Anti-Sarrazin-Video von Jugendlichen

„Du bist ein Terrorist“

Teenager aus Fulda wehren sich mit einem Rap-Song gegen die Thesen Thilo Sarrazins. Ihr Song ist eine feine Analyse des Rassismus in Deutschland.

Würde dieser Mann kleinen Mädchen das Eis wegnehmen? Bild: reuters

BERLIN taz | Das kleine schwarzhaarige Mädchen hat gerade grinsend von ihrem pinken Eis geschleckt, da kommt Thilo. Die Hand im grauen Anzugärmel greift er nach der Waffel und wirft sie auf den Asphalt. Thilo Sarrazin richtet sich auf, seine Augen rollen zum Himmel, als habe er einen Orgasmus. „Du bist ein Terrorist, der die Jugend drangsaliert“, tönen die Rapzeilen im Hintergrund dieses Videos.

In ihrem Song „Generation Sarrazin“ nehmen zwei Fünfzehnjährige den rassistischen Bestsellerautor auseinander. Kamyar und Dzeko kommen aus Fulda, ihre Eltern aus dem Iran und aus Montenegro. Sie kennen sich seit sie Kinder waren, haben gemeinsam Fußball gespielt und sind über das Projekt „Von der Straße ins Studio“ des Rappers Eko Fresh zur Musik gekommen, dessen Label auch das Video produzierte. „Deutschlands jüngste Rapper“ nennt sie das Nachrichtenportal Zeit Online, das am Dienstag den Anti-Sarrazin-Song veröffentlichte.

„Kamyar ist für Sarrazin ein Salafist und Dzeko keiner, der die deutsche Sprache spricht“, rappt das Duo. Der Song ist persönlich. „Hey Mister Sarrazin, ja, ich rede grad mit ihnen“, heißt es immer wieder. Im Interview erzählen die Jungen von der eigenen Diskriminierungserfahrung. „Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, sage ich: 'Ich bin Deutsch-Iraner'“, erzählt Kamyar. „Dann sagt der andere meistens: 'Nee, Du bist kein Deutscher.'“

Wer hofft, dass die Jugendlichen den Thilo mal fragen, wer ihm ins Gehirn geschissen hat, ist allerdings fehl am Platz. Der Song ist eine feine Analyse von Rassismus in Deutschland – und eine schlagfertige Widerlegung von Sarrazins Thesen, inklusive Zitate. „Laut Sarrazin übernehmen wir bald Deutschland - 'wir werden immer weniger' - doch warum sieht mich dann Joachim als Freund an?“, rappen sie. Und: „So wie Sarrazin, er wertet unsere Gene aus, und wenn man ihn dann kritisiert - 'das habe ich doch gar nicht gesagt' - redet er sich raus.“

Das Video ist fast schon defensiv. „Ich bin Dzeko und garantiert kein Straftäter“, rappt der eine Teenager. „Fußball, Rap und Schule – bei mir läuft's rund wie Zahnräder.“ Kamyar erzählt, dass er im Gymnasium eine Klasse übersprungen hat: „Und dann sag nochmal, die Moslems sind dumm“. Sie wehren sich gegen Reportagen, die zeigen wie sich „Araber und Jugoslawen täglich auf dem Schulhof schlagen“. „Das ist nicht unsere Gegenwart”, appellieren sie. Stattdessen singen sie von einem neuen Deutschland ohne rassistische Identitäten: „Blaue Augen, blonde Haare, ist nicht mehr die Maßgabe, schwarze Haare, aber trotzdem deutsche Nationalfahne.“

Für das Video schickten die Jugendlichen ein Sarrazin-Double durch Neukölln, der dem Autor zum Verwechseln ähnlich sieht und wie eine Comicfigur im Viertel herumirrt und Zettel mit seinen rassistischen Sprüchen verteilt. „Die Leute sind fast ausgerastet“, erzählt Dzeko dazu im Zeit-Interview. „Manche haben ihn angeschrien und angespuckt. Bis wir denen erzählt haben, dass es nur ein Videodreh ist.“

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben