Historiker über Kleingärten

„Ein Stück Heimat in der Ferne“

Der Hamburger Historiker Hartwig Stein schrieb seine Doktorarbeit über Kleingärten. Deren Bedeutung hat sich im Lauf der Zeit enorm gewandelt.

Ein gepflegter Kleingarten mit Holzhäuschen.

Vorbildlich: Mustergarten des Landesbundes der Gartenfreunde in Hamburg Foto: Ann-Kathrin Just

taz: Herr Stein, ich sehe, Ihr Haus hat einen Garten. Haben Sie zusätzlich noch einen Kleingarten?

Hartwig Stein: Nein. Wer einen Hausgarten hat, der braucht in der Regel auch keinen Kleingarten.

Aber Sie hatten mal einen?

Nein.

Woher kommt dann Ihr Interesse für Kleingärten?

Das hatte mit meiner Wohnsituation gar nichts zu tun. Meine Tante Gertrud hat mich per Zufall auf das Thema gestoßen. Sie ist nämlich in einem Kleingarten in Winterhude groß geworden, den gibt es heute selbstverständlich nicht mehr. Meine Tante hat mir einige Bilder gezeigt, die haben mich sehr fasziniert. Und wie das dann manchmal so ist: Plötzlich habe ich überall nur noch Kleingärten gesehen.

Und gleich darüber promoviert.

Ich hatte gerade mein Examen gemacht und überlegt, eine Dissertation zu schreiben. Und als ich meinem Doktorvater von den Kleingärten erzählte, fand er das sofort spannend, und sagte, es habe damals einen Reichsverband gegeben und der habe bestimmt auch viel publiziert. Damit war das Thema dann gefunden.

Also haben Sie eine historische Dissertation geschrieben.

Richtig, sie setzt im Spätabsolutismus an und hört mit dem Ende des zweiten Weltkriegs auf. An irgendeinem Punkt muss man ja leider aufhören, das Ding ist auch so schon dick genug.

Geht die Entstehung von Kleingärten auf den Spätabsolutismus zurück?

Grob gesagt ist das die Zeit, ja. Nach dem Ende der französischen Revolutionskriege, also um 1815, begann man darüber nachzudenken, wie man der aufkommenden Armut, dem Pauperismus, abhelfen könnte, ohne den Menschen einfach Geld in die Hand zu drücken.

Also gab man ihnen Land.

Land, Sämereien und Gartengeräte. Wenn man so will, war das natürlich eine elegante Idee. So konnten sich die Leute gewissermaßen selbst versorgen. Es war eine Hilfe zur Selbsthilfe. Die Idee ist aber gescheitert und die Armengärten sind irgendwann verschwunden.

Warum?

Es waren einfach nicht genug finanzielle Mittel und nicht genug Ausrüstung da, um die Leute langfristig in den Gärten zu halten. Deshalb wurden die Armengärten wieder aufgegeben.

Wann entstanden dann die Kleingärten, wie wir sie heute kennen?

Die modernen Kleingärten entstanden im Zuge der Industrialisierung und Großstadtbildung. Da gab es ja eine Landflucht. Und die Menschen, die vom Land in die Stadt kamen, brachten ihre Idee vom Gartenbau mit. Sie wollten das, was sie von zu Hause kannten, in den Städten in Pachtgärten wiederbeleben. Sie haben sozusagen ein Stück Heimat mit in die Fremde gebracht.

Also haben die modernen Kleingärten einen ganz anderen Zweck als zuvor?

Ja, es gab da einen Bruch. Aber es war immer noch dieselbe Bevölkerungsgruppe, die diese Kleingärten betrieb.

68, ist promovierter Historiker und arbeitete als Lehrer für Politik und Geschichte. Für seine Dissertation „Inseln im Häusermeer“ erhielt er den Bundeskleingartenpreis. Seit einiger Zeit befindet sich Stein im Ruhestand. Er lebt in Hamburg-Nien­stedten.

Und zwar?

