Kommentar Protest gegen Erdoğan

Die Ignoranz der Linken

Der Protest gegen Erdoğan in Berlin und Köln war spärlich. Die Linken haben die türkischen Regimegegner fast allein gelassen.

Protest gegen den Erdogan Besuch

6.000 gingen in Berlin gegen Erdoğan auf die Straße Foto: reuters

Aus ganz Deutschland sind am Samstag Tausende Anhänger des türkischen Präsidenten Erdoğan nach Köln gereist, um bei seiner Einweihung der Ditib-Zentralmoschee dabei zu sein. Die Polizei geht von bis zu 20.000 Menschen aus, die sich an den Absperrungen versammelt hatten.

Dabei wurden offen nationalistische und islamistische Symbole gezeigt, zahlreiche Erdoğan-Anhänger erhoben die Hand zum Rabia-Gruß der ägyptischen Muslimbrüder oder zum Wolfsgruß der rechtsextremen Grauen Wölfe. Deren Ideologie beinhaltet eine Symbiose aus türkischem Nationalismus und Islamismus.

Dass die Nationalisten dabei weitestgehend ungestört agieren konnten, ist enttäuschend. Die Teilnehmerzahlen der Gegendemonstrationen blieben weit hinter den Erwartungen der Veranstalter zurück: In Köln demonstrierten nur ungefähr 2.500 Erdoğan-Gegner, in Berlin nur etwa 6.000.

Außer Linken mit kurdischem oder ­türkischem Migrationshintergrund, wenigen Antifa-Gruppen und der Alevitischen Gemeinde interessiert es anscheinend nur wenige, wenn ein autoritärer Unterdrücker hofiert wird und ihm Tausende Anhänger auf den Straßen die Treue schwören.

Ignoranz gegenüber den türkischen Nationalisten

Große Teile der Linken und Linksliberalen überlassen es den migrantischen Regimegegnern, gegen den Autokraten Erdoğan zu demonstrieren. Sie ignorieren die türkischen Nationalisten, obwohl deren Ideologie allem widerspricht, wofür sie stehen. Und sie lassen diejenigen aus Einwandererfamilien im Stich, die von den Erdoğan-Anhängern angefeindet werden: Regimekritiker, Kurden, Linke, Feministinnen sowie religiöse und sexuelle Minderheiten.

Es ist ein starkes und wichtiges Zeichen, wenn in Berlin 25.000 Menschen gegen die AfD demonstrieren oder wenn in Chemnitz 65.000 Menschen ein Konzert gegen rechtsradikale Ausschreitungen besuchen. Es ist problematisch, dass es kaum erwähnenswerten Protest gegen Erdoğan gegeben hätte, wenn kurdische, türkische, alevitische und jesidische Gruppen nicht dazu aufgerufen hätten.

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Freier Mitarbeiter in den Ressorts taz.de und Gesellschaft/Medien. Themenschwerpunkte: Antisemitismus, Islamismus, LGBT-Politik und Fankultur. Jahrgang 1993.

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