Alternatives Einkaufszentrum

Mall ganz anders

Innenstädte müssen nicht aus einer Ansammlung immer gleicher Shopping-Malls bestehen. In Stuttgart probiert man es mit einem Alternativkonzept.

Die Mall mit neuem Leben. Bild: Christine Luz

STUTTGART taz | Zwei neue Einkaufszentren buhlen in Stuttgart um Kundschaft: das Gerber im südlichen Teil der Innenstadt, das Milaneo im Norden. Zusammen 68.000 Quadratmeter Verkaufsfläche und dieselben Läden wie überall: H&M, Hunkemöller, Mango, Vero Moda, dm. Ausgerechnet zwischen diesen beiden Shopping-Giganten ist ein alternatives Einkaufszentrum entstanden. Ein Experiment.

Fluxus nennt sich das Konzept, lateinisch für „vergänglich“. Der Name prangt über dem Eingang zur Calwer Passage, einem Gebäudekomplex in Stuttgart-Mitte. Vergänglich daran sind die 17 Läden darin. Sogenannte Pop-up-Stores, die nur eine begrenzte Zeit geöffnet haben.

Da ist etwa der Design Kiosk West, in dem sich Stuttgarter Designer präsentieren und Kunden von der Vase aus alten Büchern über Stempel bis zum Goldschmuck alles finden. Oder das Botanical Affairs, in dem es ausschließlich Gin in allen Varianten und Tonic-Water zu kaufen gibt. Dazwischen hippe Klamotten, Secondhand oder vom jungen Designerlabel. Für Shoppingpausen stellt das Café Bohème einen Möbelmix aus Sofas, Sesseln und Stühlen sowie eine regionale Getränkekarte bereit.

Eigentlich sollte die in die Jahre gekommene, leerstehende Passage aus den 70er Jahren renoviert werden. Stattdessen zog Ende 2014 Fluxus ein. Auf drei Monate war das Projekt angelegt. Die Kunden kamen, die Shop-Inhaber waren zufrieden, so wurde die „Temporary Concept Mall“ bis Ende 2015 verlängert.

„Wir machen lauter kleine Läden auf“

Die Idee für die kreative Zwischennutzung stammt von Hannes Steim. Sein Ziel war es, wenigstens die Hälfte der Ladenflächen zu vermieten. „Malls machen kleine Läden kaputt, wir machen lauter kleine Läden auf“, sagt der 35-jährige Organisator. Nach seiner Philosophie steht der Inhaber auch mal selbst hinter der Kasse.

Inspiriert hatte Steim das Bikinihaus in Berlin. Auch dort finden sich statt Ketten viele kleine, exklusive Händler. Davon profitieren die Besucher, aber auch die Betreiber: Die meisten haben hier zum ersten Mal einen Laden eröffnet. Die Passage ist auch ein Sich-Ausprobieren.

Das funktioniert nur, weil die Mieten weit unter dem liegen, was sonst üblicherweise gezahlt wird. „Die Mieten sind in der Innenstadt so hoch, als kleiner Fisch kann man da nicht mithalten“, sagt Steim. Für ihn stellt sich dabei auch die Frage, wie sich eine Stadt ausrichtet.

Aber braucht es wirklich noch mehr Shoppingangebote? Noch eine Mall? Die Architektin und Stadtforscherin Yvonne P. Doderer sieht eine Tendenz dazu, dass die Innenstadt immer mehr kommerzialisiert wird. Dagegen stehen einige wenige Kulturinstitutionen. Auch Fluxus sei ein kommerzielles Angebot, allerdings kleinteiliger. „Das führt zu einer Diversifizierung des Einkaufsangebots und ist insofern zu begrüßen“, sagt sie. „KonsumerInnen lieben Kleinteiligkeit und Abwechslung.“ Nicht nur was man kauft, ist wichtig, sondern auch, wo.

Vegan-Zertifizierung

Die Zielgruppe ist hip, jung oder junggeblieben. Auch Mademoiselle Yéyé spricht diese Klientel an, ein von Peta als vegan zertifiziertes Label. Ihre Retro-Mode vertreiben die Inhaber Kai Alt und Florence Shirazi vor allem über einen Onlineshop und inhabergeführte Geschäfte in Europa und den USA. In der Calwer Passage haben sie nun ihren ersten eigenen Laden aufgemacht. „Als Stuttgarter Label ist es für uns ganz wunderbar, jetzt auch vor Ort zu sein und unsere Kundinnen persönlich kennenzulernen“, sagt Shirazi.

Schließt Fluxus Ende des Jahres, ist damit wieder Schluss. „Es wäre schön, wenn es irgendwie weitergehen würde“, sagt die Designerin. Vorstellen kann sie es sich nicht. In Stuttgart seien die „Mieten meist unerschwinglich“.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben