Die Wespe, das unterschätzte Insekt

Ein Tier für Bäcker und Philosophen

Spätsommer ist Wespenzeit. Doch anders als die Biene hat sie einen schlechten Ruf. Dabei profitieren wir auf vielfältige Art und Weise von ihr.

eine Wespe sitzt auf einer Nektarine

Ein wunderschönes Tier: Gemeine Wespe, eine Nektarine verspeisend Foto: ap

Am meisten unter einer Wespenplage zu leiden haben traditionell die Bäckerei-Fachverkäuferinnen. Zusätzlich müssen sie auch noch hundertmal am Tag den Kunden, auf deren besorgte Frage, ob sie denn keine Angst hätten, gestochen zu werden, versichern: „Ach, man gewöhnt sich dran.“

Im Gegensatz zu ihrem Verkaufspersonal profitieren jedoch die Bäckereien von den Wespen. Zum Brotbacken braucht es Hefepilze. Insektenforscher der Universität Florenz fanden unlängst heraus, dass diese außerhalb der Backstube, frei schwebend sozusagen, in den Mägen von Wespen den Winter überleben – nicht hingegen in denen von Bienen. Dazu fütterten die Wissenschaftler weibliche Wespen vor ihrer Überwinterung mit genmarkierten Hefen, deren „Nachkommen“ sie dann im Frühjahr in den Wespenlarven fanden. Als eine der „wichtigsten Nützlinge des Menschen“ bezeichnet die Zeit die Hefe – die Wespe hilft ihr zu überleben und damit dem Bäcker.

Es gibt daneben auch abhängig Beschäftigte, die den Wespen gewogen sind. Angefangen bei den Wespennest-Entfernern wie den Reinigungsexperten von reinigungs-experte-berlin.de oder, da die Wespen inzwischen unter Naturschutz stehen, den Wespennest-Umsetzern in den Umweltschutzverbänden. Von denen sprechen sich einige sogar für eine Duldung der Wespennester unter deutschen Dächern aus: Alle Wespenpaniken würden bloß auf mangelndem Wissen über diese Hautflügler beruhen. Auf nabu.de heißt es: „Die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe haben den Wespen insgesamt einen schlechten Ruf eingebrockt. Die Leidtragenden sind die Hornissen.“ Um diese kümmern sich wiederum die ehrenamtlichen „Hornissenfreunde“ und die „Hornissenberatungsstellen“.

Die mangelhafte Aufklärung über die Stechimmen beklagen auch die verbeamteten Wespenforscher. Einer ist der Biologe Raghavendra Gadagkar, der sich am Wissenschaftsinstitut in Bangalore seit über 25 Jahren mit der sozial lebenden Wespe Ropalidia marginata beschäftigt und mehrere Wespennester unter seinem indischen Dach beherbergt. Der Zeit – offenbar das Hauptorgan des deutschen Wespenjournalismus – erklärte er: „Ich betrachte sie wie ein Anthropologe eine fremde Kultur … Wenn Sie ihnen lange genug zusehen, dann erkennen Sie, dass Wespen eine Persönlichkeit haben. Jede reagiert unterschiedlich, hat ihre eigenen Stärken und Schwächen – und scheint diese sogar zu kennen.“

Lieber von Wespen als von Thatcher lernen

Gadagkar erinnert an den Hauptsatz des Neoliberalismus. Er stammt von der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher: So etwas wie „die Gesellschaft“ gebe es nicht, sondern nur Individuen. Jeder müsse für sich selbst sorgen. Da habe sie sich aber sehr geirrt, meint Gadagkar, „sie hätte sich einmal eine Wespenkolonie ansehen sollen“.

Der Philosoph Theodor Lessing verglich die Wespen- mit der Bienengesellschaft und entdeckte einen wesentlichen Unterschied zwischen ihnen: „Die Biene opfert das Leben dem Werk, während die Wespe alles Werk dem Leben opfert.“ Wespen legen in ihren Nestern keine Wintervorräte an, sie existieren nur ein Jahr.

