Freie beim Öffentlich-Rechtlichen

Keine Vorbilder

Jede*r dritte freie Mitarbeiter*in von ARD, ZDF und Co. hat Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren. Das geht aus einer Studie der Linksfraktion hervor.

Pressekonferenz mit Markus Söder

Wären das alles Journalis­tInnen von ARD, ZDF & Co,­ dann wären vier­ von­ ihnen­ nicht­ fest­angestellt Foto: dpa

Gut die Hälfte der freien Mit­ar­bei­ter*innen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat im Berufsleben Diskriminierung beobachtet – sei es aufgrund von Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder sexueller Belästigung sowie Mobbing. 27,7 Prozent der Befragten haben gar selbst Diskriminierung erfahren. Das geht aus einer Studie hervor, die die Bundestagsfraktion der Partei Die Linke gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Donnerstag vorgestellt hat. „Die Situation bei den Öffentlich-Rechtlichen ist nur wenig besser als beim Durchschnitt der Bevölkerung“, sagte Jörg Langer, der die Studie durchgeführt hat.

Wobei die Diskriminierungserfah­rungen nur ein Teil einer deutlich größeren Untersuchung zur sozialen und beruflichen Situation der Freien bei den ARD-Landesrundfunkanstalten, dem ZDF, dem Deutschland­radio und der Deutschen Welle ist, die Ende Januar vorgestellt werden soll. Eigentlich war der Bereich Diskriminierung sogar gar nicht als Teil geplant.

Es sollte bei der Befragung in erster Linie um Honorare, um Altersvorsorge, um die Arbeitnehmerrechte von freien Mitarbeiter*innen gehen. Sie sind häufig auf dem Papier zwar ­irgendwie frei, aber eigentlich doch wie Festangestellte an die Häuser gebunden. 25.500 Festangestellten ­sollen – so schätzt die Studie – 12.643 freie Mitarbeiter*innen gegenüberstehen.

Doch dann kamen #MeToo und die Veröffentlichungen um den WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke – und der Themenbereich Diskriminierung wurde in die Untersuchung aufgenommen und nun vorab ­veröffentlicht. Knapp 2.000 Teil­neh­mer*in­nen beantworteten die Fragen dazu.

Diskriminierungserfahrungen und berufliche Abhängigkeiten werden in der Studie also zusammengefügt – was durchaus sinnvoll erscheint. Je größer die Abhängigkeit, desto schwerer wird es, sich gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz zu wehren. Desto anfälliger sind die Mitarbeitenden. Und so geht es den Auftraggeber*innen der Studie auch darum, dass der immer größer werdende Spardruck bei den Öffentlich-Rechtlichen zu noch größerer Abhängigkeit führen könnte.

Freie, womöglich immer schlechter bezahlte Beschäftigte, deren Interessen dar­über hinaus nicht stark genug in den Häusern vertreten werden, sind anfälliger, Diskriminierungen über sich ergehen zu lassen. „Die Linke ist eine Verteidigerin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“, stellt der Fraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch deshalb gleich zu Beginn der Präsentation klar. Und Dagmar Enkelmann, die Leiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, warb deshalb auch gleich mal für eine „vernünftige Finanzausstattung“ von ARD, ZDF und Co.

Menschen mit Migrationshintergrund häufiger betroffen

Wenig überraschend erfahren laut der Studie Frauen deutlich häufiger Diskriminierungen als Männer: 35,9 Prozent zu 19,8 Prozent der Befragten. Und sie beobachteten auch häufiger Diskriminierungen als ihre männlichen Kollegen. Und auch Befragte mit Migrationshintergrund werden häufiger diskriminiert: 45,7 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund haben selbst Diskriminierung erlebt. Bei den Befragten ohne Migrationshintergrund waren es nur 26,7 Prozent.

Diese quantitative Analyse stütze die qualitative Analyse, die Monika Wulf-Mathies im September vorgelegt hatte, sagte Jörg Langer. Wulf-Mathies hatte den Westdeutschen Rundfunk durchleuchtet, mit Mitarbeiter*innen gesprochen und war zu dem Schluss gekommen, dass sexuelle Belästigung nur die „Spitze des Eisbergs“ an Diskriminierungen sei. Langer erwarte nun, dass „jede Anstalt selbst tätig wird“.

Doris Achelwilm, die medienpolitische Sprecherin des Linken-Bundestagsfraktion, machte gleich mal ein paar Vorschläge: Personalvertretungsrechte ausbauen, Gleichstellungsbeauftragte stärken und geregelte Verfahren für Diskriminierungsanzeigen einführen.

Allerdings hat auch diese Studie wie so viele ein Problem: Repräsentativ für alle frei Mitarbeitenden ist sie nicht.

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