Symposium zur documenta 15: Die Welt ist zu schnell

Ein Symposium in Kassel sollte den Antisemitismus der documenta 15 aufarbeiten. Doch es zeigte vor allem, in welcher Krise die Kunst derzeit steckt.

Eine Person verhängt ein Kunstwerk auf einem Gerüst.

Das Banner „People's Justice“ des Kollektivs Taring Padi wird bei der documenta 15 verhängt Foto: Swen Pförtner/dpa

Was könne die Kunst überhaupt noch tun in diesen dunklen Zeiten, fragte die israelische Philosophin und Künstlerin Bracha Lichtenberg Ettinger. Eine bittere Frage, die sie von Tel Aviv aus vor einigen Tagen in einem Brief an die documenta gerichtet hatte, die furchtbaren Eindrücke des Massakers der Hamas am 7. Oktober irgendwie verarbeitend.

Mit dem Schreiben hatte Bracha Lichtenberg Ettinger ihren Rücktritt aus der Findungskommission angekündigt, die eigentlich eine neue kuratorische Leitung für die nächste Ausgabe der Kunstschau 2027 ernennen sollte. Doch der 7. Oktober ist eine Zäsur.

Auf einem Symposium, zu dem das documenta-Institut am vergangenen Wochenende in Kassel eingeladen hatte, sagte dazu Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, dass seither ein extrem gewalttätiger Diskurs herrsche. Die schon lang anberaumte Tagung hingegen sollte nachträglich dazu dienen, die antisemitischen Verfehlungen, das kuratorische Chaos und den Unwillen der letzten documenta fifteen in Diskussionen aufzuarbeiten.

Neuerliches Debakel

Das Symposium wurde jetzt von den Krisen überholt. Der kurz zuvor bekannt gewordene, kaum überraschende Rücktritt der Findungskommission für die documenta 16 überschattete die Tagung nicht nur als ein neuerliches Debakel. Er ist auch ein Spiegel für eine giftige Wirrnis in den weltweiten sozialen Medien und ihrem moralischen Rigorismus. Hatte Bracha Lichtenberg Ettinger vor ihrem Rücktritt vergeblich um Aufschub des Findungsprozesses gebeten, so blieben die großen Empathiebekundungen aus.

Ihr ebenfalls zurückgetretener Kommissionskollege aber, der indische Kulturtheoretiker Ranjit Hoskoté, der offenbar bewusst seine Unterzeichnung eines hart antisemitischen BDS-Briefs von 2019 verschwiegen hatte, geriet nach dessen Aufdecken in die hiesige mediale Kritik. Die anderen Mitglieder der Findungskommission solidarisierten sich letztlich mit Hoskoté und warfen der documenta in ihrem Rücktrittsschreiben ein „emotionales und intellektuelles Klima der übermäßigen Vereinfachung komplexer Realitäten“ vor.

Alle, und das ist bemerkenswert, hatten ihre Rücktrittsschreiben schnell veröffentlicht, unter anderem auf der US-amerikanischen Internetplattform e-flux. Und dies zum Teil sogar, bevor die documenta von ihren Gesuchen wusste. Die Empörung in den sozialen Netzwerken der internationalen Kunstwelt über vermeintliche Zensur in Deutschland kam schneller, als die documenta reagieren konnte. Die documenta als Forum für die Kunst der Welt, sie kommt nicht mehr hinter der Welt her.

Über die Kunst nachdenken

Die Geschäftsführung wolle nun einen komplett neuen Findungsprozess starten und sie wolle nach Abschluss einer derzeit laufenden Organisationsuntersuchung die gesamte Institution reformieren, heißt es am Wochenende. Spricht man allerdings mit dem documenta-Geschäftsführer, Andreas Hoffmann, so scheint diese Neuorganisation eher auf ein Nachjustieren an der inneren Struktur hinauszulaufen, eine bessere Außenkommunikation, mehr Gremien, vielleicht sogar mehr Bürokratie.

Doch eigentlich müsste man vielmehr über die Kunst nachdenken, in dieser „Welt der Multikrisen“, wie Künstlerin Hito Steyerl es in einem Radiointerview zum Rücktritt der Findungskommission formulierte. Eine Welt, in der jedes Statement verbreitet und kommentiert wird und jeder Bombeneinschlag in Nahost mit einem Meme auf Instagram und Tiktok sofort in die globalen Bildkanäle fließt.

Dass in den Bildern immer schon und immer auch Antisemitismus anzutreffen ist, betont auf dem Symposium die Literaturwissenschaftlerin Yael Kupferberg und meint zugleich: Man kann diesen Antisemitismus nicht zensieren, man müsse ihm aber mit Haltung begegnen.

Doch wie kann man als ausstellende Institution ein solch souveränes Verhältnis zu schwierigen Bildern vermitteln, wenn die Wege der Vermittlung aus den Fugen geraten? Wenn die Künst­le­r:in­nen selbst Texte und Bilder kursieren lassen, die nicht mehr den kritischen Filter durchlaufen, sondern roh und von überall produziert werden. Wenn „die Kunst ihre Unschuld verloren hat“, wie Steyerl sagt. Die Frage von Bracha Lichtenberg Ettinger, man muss sie vielleicht umformulieren: Was ist Kunst in diesen dunklen Zeiten?

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