Kommentar Tarifabschluss

Ein Ergebnis für die Frauen

Arbeitsplätze werden heute auch danach bewertet, ob sie geeignet sind, vor Altersarmut zu schützen. Das ist nicht immer der Fall, vor allem für Frauen.

Zwei Hände halten die Hand einer älteren Person

Gute Rente nicht garantiert: Der Tarifabschluss ist wichtig, um Pflegeberufe attraktiver zu machen Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Zwei Nachrichten aus den vergangenen Tagen lassen aufhorchen, obwohl sie auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Da ist einmal der Tarifabschluss für den öffentlichen Dienst der Länder, der für Beschäftigte etwa in der Pflege deutliche Lohnerhöhungen vorsieht, auch um die Attraktivität des Berufs zu steigern. Und dann gibt es die Befragung des Onlinejobportals Stepstone, laut der jedes dritte Bewerbungsverfahren in Deutschland mit einer Absage des oder der ArbeitnehmerIn endet. Offenbar können es sich BewerberInnen heute leisten, wählerisch zu sein.

Wird Deutschland zu einem Arbeitnehmerparadies?, fragt man sich und reibt sich die Augen, denn noch nicht verblasst sind die Erinnerungen an alte Zeiten, als Sozialexperten vor einer zunehmenden Massenarbeitslosigkeit warnten. Das Paradies kommt aber nicht, denn die persönlichen Lebensrisiken, auch die gesundheitlichen und familiären Risiken, bleiben hoch.

Die Pflege ist ja auch deswegen ein Mangelberuf, weil die Arbeit so belastend ist, dass kaum eine PflegerIn in Vollzeit bis zum 67. Lebensjahr durchhalten kann. Das gilt auch für Handwerksberufe, in denen man Angst haben muss, zum Sozialfall zu werden, wenn man mit Mitte 50 nicht mehr auf Knien rutschend irgendwelche Leitungen verlegen kann. Mit besseren Entgelten müssen die Rentenbeiträge erwirtschaftet werden für ein erträgliches Alter. Heute bemisst sich die Attraktivität eines Berufes auch daran, ob die Tätigkeit einen Schutz gegen Altersarmut bietet oder geradewegs in diese hineinführt.

Der Tarifabschluss ist bemerkenswert, auch weil er einer für die Frauen ist. Die Zeiten neigen sich dem Ende zu, als frau in prestigearmen Berufen als Erzieherin, Grundschullehrerin oder Altenpflegerin nur „hinzuverdiente“ und eine Scheidung das größte Armutsrisiko für sie darstellte. Es fällt allmählich auf, dass es ein Problem gibt in der Gesellschaft, wenn niemand mehr die grundlegenden Dienstleistungen am Menschen erbringen will, denn diese sind überlebensnotwendig. Es wurde Zeit, dass sich das herumspricht.

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Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, Psychologie, Alter, Flüchtlinge. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch).

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