Kommentar Krieg im Jemen

Tod des Schlangentänzers

Mit dem Tod des früheren Diktators Saleh sind die Fronten übersichtlicher geworden. An der Brutalität im Krieg ändert das aber nichts.

Ein Mann, Saleh, in einer Menschenmenge

Ali Abdallah Saleh, Archivbild aus dem Jahr 2011 Foto: ap

Mit dem Tod des ehemaligen jemenitischen Diktators Ali Abdallah Saleh wird sich der Krieg im Jemen zunächst einmal verschärfen. Nicht weil Saleh ein Friedensengel gewesen wäre. Fast vier Jahrzehnte lang hat er die Politik im Jemen dominiert. Zu seinen Anfängen saß noch Helmut Schmidt im Kanzleramt. Salehs Überlebensmethode: jeden gegen jeden ausspielen, um selbst mächtig zu bleiben.

Das, und nicht den Krieg zu beenden, war auch sein Hauptmotiv für seine letzte Wende gegen seine ehemaligen Huthi-Verbündeten in Richtung Saudi-Arabien. Seine Wendemanöver waren legendär, mit den Saudis, gegen die Saudis, im Interesse der USA und dann im iranischen und wieder zurück zu den Saudis. Damit hat Saleh auch eine Menge Jemeniten auf dem Gewissen und am Ende hat sein, wie er es einmal selbst beschrieben hat, „Tanz auf den Schlangenköpfen“, ihm selbst das Leben gekostet.

Verschärfen wird sich der Krieg vielmehr, weil die Huthis jetzt erst einmal mit jedem abrechnen werden, der sich gegen sie gestellt hat. Denn für sie geht es jetzt nicht um Versöhnung, sondern die Konsolidierung ihrer Macht. Und das kann sehr brutal werden.

Und auf der anderen Seite die Saudis: die haben ziemlich hoch gepokert, in dem sie Ali Abdallah Saleh angestiftet haben, die Seiten zu wechseln. Sie haben gedacht, wenn Saleh sich von den Huthis abwendet und wir ihm Luftunterstützung geben, dann können wir in Sanaa auch einen allgemeinen Aufstand gegen die Huthis anzetteln. Aber die Menschen sind einfach in den letzten Tagen voller Angst zu Hause geblieben. Da haben sich die Saudis und Saleh einfach verrechnet. Die Saudis werden jetzt versucht sein, ihr militärisches Gewicht jetzt noch mehr ins Rennen zu werfen und den Verlust Salehs auszugleichen. Letzte Nacht haben die Saudis zahlreiche Luftangriffe in Sanaa geflogen.

Eine humanitäre Katastrophe

Ein mögliches Ende des Krieges ist also wahrscheinlich erst einmal in weite Ferne gerückt. Die Huthis haben einmal mehr bewiesen, wie hart gesotten sie sind, aber sie haben die Gräben dabei noch tiefer gemacht. Andererseits sind die Fronten jetzt noch deutlicher geworden und es ist klar, wer mit wem sprechen muss. Das Problem für Verhandlungen sind aber nicht nur die Huthis, sondern auch die Saudis, die bei bisherigen Gesprächsversuchen eigentlich immer auf die vollkommene Kapitulation der Huthis bestanden hatten. Sicher ist: ohne die Huthis kann es keine politische Lösung geben. Sie kontrollieren weite Teile des Nordens, wo ja auch ihr Stammgebiet liegt.

In all dem ist der Krieg und der Verlauf der Fronten inzwischen fast Nebensache. Es sind die Folgen des Krieges, die im Vordergrund stehen. Fast 17 Millionen Menschen sind im Jemen vom Hunger bedroht, es gibt hunderttausende von Cholerafällen und seit kurzem auch den Ausbruch einer Diphtherieepidemie. Es ist eine humanitäre Katastrophe einzig und alleine von Menschen gemacht.

Auch wenn die UNO das Ganze immer wieder als „die derzeit weltweit größte humanitäre Krise bezeichnet“, auf der internationalen Agenda rangiert das Thema trotzdem nicht ganz oben. Und wenn, dann nur in Form von Hilfslieferungen und nicht als Druck, den Grund des Ganzen zu beenden.

Man kann nicht einerseits für Milliarden Waffen an Saudi-Arabien verkaufen und dann auf der anderen Seite den Saudis diktieren, dieses Desaster endlich zu stoppen. Und es ist eine humanitäre Katastrophe, die weit weg von uns geschieht und deren Folgen wir, anders als etwa in Syrien, nicht teilweise auszubaden haben. Solange keine jemenitischen Flüchtlinge in Europa ankommen, solange wird die zumindest die europäische Motivation, diesen Krieg zu beenden, eine begrenzte sein.

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Karim El-Gawhary arbeitet seit über zwei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über die Revolutionen in Tunesien und Ägypten, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. Sein letztes von drei Büchern, „Frauenpower auf Arabisch“, ist im Herbst 2013 erschienen.

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