Ein Jahr #MeToo

Endlich drüber reden

Seit einem Jahr bewegt #MeToo die Welt. Aus einem Hashtag wurde eine globale Bewegung für Konsens und Respekt.

Ein Junge und ein Mädchen gucken sich gegenseitig in die Badehose und sagen "Das gehört mir nicht"

Bei #MeToo geht es um gegenseitigen Respekt und das Wahren von Grenzen Foto: Eléonore Roedel

„Im Gedränge in der U-Bahn, ein Typ drückt seinen steifen Schwanz an mich, ich drehe mich um, er grinst“, schreibt eine. „Drei Jahre her, seit er mich vergewaltigt hat – das erste Mal, dass ich es öffentlich mache“, eine andre. Einfach nur #MeToo schreiben viele, 200.000 am ersten Tag, Millionen Frauen aus mehr als 80 Ländern weltweit seit rund einem Jahr.

Im Oktober 2017, nachdem mehrere Frauen in den USA berichtet hatten, wie der Filmmogul Harvey Weinstein sie sexuell belästigt hatte, rief die Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter dazu auf, von den eigenen Geschichten sexualisierter Gewalt zu erzählen. „Wenn alle Frauen, die sexuell belästigt oder angegriffen wurden, #­MeToo schrei­ben würden, könnten wir den Leuten ein Gefühl vom Ausmaß des Problems geben“, schrieb sie.

Die erste Welle, die hierzulande mit den in der Zeit veröffentlichten Anschuldigungen gegen den Regisseur Dieter Wedel ihren Höhepunkt erreichte, ist abgeebbt. Doch sobald neue Vorwürfe ans Licht kommen wie jüngst in Deutschland gegen Mitarbeiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, in den USA gegen Trumps Kandidaten für den Obersten Gerichtshof, Brett Kavanaugh, oder, global gewissermaßen, gegen den Fußballer Cristiano Ronaldo, schwappt sie wieder hoch. In welchem Kontext die Fälle stehen, ist sofort klar.

Denn was bleiben wird von #MeToo, sind konkrete Folgen: strukturelle Veränderungen wie Beratungsstellen, Rücktritte, auch Urteile gegen Täter wie Bill Cosby. Was bleiben wird, ist aber auch ein Code, der sich ins kulturelle Gedächtnis weiter Teile der Welt gebrannt hat: Der Hashtag ist Synonym geworden für das Erleben und Offenlegen sexualisierter Gewalt.

Frauen können reden

Dabei führt schon der Charakter der unerwünschten, verletzenden oder gewaltvollen Taten dazu, dass #MeToo in der medialen Debatte häufig negativ, zumindest ambivalent konnotiert war. Für Frauen aber liegt in #MeToo etwas genuin Positives: Sie können reden. Sexualisierte Gewalt ist aus dem enormen Dunkelfeld aufgetaucht, in dem sie dank männlicher Macht bisher ihren Platz hatte. Was als Einzelfall abgetan wurde, hat, das ist nun nicht mehr zu leugnen, System.

#MeToo wurde in verschiedenen Ländern unterschiedlich benannt – die einen sagten „#MeToo-Debatte“, wie oft im deutschsprachigen Raum, etwas zurückgenommener, abstrakter verortet. Weit mehr nannten es „internationale #MeToo-Bewegung“, wie in den USA oder Spanien.

Der Unterschied dabei: Die „Debatte“ findet im Feuilleton statt, die „Bewegung“ auf der Straße. Dort werden Akteurinnen laut, dort kann Schwung entstehen. #MeToo war beides, Bewegung und Debatte, die sich veränderte und entwickelte – und Wandel hat beides unwiderruflich gebracht. Die Zeit, in der der Hashtag entstand und sich rasend schnell verbreitete, ist die eines weltweiten Rechtsrucks – und zugleich und damit verknüpft die einer neuen Welle des Feminismus.

