Kolumne Eben

Werte, Wurst und Weltkrieg

Wer gerade nicht Terrorexperte ist, ist Werteexperte. Wer „unsere Werte“ verteidigt und was die genau sind, da geht es stark auseinander.

Das Stade de France in Paris

Das Stade de France am 13. November 2015. Foto: dpa

Werte, Wurst, Weltkrieg. Werte, Wurst, Weltkrieg. Werte, Wurst, Weltkrieg. Jedes Wort wird leer, wenn man es nur einige Male hintereinander sagt. Unsere Werte, unsere Werte, unsere Werte, ... plötzlich weiß man nicht mehr, was das sein soll. Wurst oder Werte? Werte? Die haben ja noch nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Den gibt es interessanterweise nur für „Wertvorstellungen“.

Über viele dieser Vorstellungen, die in den letzten Tagen kursieren, will man lieber gar keinen Wikipedia-Artikel lesen. Aber derzeit kommen auf einen Terrorexperten locker 100 Werteexperten, die den fehlenden Wikipedia-Artikel ersetzen wollen. Und wie das so ist, wenn man Expertengesprächen lauscht. Man denkt: Interessant, aber da gehen die Expertenmeinungen ja stark auseinander.

Für Matthias Matussek gehört zu unseren Werten auch die Hoffnung, der Anschlag von Paris möge der Diskussion über muslimische Jugendliche eine „frische Richtung“ geben. Für Markus Söder gehört es auch zu unseren Werten, Leichen in Kauf zu nehmen, um Kanzler zu werden.

Laut Wikipedia sollen unsere Werte zur Steigerung der geistigen Lebensqualität führen. Für das Internet gehört dazu auch der Wunsch, dass Islamisten eine Bombe in Berlin zünden, damit hier endlich kapiert werde, was Sache sei.

Jüdische Waren boykottieren

Genauso sehr wie die meisten Werteexperten abstreiten würden, dass diese Haltungen, die den Wert anderer Menschen herabsetzen, zu unseren Werten gehören, würden sie abstreiten, dass derartige Wertvorstellungen sich gefährlich nah an denjenigen bewegen, die nur einen einzigen Wert kennen: Köpfen, steinigen, aufhängen, erdolchen oder erschießen, damit die anderen endlich kapieren, was Sache ist.

Ich bin kein Experte. Woher also soll ich wissen, ob schon Weltkrieg ist oder wie man den ISIS klein kriegt? Dafür, dachte ich, zahle ich unter anderem Steuern, damit diese Entscheidung von ein paar Experten getroffen wird, denen man zumindest zutraut, Bescheid zu wissen, ob es schon um die Wurst oder vielleicht doch noch irgendwie anders geht.

Ob meine Steuergelder allerdings bisher vor allem dafür verschwendet wurden, um an Boykottmaßnahmen für israelische Wurstwaren zu arbeiten, statt an Konzepten, wie man dem Terror endlich den Ölhahn zudreht, fang ich langsam an zu bezweifeln.

Zwar gehen auch hier die Expertenmeinungen extrem auseinander. Aber es sieht nun einmal so aus, dass die Europäische Union bisher mit ein paar Siedlern, die ein paar anderen ein paar Quadratmeter Land weggenommen haben, intensiver beschäftigt hat als mit ein paar tausend Terroristen, die auf dem Weg zu ihrem proklamierten Ziel, Rom zu erobern, alles abschlachten, was ihnen auf der Straße begegnet.

Es kostet nicht viel, davon zu sprechen, dass unsere Werte angegriffen und jetzt verteidigt werden müssen und dass man wünschte, auch in Baghdad, Beirut oder Aleppo würde wieder so gefickt, gesoffen und getanzt werden können wie einst in Paris, also bei uns. Zur Sicherheit würde ich aber all diesen Experten mit auf den Weg geben, die Söders, Matusseks und die anderen Hater, die sich als Werteexperten aufspielen, zu Wetterexperten zu degradieren.

Als solche könnten sie dann von bevorstehenden Unwettern und Stürmen warnen, ohne damit jene Menschen zu beleidigen, die sich vor diesen Unwettern in Sicherheit bringen müssen.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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