Hamburger Ereignisse an Silvester

„Die Frauen beschreiben eine sehr bedrohliche Situation“

Es melden sich immer mehr Frauen, denen auf dem Kiez sexuelle Gewalt angetan wurde. Polizeisprecher Jörg Schröder über Stand der Ermittlungen.

Hamburger Reeperbahn: Eine Woche nach den Attacken auf junge Frauen liegen 108 Anzeigen vor. Foto: Christian Charisius (dpa)

taz: Herr Schröder, was weiß die Polizei über die Übergriffe in der Silvesternacht auf dem Hamburger Kiez?

Jörg Schröder: Im Moment liegen uns 108 Anzeigen vor, rund die Hälfte davon sind Straftaten, bei denen ausschließlich sexuelle Handlungen durchgeführt wurden. Bei den restlichen Taten gab es sowohl sexuelle Handlungen als auch andere Straftaten: Raub, Diebstähle und Körperverletzungen.

Was weiß man über die Täter?

Im Bereich der Großen Freiheit sollen fünf bis 20 Tätergruppen unterwegs gewesen sein. Die Lage ist unübersichtlich, die meisten Anzeigen kommen aber aus diesem Bereich. Wir haben drei Fälle, die am Jungfernstieg angezeigt wurden. Die Frauen beschreiben Gruppen von Männern, die südeuropäisch, südländisch, arabisch oder nordafrikanisch aussehen.

Wie geht die Polizei mit so vagen Beschreibungen um?

Es können ja auch Deutsche sein, die vielleicht südeuropäisch aussehen. Problematisch ist auch, dass verschiedene Opfer den gleichen Täter unterschiedlich beschreiben. Mit solchen Angaben sind wir vorsichtig. Deshalb bestätigt die Polizei auch nicht, dass es sich um Flüchtlinge handeln könnte. Das wissen wir nicht. In Hamburg liegen derzeit keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass es sich um Flüchtlinge gehandelt hat. Aber mittlerweile sind zum Glück auch Handyvideos und Fotos bei uns eingegangen, sodass wir jetzt versuchen, die Taten den Tätern zuzuordnen.

Ist der Trickbetrug durchs Antanzen für die Polizei neu?

Das Antanzen ist unserer Dienststelle bekannt, die mit Taschendiebstahl zu tun hat. Das ist eine Form, bei der eine Gruppe um einen Menschen herumtanzt. Es gibt aber auch männliche Opfer. Von der merkwürdigen Situation, die einem fremd ist, wird man abgelenkt und bestohlen. Es ist denkbar, dass es solche Täter sind, deshalb haben wir auch jemanden aus der Dienststelle für Taschendiebstähle mit in der Ermittlungsgruppe.

48, Polizeisprecher in Hamburg, vorher Leiter der Dienststelle für Sexualdelikte.

Kann es ein Zufall sein, dass gleichzeitig so viele ähnliche Fälle gemeldet werden?

In Hamburg haben wir so etwas in diesem Ausmaß und auf so engem Raum noch nicht gehabt. Aber wir wissen nicht, ob es eine einmalige Situation war oder ob wir auch in Zukunft damit rechnen müssen. Wir haben eine Islamwissenschaftlerin in diesen Fall eingebunden.

Warum das, wenn Sie nicht wissen, wer die Täter sind?

Wir wollen wissen, ob es so ein Phänomen in den Regionen gibt, wo die Täterbeschreibungen hingehen, und weil wir wissen wollen, ob uns dieses Phänomen weiter begleiten wird.

Was genau ist passiert?

Die Männer haben sich in einer Gruppe um die Frauen herum gestellt, sie massiv sexuell angefasst. Die Frauen beschreiben eine sehr bedrohliche Situation. In einigen Fällen sind ihnen dabei Sachen gestohlen oder geraubt worden.

Seit wann wusste die Polizei von den Übergriffen?

In der Nacht selbst hatten wir erst einzelne Anzeigen, die gingen nicht nur an der Davidwache auf der Reeperbahn, sondern auch bei anderen Revieren ein. Teilweise wurde zunächst Taschendiebstahl oder Raub angezeigt und es stellte sich erst später die sexuelle Komponente heraus. Wir haben aber auch viele Opfer, die gar nicht aus Hamburg kommen. Erst als wir selbst über die Medien die Opfer aufgefordert haben, Vorfälle anzuzeigen, gingen zusätzlich viele Anzeigen ein.

Ist es normal, dass Opfer mit ihren Anzeigen nachziehen, wenn andere es vormachen?

Die Opfer von Sexualstraftaten gehen sehr unterschiedlich damit um. Manche Frauen zeigen das gleich an, andere erst nach Jahren, manche gar nicht. Das liegt daran, dass es sich um sehr tiefgreifende Erfahrungen für die Opfer handelt.

Ist sexualisierte Gewalt auf der Reeperbahn nicht an der Tagesordnung?

Natürlich gibt es Beleidigungen auf sexueller Basis im Vergnügungsviertel mehr als in allen anderen Bereichen der Stadt. Das gab schon in den 80er-Jahren. Aber diese Art, Frauen zu umzingeln und massiv sexuell anzugehen, ist nicht hinnehmbar, das hat es so in Hamburg auch noch nicht gegeben.

Wie geht die Polizei damit um?

Wir zeigen verstärkt Präsenz und setzen dort ab dem Wochenende mobile Videofahrzeuge ein. Wir zeichnen aber nur auf, wenn eine Situation zu eskalieren droht.

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