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Von darwinistischen Bienenforschern wird deswegen immer wieder behauptet: Auf dem Gipfel des sozialen Insektenlebens stünden die emsigen Honigbienen, die alle „Voraussetzungen eusozialer [d. h. gut kameradschaftlicher] Sozietät“ erfüllen. Dazu hätten sie ihre „Tanzsprache“ am weitesten entwickelt und sind mit ihren Wintervorräten als Gesellschaft („Volk“) quasi unsterblich. Danach bzw. darunter werden dann evolutionistisch die ganzen anderen Bienen, Hummeln, Hornissen und Wespen gefasst.

Zudem stehen bei den Bienen alle Wabenwände in exakten 120-Grad-Winkeln zueinander, weshalb ihnen bereits Galileo Galilei mathematischen Verstand zusprach. Die dünnen Papierwaben der Wespen seien dagegen mit weitaus weniger „Sechseck-Sorgfalt“ angelegt, behaupten Bienenforscher. Dabei sind es die Wespen, die 120-Grad-Winkel gezielt konstruieren, während die Bienen ihre Waben rund bauen. Erst wenn sie das Wachs auf 45 Grad erwärmen, werden sie sechseckig. Es ist hier nur der Werkstoff, der „intelligent“ ist.

Der Erkenntnisgewinn durch die Wespen geht weit in die Philosophie, ausgehend von der Beobachtung, dass bestimmte Orchideenarten nur von den Männchen einer bestimmten Wespenart befruchtet werden. Statt Nektar für Insekten zu produzieren, ähneln sie sich einem Wespenweibchen in Form und Farbe an und bilden sogar ihren Sexuallockstoff nach. Bei ihren Kopulationsversuchen bekommen die Männchen zwei Pollenpakete aufgeklebt, die sie an der Blütennarbe der nächsten Orchidee abstreifen.

„Werdet wie die Orchidee und die Wespe!“

Die französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari gehen bei diesen Symbiosen statt von Mutation und Selektion von einer wechselseitigen Beeinflussung aus, die eine derartige Angleichung von Pflanze und Tier hervorgebracht hat. Ein solcher Vorgang – „Werden“ genannt – gehört für sie „immer einer anderen Ordnung als der der Abstammung an“. Werden kommt durch Bündnisse zustande. Das „besteht gewiss nicht darin, etwas nachzuahmen oder sich mit etwas zu identifizieren; es bedeutet nicht, zu produzieren, eine Abstammung zu produzieren oder durch Abstammung zu produzieren …“ Das Werden ist eine Vermehrung, die durch Ansteckung geschieht. „Werdet wie die Orchidee und die Wespe!“, raten sie uns.

Auch meinen Bekannten Jens, ein Tankwart, brachten die Wespen auf eine gute Idee, zunächst jedenfalls. Er hatte im Sommer im Freibad eine Wespe verschluckt, als er aus seiner Coca-Cola-Dose trank. Nachdem er wieder klar atmen und denken konnte, überlegte er sich: „Es müsste doch etwas geben, womit man die Dose verschließen kann. Zuerst experimentierte er mit Deckeln von Tupperware, dann mit Knetgummi. Von einer der Knetgummiformen ließ er schließlich eine Zeichnung anfertigen. Ein Techniker vervollständigte sie ihm dann bis zur „Patentunterschriftsreife“.

18 Monate später bekam Jens sein Patent. Damit akquirierte er Aufträge bei Getränkegroßhändlern. Die wollten seine „Ploppys“ aus Gummi ihren größeren Abnehmern von Dosengetränken im Sommer als Werbegeschenk mitgeben. Schließlich konnte er beruhigt 200.000 Ploppys bei einer Gummifabrik in Auftrag geben. Gleichzeitig kündigte er seinen Tankstellenjob, nahm einen „Start-up-Kredit“ auf, kaufte sich einen BMW und einen dunkelblauen Anzug – und wartete auf die fertigen Ploppys.

Aber die Gummifabrik verschob immer wieder die Pressung dieses für sie kleinen Auftrags – und als der Sommer fast vorbei war, sprangen die ganzen Getränkegroßhändler wieder ab. Schließlich stand Jens mit 130.000 Euro Schulden da. Die Ploppys verkaufte er dann in kleinen Margen an Kiosk- und Kneipenbesitzer. Noch heute hat er gut 80.000 Stück in seinem Keller.

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