Der Unterschied dabei: Die „Debatte“ findet im Feuilleton statt, die „Bewegung“ auf der Straße

Ein halbes Jahr vor #MeToo, einen Tag nach Amtseinführung des stolzen Grabschers und misogynen US-Präsidenten Donald Trump, der nun Kavanaugh ins Amt bringen will, waren in den USA Hunderttausende Frauen gegen Trumps sexistische Statements auf die Straße gegangen. Ein halbes Jahr nach #MeToo wiederum demonstrierten in Polen Tausende, in Spanien Millionen Frauen: gegen das geplante vollständige Abtreibungsverbot in ihrem Land die einen, gegen Diskriminierung im Beruf und sexualisierte Gewalt die anderen.

Globaler Backlash gegen Selbstbestimmung

In Russland ist es, als #MeToo entsteht, wieder legal, Frauen zu schlagen, Demos dagegen werden nicht genehmigt. In Indien gehen seit Jahren Fälle von Massenvergewaltigung durch die Presse – Frauen machen dagegen mobil. Und in Deutschland schließlich ist gerade die AfD ins Parlament eingezogen, die Frauen zurück in die 1940er Jahre verbannen will. Der globale Backlash gegen Selbstbestimmung, sexuelle und reproduktive Rechte ist der Nährboden, auf den, wenn es auch nicht direkt darauf reagiert, #­MeToo weltweit fällt.

Mitte Oktober 2017 ist klar: Stillhalten ist nicht mehr. Dutzende SchauspielerInnen beschreiben ihre Erfahrungen mit Weinstein, darunter Rose McGowan oder Léa Seydoux. Schnell greift die Bewegung von der Show- auf andere Branchen über: In Japan tritt der Chef eines der größten Lebensmittelkonzerne zurück, in Österreich berichtet eine Skirennläuferin von regelmäßigen Übergriffen durch Trainer, in Skandinavien verlieren Politiker ihre Jobs. #MeToo in Zahlen zu fassen wäre ein globales Rechercheprojekt – und eines mit offenem Ende.

Es sind Prominente, ausgestattet mit Geld und Status, die #MeToo publik machen – bis heute ist es ein Klassenprojekt, dessen USNachfolgehashtag #Time’s Up für Arbeiterinnen nicht in demselben Maß zündete. Zudem wird schnell bekannt, dass die schwarze Aktivistin Tarana Burke #­MeToo schon Jahre zuvor verwendete. Doch die Bewegung schafft es, diese Kritik zumindest in Teilen produktiv zu wenden: Burke und Milano etwa stehen heute beide für den Hashtag ein.

#MeToo zeigt schnell Facetten: Die Tweets, Interviews und Debattenbeiträge der Frauen sind sowohl enormer Ausdruck der Solidarisierung als auch Anklage – weil beides Hand in Hand geht, vor allem dann, wenn Namen genannt werden. Thematisiert werden sowohl die ungewollte Anmache des Chefs als auch körperliche Übergriffe.

Kritik an Bandbreite der Bewegung

Die Bandbreite wird schnell zum Vorwurf: Auch „ungeschicktes Flirten“, kritisiert die Französin Catherine Deneuve, werde plötzlich kriminalisiert. Der ehemalige Feuilletonchef der Zeit, Jens Jessen, sieht einen „totalitären Feminismus“ am Werk. Und immer wieder fällt in bester misogyner Tradition und unter anderem vonseiten der AfD das Wort „Hysterie“.

Dass die Bandbreite der Bewegung kritisiert wurde, liegt an einem noch immer verbreiteten Missverständnis: der Annahme, bei #MeToo sei es um Sex gegangen. Es ging um sexualisierte Gewalt und damit um Macht. Sowohl der Typ, der eine mit Blicken auszieht, als auch der, der eine Frau vergewaltigt, handelt aus einer Position heraus, die in patriarchalen Gesellschaften Struktur hat. Und weil es in diesen Gesellschaften in den allermeisten Fällen nicht reicht, wenn nur eine Frau spricht – im Fall der Verurteilung von Bill Cosby brauchte es ganze 60, bis ihnen geglaubt wurde –, sprechen nun viele.

