Kolumne Darum

„Ich hab drei Schaden“

Stunde um Stunde verbringen die Kinder am Handy, am PC oder am Tablet. Endlose Debatten folgen. Das lässt sich vermeiden.

Mehr als nur „drei Schaden“: falsch konzipierte Treppen und Rolltreppen im Schadendesaster-Flughafen BER. Foto: dpa

Ich treffe Freund K. Wir trinken was. K. erzählt von seiner neuen Idee für ein Buch, von seinem Hund und vom Elend bei Hertha BSC. Ich erzähle vom Italien-Urlaub, von der Passage in seinem letzten Buch, in der ich vorkomme und Paul heiße sowie vom Elend bei Werder Bremen. Beide erzählen wir von unseren Kindern und dass digitale Geräte immer mehr Raum einnehmen, Zeit fressen und zum Dauerstreit werden.

Ich treffe Freund U. Wir trinken was. U. erzählt vom Urlaub in Costa Rica, von seiner neuen Wohnung sowie vom Elend bei Borussia Dortmund. Ich erzähle vom Kurztrip nach Paris, von meiner Irritation über Linke, die Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen wahlweise als „völkisch“ oder als „selbstgefälliges Moralwachstum“ denunzieren sowie vom Elend bei Werder Bremen. Beide erzählen wir von unseren Kindern und dass digitale Geräte immer mehr Raum einnehmen, Zeit fressen und zum Dauerstreit werden.

Ich gehe mittagessen und treffe zufällig den Kollegen A. Wir essen was. A. erzählt von einem Artikel, den er gerade schreibt, vom vorletzten Urlaub in Italien sowie vom Elend des Alterns. Ich erzähle von der Kolumne, an der ich gerade schreibe, ebenfalls vom vorletzten Urlaub in Italien – wir waren zeitversetzt im gleichen Ferienhaus – sowie vom Elend des Alterns. Beide erzählen wir von unseren Kindern und dass digitale Geräte immer mehr Raum einnehmen, Zeit fressen und zum Dauerstreit werden.

K., U., A. und ich haben Kinder im Digitalalter. Das Digitalalter umfasst die Spanne von fünf bis 15 Jahren. Klar, auch für Vierjährige ist ein Bildschirm interessant und für 16-Jährige immer noch. Nur: Unter-Fünfjährige lassen sich leicht ablenken und ab 16 sind Diskussionen sinnlos.

Alles wird gut

Das Digitalalter bedeutet: Dauerfaszination für den PC, das Tablet, die Konsole, das Handy; zuerst Spiele, dann Klassenchat, später Youtube, schließlich Online-Netzwerke; anfangs akzeptieren sie gemeinsam erstellte Regeln, es folgt die Phase von Lug und Trug, danach beginnt die Endlosdebatte um Zeiten, Selbstbestimmung und Sorgen.

Deftiges Essen – „ein Schaden“, drei gr0ße Bier – „anderthalb Schaden“, doppelter Wodka – „zwei Schaden“.

„Ich hab drei Schaden“, brüllt mein Sohn im Hintergrund. Klar, denke ich, du spielst seit drei Stunden. Er meint es anders, er spielt „Minecraft“ im Kooperationsmodus mit Freunden. Sie spielen und skypen. „Ich hab drei Schaden“ bedeutet, dass seine Spielfigur ganz schön was abgekriegt hat.

„Ich hab drei Schaden“ – wenn man diesen Satz aus dem Minecraft-Zusammenhang nimmt, ist er von unfassbarer Dämlichkeit. Statt sich aufzuregen, kann man ihn produktiv anwenden. Wenn die nächste Debatte mit den Kindern übers Digitale kommt, wenn Wut und Unverständnis anwachsen, sage ich nur: „Ich hab drei Schaden“. Dann wissen die Kinder, da geht jetzt nicht mehr viel.

Auch bei den Treffen mit K., U. und A. taugt der Satz. Die beginnende Diskussion über Digitales und Erziehung mit dem Zwischenruf „drei Schaden“ abwürgen und Zeit für andere Themen gewinnen. Der Rest ergibt sich von selbst: Deftiges Essen – „ein Schaden“, drei große Bier – „anderthalb Schaden“, doppelter Wodka – „zwei Schaden“.

Alles wird gut. Wir können von Kindern im Digitalalter viel lernen.

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Jahrgang 1969, ist seit 2010 Chef vom Dienst bei taz.de. Kartoffeldruck, Print und Online seit 1997.

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