Aktivistin über feministische Pornos

„Gucken alleine macht es nicht aus“

Am Samstag wird in Berlin der „PorYes Award“ für den besten feministischen Porno verliehen. Laura Méritt über Public Viewing, Fairness und Mainstream-Bilder.

Eine Frau liegt in der Badewanne und berührt ihre Brüste

Die Regisseurin Miss Naughty ist nominiert Foto: Filmstill aus „Rae Threat“

taz: Frau Méritt, wer einen feministischen Porno gucken will, hat zumindest in Berlin eine große Auswahl: Es gibt Public Viewings in Kneipen, mit Bier und Elektromusik, es gibt Open-Air-Screenings und das feministische Pornofilm-Festival.

Laura Méritt: Ja, das stimmt, das Angebot ist auf jeden Fall mehr geworden. Das ist toll.

Aber wo bleibt die politische Botschaft? Ist das nicht nur Lifestyle?

Das kann ja auch in Ordnung sein. Ich freue mich über jeden gezeigten Film, der anders ist als der Mainstream. Genau wie ich mich über Feminismus-T-Shirts auf der Straße freue.

Selbst wenn es eines von Dolce & Gabbana ist?

Ja, tatsächlich. (lacht)

ist Kommunikationswissenschaftlerin, Aktivistin und Inhaberin eines Sexshops. Am 21.10. wird im Berliner Hebbel Theater der „PorYes Award“ verliehen. Weitere Infos auf www.poryes.de

Was bleibt bei so einem Public Viewing eigentlich hängen?

Zuerst mal haben die Leute einen schönen Abend. Aber nur das Gucken allein macht es nicht aus. Noch besser wäre, wenn die Leute sich hinterher austauschen. Viele sind es leider nicht gewohnt, in einen positiven Austausch über Sexualität zu treten. Deswegen zeigen wir hier in meinem Salon regelmäßig Filme und moderieren das. Dann kann man den Leuten auch Informationen zur Entstehung und zum Hintergrund geben und mit den Leuten über ihre eigenen Voraussetzungen und Gedanken sprechen. Und diskutieren, was daran feministisch ist. Wir alle haben ja bestimmte Wahrnehmungen gelernt, da muss man erst mal dran arbeiten.

Also sollte man feministischen Porno lieber mit Freund*innen auf der Couch gucken als mit dem Vibrator im Bett?

Man sollte ihn immer dann gucken, wenn man Lust hat. Ich finde es in der Gruppe total schön, weil ich mich austauschen und andere Perspektiven aufgezeigt bekommen kann. Du kannst auch alleine oder mit deinen Partner*innen Porno gucken und dabei zum Beispiel eigene Wünsche entwickeln oder formulieren lernen. Du kannst auch mit Freund*innen gucken und über die Filme reden – und dann angeregt nach Hause gehen und Spaß haben. Es ist Quatsch, zu glauben, Reden mache die Lust kaputt – Reden ist Teil von Sexualität!

Was ist eigentlich ein feministischer Porno? Inwieweit unterscheidet er sich von Durchschnitts-Pornografie?

Die drei Kriterien von feministischem Porno sind: Vielfalt, Konsens und Fairness. Vielfalt bedeutet, dass wir die Lust von allen Beteiligten sehen wollen, anders als im Mainstream. Wir wollen, dass verschiedene Körper zu sehen sind, verschiedene Altersgruppen, People of Color, alle diese Kriterien, die im Laufe der Jahrzehnte entwickelt wurden. Natürlich muss das nicht alles in einem Film sein. Es sollen keine Stereotype als Norm verkauft werden. Konsens bezieht sich zum einen auf die Produktionsbedingungen; alle Beteiligten sprechen ab, was sie machen wollen und was nicht. Und auch im Film haben die Leute mehr Kontakt, mit den Körpern, mit den Augen, sie sprechen miteinander. „Willst du noch“, oder: „Willst du das mal probieren?“ Alles Dinge eben, die wir uns in unserem realen Sexleben auch wünschen. Fairporn heißt, dass die Arbeitsbedingungen gut sind und die Verträge fair. Das sind aber nicht nur gute Kriterien für Porno – sondern fürs ganze Leben.

Seit 2009 verleihen Sie alle zwei Jahre den „PorYes Award“ und zeichnen feministischen Porno aus. Warum?

Weil klar ist, dass die Leute was anderes sehen wollen als den Mainstream-Porno. Seit Jahren zeichnet sich dieser Paradigmenwechsel ab: Die Leute wollen sehen, wie Leute wie du und ich miteinander Sex haben. Dass sie miteinander reden, dass sie Safer Sex haben, dass sie Spaß haben – all die Dinge, die man im Mainstream-Porno eben nicht sieht.

