Interview zum Veganen Sommerfest

„Neugier ist ganz wichtig“

Haben VeganerInnen moralische Probleme mit Allesfressern? Nein, meint Stephanie Stragies vom Vegetarierbund vebu und lädt alle zum Feiern ein.

Mögen auch eingefleischte Karnivoren: knackiges Gemüse. Foto: dpa

taz: Frau Stragies, was können BesucherInnen beim Veganen Sommerfest auf dem Alexanderplatz entdecken?

Stephanie Stragies: Wir bieten sozusagen einen Rundumschlag zum veganen Leben. Kulinarische Genüsse, vegane Mode und über die Konsumartikel hinaus auch ein Rahmenprogramm mit Musik, Kochshows, Workshops und Ernährungstipps. Der vegane Konditormeister Chris Geiser will einen Rekord aufstellen und 500 vegane Eierpfannkuchen backen, die das Publikum dann verkosten darf.

Die enthalten aber doch keine echten Eier?

Sie werden mit einer Ei-Alternative hergestellt, deshalb schreiben wir sie auch mit einem „y“. Also Eyerpfannkuchen.

Mit wie vielen BesucherInnen rechnen Sie?

Das Fest findet jetzt zum achten Mal statt und hat sich gut etabliert. Letztes Jahr kamen rund 50.000 Menschen, dieses Jahr erwarten wir noch ein paar tausend mehr.

Ist es nicht ein Widerspruch, dass ein veganes Fest vom Vegetarierbund veranstaltet wird?

Das würde ich nicht so sehen. Wir sind die größte Organisation für VeganerInnen und VegetarierInnen, wir betrachten uns für beide Gruppen als zuständig. Aber es stimmt, der Trend geht hin zum veganen Leben, und diesen Trend treiben wir entschieden voran.

31, ist Sprecherin des Vegetarierbunds Deutschland (vebu), der das Vegane Sommerfest mit veranstaltet. Das Fest findet vom 28. bis zum 30. August auf dem Alexanderplatz statt.

Und da kommen Sie intern nicht in Konflikte?

Nein. Wir haben ein Ziel, das wir gemeinsam verfolgen: Wir wollen das Leben für vegan und vegetarische lebende Menschen verbessern.

Ich selbst esse hin und wieder Fleisch und fühle mich gegenüber VeganerInnen eher unsicher. Verurteilen Sie mich als „Omnivoren“ denn nicht moralisch?

Nein, jeder macht es so, wie er mag. Wir empfehlen die vegane Lebensweise als die beste für Ihre Gesundheit, für den Planeten und vor allem auch für die Tiere. Das Fest veranstalten wir ja auch für Menschen, die wenig Berührungspunkte mit veganem Leben haben. Die möchten wir erreichen, denen möchten wir vermitteln, warum wir veganes Leben gut finden – und dass es sehr viel Spaß macht, vegan zu leben.

Ich habe aber schon erlebt, dass VeganerInnen dogmatisch auftreten.

Vom 28. bis 30. August findet auf dem Alexanderplatz das 8. Vegane Sommerfest statt. Organisiert wird es vom Vegetarierbund Vebu, dem Bündnis Berlin-Vegan und der Albert Schweitzer Stiftung. Mehr als 100 Aussteller werden in den Bereichen Gastro, Handel und Information erwartet. Das Spektrum reicht von den „Veggy Pirates“ bis zu Tierrechtsorganisationen und Gnadenhöfen.

Wie viele VeganerInnen in ­Berlin leben, ist nicht bekannt. Vebu rechnet für ganz Deutschland mit derzeit 900.000 – das wäre mehr als 1 Prozent der Bevölkerung. Da in Metropolen neue Lebensweisen oft zuerst eingeübt werden, dürfte der Anteil hier noch höher liegen.

Dann liegt das an Ihrem persönlichen Umfeld. Wir sind ganz offen und laden alle ein. Auch Menschen, die flexitarisch leben, die also sehr wenig Fleisch essen. Wir zeigen eine Option auf, von der wir überzeugt sind, dass sie der eigenen Gesundheit, der Umwelt und den Tieren gut tut. Aber das Tempo, mit dem man sich diesem Lebensstil nähert, macht jeder für sich aus.

Sind Sie denn optimistisch, dass die Nutzung von Tieren in einem überschaubaren Zeitraum ein Ende haben wird?

Wir sind jedenfalls sehr optimistisch, dass die vegane und vegetarische Lebensweise eine immer größere Rolle spielen werden. Selbst viele große Konzerne bemühen sich, mehr pflanzliche Alternativen herzustellen. Ich denke, die vegane Ernährung wird in fünf Jahren so normal sein wie heute die vegetarische.

Es heißt oft, vegan zu leben bedeute keinen Verzicht. Aber ich verzichte doch faktisch auf sehr viele Lebensmittel.

Das ist nur eine mögliche Sichtweise. Betrachten Sie es mal so: Für jedes Lebensmittel, das wegfällt, kommen andere hinzu. Es gibt so viele Alternativen. Sie müssen dann nur eben mal beim Einkauf in Ecken gucken, in die sie vorher nicht geguckt haben. Dann werden Sie zum Beispiel entdecken, dass es dort im Regal nicht nur fünf Getreidesorten gibt, sondern 15. Neugier ist dabei ganz wichtig.

Was mich immer ein bisschen irritiert, ist der Versuch, Fleischprodukte ohne Fleisch nachzubilden. Das finde ich nicht sehr überzeugend.

Jeder geht da seinen eigenen Weg. Manche vegan lebenden Menschen lehnen das auch ab. Aber wir finden es gut, dass alte Gewohnheiten beibehalten werden können. Das macht manchem die Umstellung leichter. Bei der Gartenparty können Menschen dann eben ganz einfach ein veganes Würstchen auf den Grill legen.

Neben die aus Schweinefleisch?

Wie gesagt, es ist eine individuelle Entscheidung, wo für Sie die Trennlinie am Grillrost verläuft.

Ist Berlin auch die Hauptstadt des veganen Lebens?

Es gibt inzwischen drei Filialen des veganen Supermarkts „Veganz“ und mehrere kleinere vegane Vollsortimenter. Vegan essen können sie in 40 Cafés und Restaurants, und neulich hat auch die erste vegane Eisdiele eröffnet. Das ist schon ein sehr großes Angebot.

Und kann die Stadt international mithalten?

Auf jeden Fall. Nur im Vergleich zu den USA haben wir noch etwas Luft nach oben. Da ist plant based nutrition noch ein bisschen weiter verbreitet als hier, gerade auch unter dem gesundheitlichen Aspekt.

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