit Sanktionen belegt werden Foto: dpa

Die Zahl ist erst mal schwer zu glauben. 60 Prozent – um diesen Wert ist der Bestand an Wirbeltieren in den letzten 46 Jahren zurückgegangen. Wo früher noch zehn Vögel, Fische, Säugetiere oder Reptilien lebten, sind heute im Schnitt also nur noch vier zu finden. Das ist ein absolut dramatischer Trend. Denn auch wenn sich nicht bei jedem Tier dessen Nutzen für den Menschen unmittelbar erschließt, ist die schwindende Vielfalt nicht nur ein Problem von Ethik und Ästhetik.

Der Rückgang der Tierbestände, der vor allem am Schwinden ihrer Lebensräume und am menschlichen Eintrag von Schadstoffen liegt, bedroht ganze Ökosysteme. Und auf die sind auch die Menschen angewiesen – nicht nur als Lieferanten von Nahrung, Wasser und Sauerstoff, sondern auch in Form von Rohstoffen und Energie sind die natürlichen Systeme der Erde überlebenswichtig.

Doch trotz ihrer Dramatik werden auch die jüngsten Zahlen keine allzu große Aufmerksamkeit finden. Denn der Rückgang von Arten und Individuen ist ein schleichender Prozess, an den sich viele längst gewöhnt haben – zumal zwar die Summe beeindruckend ist, die Veränderungen von Jahr zu Jahr hingegen eher klein wirken.

Diese Lethargie, mit der die Welt auf das bedrohliche Sterben reagiert, muss enden. Dazu braucht es zum einen mehr Aufklärung. Damit sich etwas ändert, muss ein relevanter Teil der Menschheit verstehen, wie groß die Nachteile des Nichthandelns sind – und welche Lösungsoptionen es gibt. Beim Klimawandel hat es die Welt ja auch geschafft, das Problem gemeinsam anzuerkennen und zumindest einen Plan zur Lösung zu erarbeiten. Das muss endlich auch beim Verschwinden von Lebensräumen geschehen, denn hier steht ähnlich viel auf dem Spiel.

Um mehr Tiere in der Natur zu behalten brauchen wir weniger Tiere auf unseren Tellern

Für Fatalismus besteht dabei kein Anlass, denn Abhilfe ist durchaus möglich. Ohne viel Geld und Änderungen beim eigenen Lebensstil wird es aber nicht gehen. Entwicklungs- und Schwellenländer brauchen einen finanziellen Anreiz dafür, bestehende Wälder zu erhalten und neue aufzuforsten. Wilderei und der Handel mit bedrohten Arten muss weltweit geächtet und mit Sanktionen belegt werden.

Vor allem aber muss unser Fleischkonsum deutlich sinken. Denn die intensive Landwirtschaft, die damit einhergeht, bedroht sowohl eine vielfältige Landschaft hierzulande als auch die Urwälder in Südamerika, die für den Anbau des Futters gerodet werden.

Eigentlich ist es nicht schwer zu verstehen: Um mehr Tiere in der Natur zu behalten – und damit die Lebensräume zu sichern, auf die auch wir angewiesen sind –, brauchen wir weniger Tiere auf unseren Tellern. Und zwar schnell.

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Jahrgang 1971, ist Korrespondent für Wirtschaft und Umwelt im Parlamentsbüro der taz. Er hat in Göttingen und Berkeley Biologie, Politik und Englisch studiert, sich dabei umweltpolitisch und globalisierungskritisch engagiert und später bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen in Kassel volontiert.   Im April 2014 ist sein Buch "Das Strompreis-Komplott" erschienen, das Lügen und Vorurteile rund um die Energiewende widerlegt. Es ist für 7 Euro im Buchhandel und im taz-Shop erhältlich.

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