Kommentar Anschläge in Brüssel

Fragwürdiges Bashing

Halb Deutschland macht sich über die belgischen Terrorfahnder lustig. Dabei fällt auch hierzulande die Bilanz der Ermittler mager aus.

Ein Mann in Militäruniform steht mit Waffe auf der Straße

Noch immer wird der Flughafen in Brüssel stark bewacht Foto: dpa

Irgendwie war schon immer klar: Außer Schokolade, Pommes und Bier kriegen die Belgier nichts auf die Reihe. Dies ist – kaum überspitzt – die deutsche Reaktion auf die Pannenserie, die die Suche nach den Terroristen von Brüssel überschattet. „Polizei kommunizierte per WhatsApp, Abdeslam war zu müde für Verhör“, machte sich Spiegel Online lustig.

Wer in Brüssel lebt und den Terror miterlebt hat, kann über derlei Schlagzeilen allerdings nicht lachen. Denn zum einen waren die vermeintlichen SPON-Exklusivmeldungen ziemlich alt; zum anderen fragt man sich, was denn eigentlich Deutschland tut, um Belgien aus der Patsche zu helfen.

Und da fällt die Bilanz ziemlich mager aus. Außer ein paar netten Worten und der Mahnung, Informationen endlich besser auszutauschen, fiel Bundesinnenminister Thomas de Maizière nicht viel ein. Deutschland selbst gibt keine Informationen an die Polizeibehörde Europol weiter.

Die belgische Justiz hat der Auslieferung des in Belgien festgenommenen mutmaßlichen Paris-Attentäters Salah Abdeslam an Frankreich zugestimmt. "Der Transfer ist genehmigt", teilte die Generalstaatsanwaltschaft am Donnerstag nach zwei Gerichtssitzungen mit. Über die weiteren Schritte würden nun die französischen und belgischen Behörden gemeinsam beraten. Auch Abdeslam selbst habe seiner Überstellung nach Frankreich seine "klare Zustimmung" gegeben.

Abdeslam war am 18. März nach mehr als vier Monaten auf der Flucht bei einer Großfahndung in Brüssel verhaftet worden. Bei den Anschlägen in Paris am 13. November wurden 130 Menschen getötet. (ap)

So wissen wir bis heute nicht, was einer der Brüsseler Hauptverdächtigen, Salah Abdeslam, in Ulm getrieben hat, wo er im Herbst gesichtet wurde. Wir wissen auch nicht, warum der deutsche Salafist Samir E., der in Düsseldorf festgenommen wurde, gemeinsam mit dem Brüssel-Bomber Ibrahim El Bakraoui aus der Türkei ausgewiesen wurde.

Das ist merkwürdig. Denn gleichzeitig macht sich halb Deutschland darüber lustig, dass die Belgier nicht sofort reagiert haben, als die Türkei El Bakraouis Abschiebung in die Niederlande bekannt gegeben hat. Das war tatsächlich eine ernste Panne – hätten die belgischen Behörden geschaltet, hätten sich die Attentate in Brüssel womöglich verhindern lassen.

Doch auch die deutschen Behörden wirken alles andere als schlagkräftig – und das erst nicht seit gestern. Schließlich hatten sie schon die Hamburger Terrorzelle bei den Attentate vom 11. September übersehen. Auch beim NSU-Terror haben sie lange nichts gerafft. Deshalb wirkt der Spott gegen Belgien so deplatziert.

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Jahrgang 1960. Hat in Hamburg Politikwissenschaft studiert, ging danach als freier Journalist nach Paris und Brüssel. Eric Bonse betreibt den Blog „Lost in EUrope“ (lostineu.eu). Seine taz-Kolumne zur Europawahl ist als E-Book erschienen - Titel: "Wo sind eigentlich die Hinterzimmer in Brüssel?"

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