Kolumne Minority Report

Der Einzelfall Ali B.

Der Mord an Susanna F. wird instrumentalisiert, um geflüchtete Menschen pauschal zu verurteilen. Sollte es nicht eher um Femizide gehen?

Blumen, Grablichter und ein Holzkreuz erinnern an die tot aufgefundene 14-jährige Susanna F.

Wie andere Fälle zuvor wird der Fall Susanna F. instrumentalisiert – nicht nur von der AfD Foto: reuters

„Geflüchtete sind nicht per se bessere Menschen.“ Dieser Satz stammt von einem deutschen Politiker, mit dem ich einmal gemeinsam auf einem Podium saß. Ich nenne seinen Namen nicht, weil es nichts zur Sache tut. Nur vielleicht der Hinweis, dass weder er noch seine Partei dem rechten Spektrum zugeordnet werden. Und so steht der Satz, eine nüchterne, vielleicht gar banale Feststellung, nicht unter Verdacht, irgendwie rassistisch zu sein – oder?

Ich würde sagen: Es kommt auf den Kontext an. Der Satz war eine Reaktion auf die Kritik an linken Parteien, die im Eifer, das Gutmenschen-Image loszuwerden, rassistische Vorurteile schüren. Etwa mit der Annahme, dass geflüchtete Männer potenzielle Vergewaltiger seien. Antwort: „Geflüchtete sind nicht per se bessere Menschen.“

Okay. Aber sind sie deshalb per se schlechtere? Der tragische Fall der ermordeten Susanne F. sorgt dafür, dass diese rhetorische Frage erneut gestellt werden muss. Die Leiche der 14-Jährigen, die vergewaltigt und erdrosselt wurde, fand man am Donnerstag. Der Hauptverdächtige Ali B. hatte zuvor gemeinsam mit seiner Familie die Flüchtlingsunterkunft, in der er lebte, verlassen und sich in den Nordirak abgesetzt. Die dortigen Behörden spürten ihn auf und schickten ihn zurück nach Deutschland.

Es ist begrüßenswert, dass Ali B.s Prozess in Deutschland erfolgen und die Tat somit aufgeklärt werden kann. Dennoch müssen wir lernen, damit umzugehen, dass der Fall wieder einmal von der aasgeiernden AfD, aber eben nicht nur von ihr, instrumentalisiert wird, um geflüchtete Menschen pauschal zu definieren, zu kontrollieren und zu verurteilen.

Ein gefährliches Muster

Sofort nach Bekanntwerden des Falls häuften sich die Rufe aus Medien und Politik nach schnelleren Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerben. Wieder einmal wird das pauschalisierende Bild des kriminellen, vergewaltigenden, mordenden Geflüchteten reproduziert. Übrigens keine neue Strategie von rassistischen Systemen; das Stereotyp des nicht-weißen Sexualstraftäters hat eine lange traurige Geschichte, etwa in den USA.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier geht es nicht darum, den Fall kleinzureden. Es ist nur auffällig, dass Femizide und Vergewaltigung in der deutschen Öffentlichkeit kaum thematisiert werden, wenn der Täter weiß ist. Und Femizide werden in diesem Land leider sehr häufig verübt – nicht nur in Freiburg, Kandel und Wiesbaden. Durch den Fokus auf Einzelfälle, in denen die Täter Zuwanderer sind, entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung ein gefährliches Muster, das nicht nur rassistisch ist, sondern auch zutiefst sexistisch – weil es die Dimension von Frauenmorden in Deutschland verharmlost.

149 Frauen sind laut der Kriminalstatistik des BKA 2016 allein von ihrem männlichen Partner umgebracht worden, 208 haben überlebt. Jeden Tag hat also ein Mann versucht, seine Partnerin zu töten, eine überwältigende Mehrheit von ihnen hat einen deutschen Pass und ist weiß. Dies sind nur die erfassten Fälle von häuslicher Gewalt, die – wenn sie denn überhaupt öffentlich werden – als „Beziehungsdrama“ in den Randspalten landen. Viele Männer haben Frauen vergewaltigt und/oder getötet, mit denen sie nicht zusammen waren, hier wird die Dunkelziffer noch unübersichtlicher.

Wäre es nicht dringlicher, über sexuelle Gewalt und Femizide zu sprechen, statt den Fall Susanna F. zu einer Geschichte über Zuwanderung zu machen? Femizide werden übrigens Morde genannt, bei denen Männer Frauen töten, weil sie Frauen sind. Doch wer käme schon auf die seltsame Idee, zu fragen: „Sind Männer per se die schlechteren Menschen?“

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Kommentar „Kein Rechtsstaat ohne Recht“ von Tobias Schulze.

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Jahrgang 1986, Studium der Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt/Main und San Diego, CA. Seit 2012 bei der taz.

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