Sondern?

Mainstream-Porno sieht ja immer stark nach Leistungssport aus. Das siehst du schon an den Gesichtern der Menschen; die sind sehr, sehr angestrengt (lacht). Die Darsteller müssen dem hinterherjagen, was als sichtbarer Orgasmus dargestellt wird: dem männlichen Samenerguss. Und die Frau muss ihn bedienen. Die klassische Choreografie ist blasen, ficken, spritzen. Und zwar ins Gesicht der Frau. Wenn das alles ist, was Sex ausmachen soll, dann ist das wirklich grausam. Und zwar für alle.

Nicht vor allem für die Frauen?

Natürlich für die Frau, deren sexuelle Lust kommt so ungefähr gar nicht vor. Ich würde aber sagen, den Männern geht es auch nicht so viel besser. Mainstream-Porno zeigt ja eine sehr reduzierte Variante von männlicher Sexualität. Ich würde sogar in Frage stellen, dass es überhaupt eine gegenderte Sexualität gibt. Aber die Gender sind im Mainstream nun mal sehr normiert und stilisiert. Alle anderen, die da nicht reinpassen, werden in die Kategorie „Pervers“ oder so eingegliedert … harte Frauen, alte Weiber, Muttis, spritzende Frauen. Letztlich ist das nicht nur falsch, sondern auch old-fashioned – denn ich würde sagen, viele Leute sind schon woanders.

Nun reden wir hier über die hippe Berliner Blase. Welches Potenzial hat feministischer Porno darüber hinaus?

Ein ganz schön großes, würde ich sagen. Der Mainstream hat unsere Ideen ja schon längst aufgegriffen. Es gibt den sogenannten „alternativen“ oder „authentic porn“. Klar sind das auch hochindustrielle und normierte Produktionen – die Frau bedient immer noch den Mann, und der spritzt und fickt dann in alle Löcher. Aber ein bisschen anders sind sie trotzdem. Die Branche beobachtet ganz genau, was wir machen und welche Labels gut gehen … „Frauenporn“ oder „Female Friendly“ gibt es inzwischen in fast jedem Verleih. Und dann sehen wir natürlich, wie viel Zulauf wir selber bekommen.

Was bringt es, wenn unter dem Label „Female Friendly“ etwas verkauft wird, was euren Kriterien nicht entspricht?

Wir reden hier ja von Veränderungen, die einfach Zeit brauchen. Die Sex-Industrie hat sich ja schon drastisch geändert. Ich hatte vor 20 Jahren den ersten feministischen Sexshop Deutschlands. Damals hat jeder große Handel, von Beate Uhse bis Orion, gesagt, Frauen seien überhaupt keine Zielgruppe. Wir haben das damals erst aufgebaut, das Wort Sex-Toy oder Dildo ist durch uns in die Welt gekommen. Das gab es früher nicht. Deswegen ist mir auch die Sprache so wichtig. Guck dir mal an, was heute für eine hohe Qualität an Spielzeugen präsentiert wird. Das sind 20 Jahre – mit Porno sind wir erst seit 10 Jahren dabei. Das dauert nicht mehr lange. Wenn die Industrie Frauen und andere, die der Mainstream-Porn nicht anspricht, als Zielgruppe erkennt – dann geht das zack, zack.

Gibt es bald „Feminist Porn“ als Kategorie auf Portalen wie YouPorn oder PornHub?

Das kann schon sein. An sich ist feministischer Porno ja keine Kategorie. Wir haben Kriterien. Trotzdem kann so eine Einordnung am Anfang sinnvoll sein, um sich vom Mainstream abzugrenzen und Leuten die Orientierung zu erleichtern. Prinzipiell würden wir es lieber sehen, dass unsere Kriterien überall durchsickern. Aber das ist ein Prozess, und der dauert halt. Aber es passiert ja was, Themen wie BDSM, Fetisch oder überhaupt Pornografie sind viel präsenter – sei es in „50 Shades of Grey“ oder im „Tatort“. Jetzt kann man immer noch Kritik daran üben, wie es umgesetzt wird – aber das Thema sickert durch, und die Leute setzen sich damit auseinander.

Was ist, wenn jemand sagt: Ich will aber keinen Porno mit dicken Menschen oder mit Fesselspielen sehen?

Prinzipiell kannst du das einfach so sagen. Wir verbieten ja nichts. Wir wollen nur zeigen, dass es Alternativen gibt. Es gibt Angebote; wenn du das nicht möchtest, musst du nicht. Es geht auch nicht darum, zu sagen, dass jemand kleinkariert ist, wenn er nur Dünne sehen will. Das ist genau die Beschämungskultur, die wir ablehnen. Niemand wird zu irgendwas gezwungen.

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