Sowohl der Typ, der eine mit Blicken auszieht, als auch der, der eine Frau vergewaltigt, handelt aus einer Position heraus, die in patriarchalen Gesellschaften Struktur hat

Dabei ist es das Dilemma von #MeToo, dass fast alles, was für Frauen positiv aufgeladen sein kann, auch negativ gewendet werden kann. Ein mutiges Bekenntnis wird zur Opferrolle umgedeutet. Und auch die Kraft, die für Frauen aus der gegenseitigen Solidarität erwächst, wird ihnen zum Vorwurf gemacht: #MeToo, heißt es, könne durch falsche Anklagen Leben zerstören.

Das stimmt. Wie es auch stimmt, dass durch sexualisierte Gewalt Leben zerstört werden können. Sobald Vorwürfe erst einmal im Raum stehen, ist dieses Patt schwer auszuräumen. Was also hilft, ist, darauf hinzuarbeiten, dass es künftig weniger Vorwürfe gibt. Es klingt paradox – aber genau das hat #MeToo getan.

Kultur von Konsens und Respekt

#MeToo war weit mehr als nur Abwehrkampf gegen Grabscher, Spanner und Vergewaltiger, wie die derzeitige Welle des Feminismus überhaupt mehr als nur Abwehrkampf gegen ein reaktionäres Klima ist. Die neue Welle entwickelt Visionen, im Fall von #MeToo ist es die einer Kultur von Konsens und Respekt – in einem Alltag, in dem die Abwesenheit von anzüglichen Blicken in der U-Bahn, scheinbar lässig dahingesagten Sprüchen im Job oder Händen auf Hintern in der Kneipe angenehm auffällt.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Denn Debatten wie diese verändern Kulturen. Es brauchte jahrelange Kämpfe, bis 1997 das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe kam und 2016 die Reform des Sexualstrafrechts, seit der „Nein heißt Nein“ gilt. Auf diesem Weg ist #MeToo ein weiterer Schritt hin zu einem „Ja heißt Ja“, wie es seit Juli in Schweden Gesetz ist und derzeit in Spanien vorbereitet wird.

Hierzulande folgen auf Entwicklungen wie diese noch hämische Kommentare und die Frage, ob für Sex jetzt Verträge nötig seien. Aber „aktive Teilnahme“, die es für „Ja heißt Ja“ braucht, heißt genau so viel: Wenn die Frau sich scheintot stellt, sollte auch der Mann möglichst aufhören. Irgendwann wird auch die Mehrheit der deutschen Männer das verstehen – auch dank #MeToo.

Denn hinter #MeToo können wir schon heute, ein Jahr später, nicht mehr zurück. Zwar wird Frauen, so explizit und detailliert die Schilderungen auch sein mögen, noch immer schwerlich geglaubt. Zwar bekommen sie wie Christine Blasey Ford Morddrohungen und brauchen Personenschutz, sobald sie sprechen. Zwar lässt der Status der Beschuldigten die Tat oft nachrangig erscheinen: Was ist, wie im Falle Ronaldos, schon eine anale Vergewaltigung gegen ein paar neue Tore des Helden in der Champions League.

Und schließlich ist das Prinzip Konsens in nahezu allen Räumen, in denen Menschen miteinander Kontakt haben – sei es Sex, sei es Arbeit –, noch längst nicht das, nach dem wir als Gesellschaft handeln. Aber #MeToo ist ein Meilenstein auf dem Weg dorthin: Frauen als eigenständige Subjekte zu respektieren.

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Jahrgang 1979, ist seit 2012 bei der taz. Sie war Chefin vom Dienst in der Berlinredaktion, hat die Seite Eins gemacht und arbeitet jetzt als Redakteurin für Gender und soziale Bewegungen im Inland.

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