Früher sagte man: Das sind die kleinen Leute. Hauptsächlich waren das Arbeiter, die sechs Tage in der Woche malochten und in den Mietskasernen wohnten. Abends und am Sonntag gingen sie dann in ihre Laubengärten. Die Parzellen wurden damals auch immer als die grünen Zimmer der Mietskasernen bezeichnet.

Warum zogen die Menschen denn nicht in ihre Lauben, wenn es dort so schön war?

Offiziell war das Wohnen in den Gärten verboten. Es gab keine Kanalisation und keine Wasserversorgung. Das Verbot hatte also hauptsächlich hygienische Gründe.

Aber es wohnten doch auch mal Menschen in Kleingärten.

Das ist richtig. In Krisenzeiten wurden die Gärten zu Ausweichquartieren. Als im Zuge der Weltwirtschaftskrise die Arbeitslosenzahlen stiegen, kündigten viele ihre Wohnungen oder wurden gekündigt und zogen in ihre Lauben, wenn sie welche hatten. Das gleiche gilt für den zweiten Weltkrieg, als in Hamburg ja etwa 50 Prozent des Wohnungsbestandes zerstört wurden.

Heute ist es wieder verboten, in den Gärten zu wohnen.

Genau. Das Recht eine Laube zu bewohnen, verfällt mit dem Tod der Rechteinhaber. Dementsprechend ist es heute ein exotischer Rest, der noch in den Kleingärten lebt.

Gibt es Kleingärten eigentlich nur in großen Städten?

Nein. Es gibt zwar keine genauen Zahlen, aber Kleingärten gibt es fast überall: natürlich nicht unbedingt in Bauerndörfern, aber durchaus schon in kleineren Städten. Es gibt sogar auf dem Oberland auf Helgoland eine Kleingartenkolonie.

Und wer hat heute einen Kleingarten?

Ich würde sagen, weit über 90 Prozent der Kleingarten-Pächter wohnen in mehrstöckigen Mehrfamilienhäusern und haben keine zugewiesene Grünfläche, also beispielsweise einen Garten. Und wenn sie es nicht vorziehen, mit dem Flugzeug in die Dominikanische Republik zu fliegen oder an der Ostsee zu campen, dann sind sie prädestiniert, sich einen Kleingarten zu pachten.

Eine Studie der Hamburger Umweltbehörde hat ergeben, dass die Nutzer*innen immer jünger und gebildeter werden.

Das nehme ich auch so wahr. Ende des vergangenen Jahrhunderts gab es eine starke Überalterung der Kolonien. Das zeigt, wie stark die Bindekraft dieser Kolonien ist. Aber irgendwann gab es einen Wandel. Seitdem spricht man von der neuen Generation Garten.

Was zeichnet die aus?

Diese neue Generation ist jung, hat in der Regel Kinder, wohnt in einem Mehrfamilienhaus und ist deutlich gebildeter als die Vorgänger.

Und auch wohlhabender?

Nicht unbedingt. Junge Familien, auch wenn die Eltern Akademiker sind, haben nicht wahnsinnig viel Geld. Die Pachten für die Kleingärten sind auch wirklich niedrig. Das einzige, was schwierig werden kann, ist der zu zahlende Abstand für eine Laube.

Der kann schon mal bei mehreren Tausend Euro liegen, oder?

Mag sein. Die Kleingärten von heute haben jedenfalls höhere Standards als die Kleingärten in der Weimarer Republik. Wenn sie durch einige Kolonien gehen, stehen da Hütten vom Allerfeinsten.

Wird ein bestimmtes Klientel dadurch aus den Gärten verdrängt?

Natürlich ist es eine Form der Verdrängung, wenn die Abstände für den Erwerb einer Parzelle so hoch sind, dass sich das immer weniger Leute leisten können. Die Wohlstandsentwicklung der Gesellschaft hat auch nicht vor den Kleingärten Halt gemacht. Die wirklich armen Menschen haben eigentlich kaum noch eine Chance auf einen Kleingarten.

Könnte man dieses Problem irgendwie lösen?

