Brauchen wir das Böse?

Der Kampf ist noch nicht entschieden

In vielen Bereichen ist es am Verschwinden. Aber es gibt Menschen, die das Böse zurückgewinnen wollen.

Da ist die Hölle noch an ihrem Platz: Deckenbemalung der Pfarrkirche St. Pankratius in Hamburg-Neuenfelde von 1683. Bild: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Das Böse ist ein seltener Gast geworden. Man trifft es gelegentlich, wenn Boulevardzeitungen über Sexualstraftäter schreiben. Manchmal ist in den Feuilletons die Rede davon, dass es zurückkehren sollte in die allgemeine Debatte. Etwa nachdem Kinder in Liverpool ein Kleinkind getötet haben. Die sympathischeren unter den Feuilletonisten schreiben zurück, dass der Ruf nach dem Bösen verständlich, aber nicht hilfreich sei.

Kürzlich war ich im Gottesdienst, es war Reformationstag und die Rede von Luther – und daher nahe liegend, dass der Pfarrer deutliche Worte fand. Er sagte, dass das Sprechen über das Böse aus der Kirche verschwunden sei, vielleicht, weil man die Bildungsbürger, die das Restpublikum stellten, nicht verprellen wolle. Aber damit, so der Pfarrer, habe man etwas Wesentliches verloren.

Ich mochte die Predigt. Aber das ist kein Wunder, denn ich habe die evangelische Kirche schon lange im Verdacht, es allen so recht machen zu wollen, dass sie vor lauter Milde und Verständnis eine Art Wohlfühl-Flummi geworden ist, der dennoch keinen Anklang findet. Aber das ist eine andere Frage.

Wenn man bei Pastor Torsten Morche in Hamburg-Altona nachfragt, warum das Verschwinden des Bösen als Begriff ein Verlust sein sollte, meint er: „Uns ist die Möglichkeit genommen, in der Öffentlichkeit über Schuld zu kommunizieren.“ Das Böse habe man privatisiert. Es sei nun ein Problem des Einzelnen, der hoffe, mit dem richtigen Buch, der richtigen Therapie irgendwann endgültig damit abzuschließen. Aber das sei müßig, zumindest aus christlicher Sicht, denn eine Welt ohne das Böse sei erst die durch Christus erlöste, sagt Pastor Morche.

Vielleicht ist es das, was seiner These etwas so Kathartisches gibt: ein kurzes Luftholen vom Anspruch der Selbstoptimierung. Und, zugegebenermaßen: die Befriedigung, das Nicht-Gute an sich selbst und anderen gleichermaßen feststellen zu dürfen. Nicht anzunehmen, dass – dies ist ein weiter Begriff des Bösen – meine Entscheidung, nur 50 Cent Kollekte zu geben, weil ich danach noch Kaffee trinken möchte, den Umständen, also meinem Arbeitgeber anzulasten ist, der mich zu schlecht bezahlt. Nicht anzunehmen, dass der Junge, der meine Tochter im Kindergarten haut, glaubt, dies sei ein lustiges Spiel. Zu denken, dass das Böse eine Karte im Spiel ist, die gelegentlich auftaucht.

Pastor Morche sagt, dass die Kirche hier über verbrannte Erde gehe, dass sich Generationen daran abgearbeitet haben, das Reden über die schlechten Gläubigen, über ihre Verfallenheit an die Sünde abzustellen. Und nun? „Ist man auf der anderen Seite des Pferdes heruntergefallen.“ Die Pfarrer und Pfarrerinnen sprechen nicht mehr von bösen Menschen. Aber sie sprechen auch nicht mehr vom Bösen im Menschen.

Was gewinnt man, wenn man davon spricht, jenseits der Pillepalle-Bösartigkeiten? Einen klareren Blick, ohne jene Sozialpädagogen-Verklärung, über die sich so großartig herziehen lässt, wie Hans Magnus Enzensberger es getan hat? – „Da alle anderen für nichts etwas können, am allerwenigsten aber für sich selbst, existieren sie als Personen nicht mehr, nur noch als Objekte der Fürsorge.“ Ist es eine zu einfache Welt, wenn man sich an seine Grundschulzeit zurückerinnert, in der man gehässig war zu einem Jungen, der nicht Schlimmeres getan hatte, als dicklich zu sein und bei seinen Großeltern zu wohnen und zu konstatieren, dass diese grundlose Bosheit böse ist?

