Mit einer Netzkampagne fordern zahlreiche Neonazis die Freilassung von Ralf Wohlleben. Er steht im Verdacht der Terrorzelle NSU eine Pistole beschafft zu haben.von Andreas Speit

Dokumentierte Freundschaft: Uwe Böhnhardt und Ralf Wohlleben im Jahr 1996. Bild: dapd
HAMBURG taz | Das Schaf schaut niedlich drein. Der Spruch auf dem Facebook-Button mit dem Comic-Schaf, dessen Pfoten braun und schwarz sind, ist ebenso undeutlich: "Freiheit für Wolle". "Wolle" – das ist der Spitzname des inhaftierten, mutmaßlichen Unterstützers der Neonaziterrorzelle NSU und ehemaligen NPD-Funktionärs, Ralf Wohlleben. Die etwas verschlüsselte Solidaritätsbekundung prangt auf dem Facebook-Profilbild des Thüringer NPD-Kommunalpolitiker Karsten Höhn.
Auf über 60 Facebook-Seiten haben User bereits den Button gepostet. Aus der NPD ist Höhn nicht der Einzige. Auch Sebastian Reiche, für die NPD im Kreistag Gotha, solidarisiert sich. Auch André Kapke, dem die NPD wegen vermuteter Nähe zur NSU aus der Partei ausschließen wollte, benutzt ihn.
In den 1990er war Kapke in Jena eng mit dem NSU-Kern Uwe Mundlos, Uwe Böhnhadt und Beate Zschäpe befreundet gewesen. Mit Wohlleben bis heute. In Thüringen haben die beiden, die zum Kameradschaftsnetz "Freies Netz" gehören, Rechtsrockevents organisiert.
Am 29. November des vergangenen Jahres hatten die Ermittler Wohlleben in Jena festgenommen. Jahrelang war er NPD-Landesvize. Der Generalbundesanwalt hält Wohlleben vor, über Holger G. den drei Untergetauchten, denen zehn Morde angelastet werden, im Jahr 2001 oder 2002 eine Schusswaffe mit Munition zugekommen haben zu lassen. Der Verdacht gegen Wohlleben: Beihilfe zum vollendeten Mord in sechs Fällen.
Bei "PicBadges" hat ein Nutzer mit den Nickname "Indy Fresse" zweimal den Button "Freiheit für Wolle" angelegt. Über den unpolitischen Anbieter kann man sich für sein Facebook-Profil-Bild kostenlos Buttons basteln lassen und diese als Teil von Profilbildern verwenden. Auf einer der Seiten heißt es zur Erklärung: "Solidarität ist eine Waffe". Über sich selbst gibt "Indy Fresse" an, das er aus Saalfeld stamme und seine Hochschule "Napola" (Anm.: "Nationalpolitische Lehranstalten" wurden von den Nazis nach der Machtergreifung eingeführt) wäre.
Die Onlinekampagne dürfte die NPD-Führung verstimmen. Denn die offizielle Linie der Partei ist eine anderen. "Weder distanzieren wir uns von Herrn Wohlleben, noch solidarisieren wir uns", sagt Patrick Wieschke, NPD-Bundesgeschäftsführer und NPD-Landespressesprecher der taz. Bisher hege die Partei weiterhin große Zweifel an den Darstellungen der Behörden. Die belastenden Aussagen der zwei weiteren inhaftierten NSU-Unterstützer Holger G. und Carsten S. könnten auch Schutzbehauptungen sein, meint der NPD-Kader. "Wir warten die Ermittlungen ab", sagt Wieschke.
"Die Neonaziszene in Thüringen zeigt sich wenig beeindruckt von den Ermittlungen", sagt Martina Renner, innenpolitische Sprecherin der Thüringer Landtagsfraktion Die Linke. Sie zolle vielmehr über "alle organisatorischen Grenzen von Autonomen Nationalisten bis NPD" dem vermeintlichen Waffenbeschaffer der NSU Unterstützung. "So ein Bekenntnis ist auch eine Sympathiebekundung für den Naziterror", sagt Renne.
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Fast 13 Jahre lang konnte die Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" mordend und raubend quer durch Deutschland ziehen, ohne dass ihr die Ermittlungsbehörden auf die Spur gekommen waren.
Erst als die Mitglieder Uwe M. und Uwe B. nach einem Banküberfall in Eisenach in einem Wohnmobil Selbstmord begingen, ihre Komplizin Beate Z. die gemeinsame Wohnung in Zwickau in die Luft jagte und sich dann der Polizei stellte, fügten sich die Puzzleteilchen vieler ungelöster Verbrechen plötzlich zu einem größeren Bild zusammen: Die Morde an acht türkischen und einem griechischen Kleingewerbetreibenden haben einen rassistischen Hintergrund und gehen sämtlichst auf das Konto der Gruppe.
Die ist auch verantwortlich für die tödlichen Schüsse auf eine Polizistin in Heilbronn sowie ein Nagelbombenattentat in einem mehrheitlich von MigrantInnen bewohnten Kölner Viertel. Ihre Beteiligung an weiteren Taten wird derzeit geprüft. Eigentlich undenkbar ist, dass die Gruppe so lange ohne breitere Unterstützung durch das rechtsextreme Milieu im Verborgenen operieren konnte.
Erste Festnahmen mutmaßlicher Helfer haben schon stattgefunden. Und zudem stellt sich die Frage: Inwieweit war der Verfasssungschutz mit seinen Fühlern in dier Nazi-Szene über das Treiben der Gruppe informiert? Die taz berichtet ausführlich über den Terror von rechts.
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Leserkommentare
25.02.2012 12:56 | weg.mit.de.doofen
Wen wundert was, wenn in Deutschland selbst der Verfassungsschutz braunäugig ist ? ...
24.02.2012 15:02 | AntiFunt
16 Jahre alte Fotos sind so praktisch, wenn sie die richtigen Gefühle wecken.
24.02.2012 09:36 | Josef Riga
Wie hier mal wieder nach Zensur gerufen wird, einfach erbärmlich!