Nachruf auf Henning Voscherau

Der Sozialdemonarch

Hamburgs Ex-Bürgermeister Henning Voscherau ist tot. Er war ein kühl kalkulierender Politprofi mit ausgeprägter Leidenschaft für Sekundärtugenden

„Ich wünsche der Stadt viel Glück, sie wird es brauchen“: Henning Voscherau Foto: Christian Charisius/dpa

Henning Voscherau hatte ein Problem, und das hieß Henning Voscherau. Er litt unter einem überhöhten Glauben an sich selbst. Und deshalb wurde der zu napoleonischen Tendenzen neigende Sozialdemonarch im Laufe seiner Regierungszeit als Hamburger Bürgermeister immer mehr zu einem stadtstaatlichen Kleinfürsten.

Seine Karriere hatte der aus einer Schauspielersippe stammende Voscherau kühl geplant. Nach fünf Jahren als SPD-Fraktionsvorsitzender in der Bürgerschaft trat er 1987 aus Protest gegen die deeskalierende Hafenstraßen-Politik von SPD-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi zurück, zog fortan von der Hinterbank seine Strippen und wurde ein Jahr später Erster Bürgermeister. Die herzliche Abneigung, in der sich der adlige Herrenreiter von Dohnanyi und der preußische Technokrat Voscherau zugetan waren, währte bis zum Tode.

Henning Voscherau verkörperte nach seinem Selbstverständnis den Typus des Hanseaten: korrekt, kühl, distanziert. Bis zur Arroganz lebte er Sekundärtugenden aus, „Fleiß, Härte und Präzision“ waren seine Leitlinien. Was Voscherau nie verstand, war, dass er für das wahre hanseatische Großbürgertum stets ein Emporkömmling blieb. Da halfen auch Jurastudium, das Notariat an der Binnenalster und gelegentliches Hockeyspielen nicht.

Umso unleidlicher war er gegenüber den Grünen, mit denen er 1993 der Form halber Sondierungsgespräche über eine Senatsbildung führte. Seine Maxime, „keinen spielerischen Umgang mit den Grundfunktionen der Stadt“ zu dulden, engte den Verhandlungsspielraum vorsätzlich arg ein: An der Kaikante lag seine Demarkationslinie, Elbvertiefung und Hafenerweiterung standen nicht zur Disposition, und als die Grünen sogar darüber Gesprächsbereitschaft signalisierten, triezte er sie mit frauenfeindlichen Witzchen. Er bekam, was er wollte: die Koalition mit der Statt-Partei, dem kleinbürgerlichen Vorläufer von Schill und AfD.

Als sich 1997 andeutete, dass er keine genehme Option für das Weiterregieren haben würde, versuchte Voscherau die Wähler mit einer „Schmerzgrenze“ zu erpressen. Das ging schief, doch Schuld war ja nicht er, sondern das undankbare Volk. Das drückte die SPD unter 37 Prozent, stimmte die Statt-Partei aus der Bürgerschaft und die FDP nicht hinein. Voscherau trat nach gut neun Jahren beleidigt zurück – mit den Worten: „Ich wünsche der Stadt viel Glück, sie wird es brauchen.“

Doch nach kurzer Karenzzeit begann er durch die TV-Talkshows zu touren, bis er einsehen musste, dass SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder ihn nicht zum Bundesfinanzminister machen würde. Peinlich war Voscheraus Taktieren 2008, als er wieder SPD-Bürgermeister-Kandidat werden wollte, aber nicht verstehen konnte, dass niemand in der Partei ihn darum bat. Die monatelange Hängepartei endete mit seinem Hinweis „niemand braucht auf mich zu warten“. Das aber hatte auch niemand getan.

Und so wurde auch Henning Voscherau zu einem der großen, alten Männer, die nicht verstehen konnten, dass die Zeit über sie hinwegging. In der Nacht zu Mittwoch verstarb der 75-Jährige zu Hause in Wellingsbüttel.

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