Es gibt einen sehr klugen Aufsatz des Frankfurter Juristen Klaus Günther, der darüber nachdenkt, warum die Freude an der Begrifflichkeit des Bösen kein harmloser Feuilletonisten-Knallfrosch ist. Das Bild vom Menschen als Wolf, als beharrlich böser Existenz, findet er als politisch wirksame Idee im Deutschland des 19. Jahrhunderts – und deutet es als Erklärungsversuch der enttäuschten Intellektuellen für das Überleben der autoritären Regime, vielleicht auch als Erschrecken über die Folgen der Industrialisierung. Es ist das Bild einer Welt, in der sich alles nach Freund und Feind scheidet, und Günther überrascht es nicht, dass es in Zeiten neuer Verunsicherung Konjunktur hat.

Er nennt es eine „Flucht ins moralische Pathos“. Aber das solle nicht vernebeln, dass das Hauptargument der Verfechter des Bösen nicht treffe: nämlich dass derjenige, der sich in der freien Wahl zwischen Gut und Böse für Letzteres entschieden hat, vollständig für das Böse verantwortlich ist – und damit die Debatte endet. Eine Gesellschaft, die für ein bestimmtes Verhalten Verantwortung zuschreibt – der Familie etwa, deren Kind auf die Straße läuft, auf der Autofahrer mit 50 Stundenkilometern durchrasen dürfen – und für anderes nicht – in diesem Fall dem regelkonformen Autofahrer –, diese Gesellschaft muss sich darauf einlassen, über ihre Kriterien der Verantwortungszuschreibung und -entlastung zu diskutieren.

Es scheint, als sei der Kampf ums Böse noch nicht entschieden. Aus den Kinderbüchern ist es verschwunden. Die Eltern, die Astrid Lindgren vorlesen, greifen, aber das ist jetzt ein persönlicher Eindruck, den ich nicht belegen kann, lieber zu „Pippi Langstrumpf“ als zu „Mio, mein Mio“, wo Ritter Kato Kinder verfolgt, ohne dass man erführe warum, und am Ende von ihm nur eine Klaue bleibt. Und die Zoologen lächeln über „Brehms Tierleben“, wo der Marder als bösartig galt, vielleicht weil er Tiere angreift, die viel größer sind als er; vielleicht, weil er sogar Menschen attackiert. Die Neurobiologen wiederum finden in ihren Computerbildern von Straffälligen Gehirnareale, deren Tätigkeit für sie auf mangelnde Empathiefähigkeit hinweist. Aber sie hantieren nicht wie ihre kriminologischen Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert mit einem Konzept des Bösen. Das Moralische ist ihnen fremd.

Die Kategorie des Bösen ist nicht so unerschütterlich, wie man meinen könnte. Sie lehnt sich an so instabile Größen wie finanzielle Ressourcen an, das glaubt zumindest Klaus Günther, der festgestellt hat, dass abweichendes Verhalten dann als unkorrigierbar durch soziale Maßnahmen gilt, wenn Ebbe herrscht in der Kasse des Wohlfahrtsstaates.

Guntram Knecht, Chefarzt der forensischen Psychiatrie am Hamburger Klinikum Ochsenzoll, sagt, dass abweichendes Verhalten heute immer häufiger pathologisiert wird: „Wer sich normwidrig verhält, muss krank sein.“ Diese Entmoralisierung haben zwar viele begrüßt – ihren Verfechtern hat es jedoch den Vorwurf eingetragen, dass Therapie statt Strafe nur eines der vielen Instrumente zur sozialen Disziplinierung sei.

Für Guntram Knecht liegt in der Pathologisierung die Gefahr, „Weichspüler zum Wegsperren“ zu werden. Wo der Sicherungsverwahrte nach geltendem Recht entlassen werden müsste, kann das Therapie-Unterbringungsgesetz das Schlupfloch bieten, ihn als mutmaßlich Kranken weiter festzuhalten. Angesichts einer Kleinstaaterei schön anzusehender Therapieangebote guckten viele gar nicht mehr hin, ob es hilfreich sei, einen Therapieplatz durch einen Therapieunwilligen besetzen zu lassen, während ein Therapiewilliger im Regelvollzug vergeblich auf einen Platz warte. Währenddessen, so sagt Knecht, drücke man sich vor der eigentlich anstehenden Diskussion: Die Frage, wie viel abweichendes Verhalten wir als Gesellschaft zu tolerieren bereit sind, wie viel Restrisiko wir ertragen können.

Guntram Knecht ist alles andere als ein Hardliner, aber er sagt, dass mit dem Begriff des Bösen auch eine pragmatische Einschätzung verloren gegangen ist: Dass es Leute gibt, die sich bewusst entscheiden, Schlechtes zu tun.

Das Böse macht es einem nicht leicht: Es ist beharrlicher, als die Gutmeinenden es gern hätten. Und es ist vielschichtiger als die Leute, die gern mit ihm hantieren.

Über das Böse lesen Sie mehr in der taz.am.wochenende oder hier

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