Die Woche

Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?

Steinmeier und Erdoğan auf Kuschelkurs, ein leugnender US-Richterkandidat und ein CDU-Fraktionschef, der mit der AfD flirtet. Geht's noch?

Brinkhaus schmunzelt

Brinkhaus statt Kauder heißt eigentlich: Merkel, nur anders Foto: dpa

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht in der vergangenen Woche?

Friedrich Küppersbusch: Union düpiert ihre Vorsitzende.

Und was wird besser in dieser?

Medien finden nach kurzer Schockstarre einen Grund, warum das schlecht für die SPD ist.

Deutschland hat dem türkischen Präsidenten in dieser Woche den roten Teppich ausgerollt. Ist der offizielle Staatsempfang das richtige Format für einen Autokraten?

„Deutschland spricht“ will „Menschen zusammenbringen, die politisch völlig unterschiedlich denken und möglichst nahe beieinander wohnen“, so die Aktion von elf Medienhäusern in der selben Woche. Da ist Schirmherr Steinmeier mit Erdoğan eine tolle Besetzung gelungen: Das kühle Kuscheln zwischen Nazis und Ziegenfickern ging ohne den ganz großen Eklat ab. Bemerkenswert: Bei den Kriterien Nationalismus, Rassismus, „gelenkte Demokratie“ und Hass auf Meinungsfreiheit passt kein Blatt zwischen Erdoğan und AfD. Und doch schwiegen unsere Kotkehlchen vom rechten Flügel zu der Sause, denn – ein Türke als Idol, das knirscht im braunen Stiefel. Erdoğan ist klamm und sucht Prestige – das ist, was Realpolitik nutzen kann. Surrealpolitik ist sexyer, kann aber nicht mal das.

Merkels Vertrauter Volker Kauder, langjähriger Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag, wurde abgewählt. Ist das jetzt der Beginn der vielprophezeiten Kanzlerinnendämmerung?

Merkels Markenzeichen wie Erfolgsgeheimnis ist: unterschätzt zu werden. Das kriegt sie gerade mal wieder toll hin. Als Aschenputtel ins Amt geplumpst, räumte sie zuerst den sozialpolitischen Flügel ab: Blüm, Eppelmann, CDA, christliche Soziallehre – der Hochbegabten aus dem Osten war staatliche Wohlfahrt als Entmündigungsschmusen suspekt, sie startete neoliberal. Das vergisst man unter dem Eindruck des Klischees von der sozialdemokratischsten aller Christdemokraten. Nun will die Union nach rechts, doch dafür hat sie keine Führungs- noch Symbolfigur. Also Schneckenrennen: Erfindet sich Merkel ein drittes Mal neu oder schießt unterdessen ein Herausforderer ans Licht? Brinkhaus statt Kauder heißt vorerst: Merkel, nur anders.

Deutschland richtet die Fußball-EM 2024 aus. „Ein guter Tag für den deutschen Fußball“, findet DFL-Präsident Reinhard Rauball. Finden Sie das auch?

Belgien und Niederlande, Österreich und Schweiz, Polen und Ukraine waren treffliche Ausrichterpaare in den letzten 20 Jahren. Da wäre Deutschland und Türkei doch ein großer Spaß geworden. Nun hat der DFB sechs Jahre Zeit, die Rassisten unter seinen Fans auszusortieren, die Gündoğan und Özil ausgepfiffen haben. Breitensport, unterklassige Vereine und Stadionbesucher sind bis dahin mit der neuen Nations League, einer EM im Pizzakäseformat, hinreichend verprellt.

Mediales Großereignis der Woche: Die dramatische Anhörung des republikanischen Kandidaten für den US-Su­preme-Court Brett Kavanaugh. Auch mal reingeschaut?

Die US-Politik folgt Kriterien des ausgewilderten Unterhaltungsfernsehens. Da gewinnt am Ende auch gern der schillerndste Idiot. Ich arbeite lieber an einer Strategie, bei den Fernsehverbrecherprozessen nach dem Krieg als Mitläufer eingestuft zu werden.

Im deutschen Fernsehen stritten sich Markus Söder (CSU) und der Grünen-Spitzenkandidat Ludwig Hartmann unter anderem über bezahlbaren Wohnraum. Schon gespannt auf die bayerische Landtagswahl?

Bei der Berliner Senatswahl verzichtete der RBB auf ein Duell, weil vier bis fünf Parteien gleichauf lagen. Der Bayerische Rundfunk sendete nun streng nach Umfrage, in der CSU und Grüne vorne rangieren. An der Landtagswahl dort darf man die Sondierungen zwischen den beiden Parteien nach der Wahl beargwöhnen, da werden zwei beieinandersitzen, die sich durch bloßes Koalieren umbringen können. Und: Wer zum Teufel bestreitet ein Duell vor der nächsten Bundestagswahl?

Die deutschen Bischöfe wollen mit einem 7-Punkte-Plan den Missbrauch in der katholischen Kirche bekämpfen. Unter anderem soll „mehr als bisher“ die Begegnung mit den Opfern gesucht werden. Oberflächliche Aktion oder ein Wendepunkt?

Gute Frage. Noch eine: Ist die Autorität des Apparats auch in der Kirche so erschüttert, dass sich nun Rufe nach weiblichen Priestern, Ende des Zölibats, Demokratisierung durchsetzen? Das wären handfeste Signale.

Sachsens neuer CDU-Fraktionschef, Christian Hartmann, schließt eine künftige Koalition mit der AfD nicht aus. Geht’ s noch?

Nachdem MP Günther und andere bereits Koalitionen mit der Linken ins Gespräch gebracht haben, muss die Lage ernst sein.

Laut einer Studie ist die Union neuerdings die beliebteste Partei unter Menschen mit Migrationshintergrund. Vor zwei Jahren war das noch mit klarem Abstand die SPD. Was ist passiert?

„Ich bin drin, jetzt haltet mir die anderen vom Leib.“ Ist doch auch das Banner vieler ehemaliger DDR-Bürger.

Und was machen die Borussen?

Für die Tabellenführung müssten wir uns bei Hertha BSC bedanken. Müssten.

Fragen: Leonie Gubela

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de