Darf man den Londoner Täter zeigen?

Hunderte Beschwerden gegen Video

Fast alle britischen Medien zeigten Fotos und Videos von Michael Adebolajo, dem Attentäter von London. Die Kritik fiel heftig aus.

Blumen an einem Kasernenzaun in Gedenken an das Opfer. Bild: reuters

Es herrscht seltene Einigkeit auf dem britischen Zeitungsmarkt. Michael Adebolajo, der Attentäter von London, prangte am Donnerstag auf allen Titelblättern – vom Guardian über den Daily Telegraph und die Daily Mail bis zum Independent.

„Blut an seinen Händen, Hass in seinen Augen“, schrieb die Mail darunter. Die meisten anderen Zeitungen wählten Zitate aus dem Video, das am Abend zuvor erstmals auf ITV zu sehen war und danach schnell die Runde machte. Nahezu alle Zeitungswebseiten und Fernsehsender brachten das Video, das Michael Adebolajo kurz nach der Tat zeigt, bei der er einen britischen Soldaten getötet hatte. „Ihr werdet nie mehr sicher sein“, zitiert beispielsweise der Guardian auf seiner gedruckten Titelseite.

Doch Leser und Zuschauer scheinen sich nicht so einig darüber zu sein, ob ein derartiges Bekennervideo (oder Fotos daraus) gezeigt werden sollten. Allein bis Donnerstagmittag gingen bei BBC, ITV und der britischen Medienaufsicht Ofcom 800 Beschwerden ein, berichtet der Guardian.

In Großbritannien wird darüber diskutiert, ob es angebracht ist, einem vermeintlichen Mörder solch ein Forum für seine Ansichten zu geben. Der Journalismusprofessor Roy Greenslade gibt in seinem Blog dazu eine klare Antwort: „Ja.“ Die Zeitungen und Sender hätten einfach dämlich ausgesehen, wenn sie etwas, das eh schon in der Welt gewesen sei, ignoriert hätten.

Unter den Briten scheint diese Klarheit nicht vorzuherrschen: Bei einer Umfrage des britischen Media Blog sagten 56 Prozent der 1136 Teilnehmerinnen und Teilnehmer „Nein“, die Zeitungen hätten den „Woolwich attacker“ nicht auf ihren Frontseiten zeigen sollen. 36 Prozent hielten die Veröffentlichungen für richtig, acht Prozent waren unentschlossen.

Erstaunlich ist, dass sich auch Sky News für ein „Nein“ entschied und das Video nicht ausstrahlte. Der 24-Stunden-Nachrichtensender gehört zum Medienimperium von Rupert Murdoch, dessen Blätter The Sun und die nach einem Abhörskandal eingestellte News of the World eher nicht zu den zurückhaltenden zählen. „Wir glaubten, dass es unnötig besorgniserregend sei“, sagte der verantwortliche Sky-News-Redakteur John McAndrew gegenüber der „Press Gazette“.

Sky News stand mit dieser Entscheidung recht allein – auf einem auch am Freitag sehr geschlossenen Medienmarkt: Da zeigten fast alle Zeitungen ein altes Foto des Opfers in Uniform auf Seite eins.

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