Es gäbe beispielsweise die Möglichkeit, dass die Vereine den ärmeren Menschen günstige Kredite geben, die dann sukzessive abbezahlt würden. Das wurde in der Weimarer Republik lokal probiert. Eine andere Möglichkeit wäre, bei den Laubenstandards Grenzen zu setzen, um zu verhindern, dass die Lauben Eigenheimimitate werden. Eigentlich gibt es extra Schätzungskommissionen der Landesverbände, damit die Leute auch nur das zahlen, was eine Laube wirklich wert ist. Aber manche Lauben gehen auch unter der Hand oder über Kleinanzeigen weg, und da handeln die Interessenten den Preis aus.

Sie sprachen die Kleingartenvereine an. Welche Rolle haben die eigentlich?

Sie sind die Rechts- und Organisationsbasis der Kleingärtner.

Und haben den Ruf, extrem spießig zu sein.

Dieser Spießervorwurf ist sehr alt und wird gebetsmühlenartig wiederholt. Man sollte aber bedenken: Mieter in einem Mietshaus müssen sich auch an Regeln halten. Und obwohl mir dieses Haus gehört, kann ich hier auch nicht einfach eine meterhohe Mauer hochziehen. Mein Nachbar würde auch sofort klagen, weil ich ihm das Sonnenlicht raube. Wenn Menschen zusammenleben, müssen sie Kompromisse machen. Natürlich gibt es auch Pedanten, die alle Regeln überinterpretieren, aber die gibt es überall.

Haben auch Nicht-Pächter*innen etwas davon, dass es Kleingärten gibt?

Im Rahmen der modernen Integration der Kleingärten in die Grünzüge der Stadt sind kleine Parks, Sitzgruppen und Spielplätze entstanden, die für Leute zugänglich sind, die keinen Kleingarten haben. In gewisser Weise leisten die Kleingärtner auch gemeinnützige Arbeit, indem sie dafür sorgen, dass es Grün in der Stadt gibt.

Haben Kleingärten damit auch eine ökologische Bedeutung für die Stadt?

Die wirklich großen Bäume, die Sauerstoffproduzenten und Staubfänger sind, die gibt es in Kleingärten höchstens am Rande. Diesen Aspekt kann man also vergessen. Die Kolonien haben sich seit den 70er-Jahren aber ökologisch stark umorientiert und mittlerweile ist dort eine große Vielfalt an Pflanzen und Tieren vorhanden. Das ist natürlich auch im Interesse der Pächter, wenn sie wollen, dass ihre Kinder wissen, wie ein Frosch aussieht, oder dass Enten nicht gelb sind und quietschen, wenn sie drauftreten. Man darf aber nicht vergessen: Kleingärten sind keine Naturschutzgebiete und können diese auch nicht ersetzen.

Sie müssen auch immer öfter weichen, um Platz für Wohnungen zu machen.

Der Widerspruch zwischen Freifläche und Wohnungsbau ist uralt. Ich habe das für Hamburg mal ausgerechnet: Der Stadtstaat hat 755 Quadratkilometer Grundfläche.

Und wie viel davon sind Kleingärten?

14 Quadratkilometer. Prozentual sind das 1,85 Prozent. Das ist wirklich nicht die Welt. Es kann keine sinnvolle Entwicklung sein, die Stadt immer dichter zu bebauen und die Gärten immer weiter nach außen zu verdrängen. Früher hieß es mal, die Kleingärten müssten zu Fuß erreichbar sein. Das ist heute schon nicht mehr so. Teilweise ist der Aufwand, um in den Garten zu kommen, gerade für Familien mit kleinen Kindern, schon enorm.

Wie sollte es Ihrer Meinung nach stattdessen sein?

Ich finde, eine intelligente Stadt ist diversifiziert. Natürlich müssen keine Kleingärten in der City stehen, das ist absurd. Aber ansonsten sollte eine Großstadt den Leuten viele unterschiedliche Möglichkeiten geben, ihr Leben abwechslungsreich zu gestalten. Und da gehören Kleingärten nun mal dazu.

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