Kolumne Die eine Frage

Tür an Tür mit Katrin

Was will uns das Groupietum der Grünen Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt eigentlich sagen?

Katrin Göring-Eckardt

Katrin Göring-Eckardt, grüne Fraktionsvorsitzende und Carpendale-Groupie. Foto: dpa

Pelzig wollte ihr gerade ein neues Glas hinstellen, als Katrin Göring-Eckardt (Die Grünen) intervenierte: „Kann ich das von Howard Carpendale haben?“

Der Moderator der Plaudersendung „Pelzig hält sich“ (ZDF) war im Begriff abzulehnen. Doch da schnurrte die Spitzenpolitikerin: „Och, bitteeeee!“

Der Grünen Wille ist ihr Himmelreich, dachte sich Pelzig und schob ihr das Glas rüber, das soeben noch Popstar Carpendale, 69, abgeschlabbert hatte. Vermutlich glaubte Pelzig da noch, das habe etwas mit Ökoeffizienz oder einer neuen grünen Moralenzyklika zu tun. Weit gefehlt. Göring-Eckardt, 49, erfüllte sich ganz offenbar einen kinky Groupietraum.

Es war so: In der Thüringer Tanzschule von Katrins Eltern lief zu DDR-Zeiten Carpendales 70er-Jahre-Superhit „Tür an Tür mit Alice“ in heavy rotation. Sie habe das früher „dreitausendmal“ gehört. „Das ist sooooo drin in mir“, seufzte sie, „und wenn ich jetzt noch sein Glas …“

Eine Familie flieht 1945 aus dem Sudetenland. Zwei Brüder landen in der DDR, einer in der BRD. Einer empfindet sein Schicksal als gerechte Strafe. Der andere darf es als Vertriebenenvertreter zelebrieren. Der dritte stirbt.

Die persönliche Generationengeschichte unserer Autorin zum Tag von Flucht und Vertreibung lesen Sie in der taz.am wochenende vom 20./21. Juni 2015. Außerdem: Anfangs war sie die hübsche Frau zwischen nicht mehr ganz jungen Professoren. Jetzt plant Frauke Petry, AfD-Chef Bernd Lucke von der Spitze zu verdrängen. Wie weit will sie nach rechts? Und: Ein Paar wurde inhaftiert, weil es Sex im Schwimmbad hatte. Lohnt das? Oder bleibt man besser im Bett? Die Streitfrage „Rein oder raus?“ mit Gastbeiträgen der Rapperin Lady Bitch Ray und des Schriftstellers Saša Stanišić. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Na, und dann trank die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Deutschen Bundestag Pelzigs grüne Bowle aus Howies Glas, und die Sonne ging auf in ihrem Gesicht. Und man weiß gar nicht, ob es daran lag, dass sie ihre Performance für extrem gelungen hielt oder weil es sie wirklich total kickte. Ich denke mal, Letzteres. Berechnung wird ihr ja oft genug unterstellt. So einen extraordinären Abgrund hingegen hätte auch der Abgebrühteste nicht von ihr erwartet.

Avantgardistisch oder windkraftfeindlich?

Aber weil parteiintern alles auf geheime Strategien abgetastet wird, lautet die große grüne Frage: Ist Göring-Eckardts Aktion korrekt, unkonventionell, sozial, liberal, progressiv, bewahrend und emanzipatorisch oder womöglich sogar avantgardistisch und zukunftsweisend?

Sowohl die Realo-Grünen als auch der linke Flügel dürften sich schwer damit tun, das in ihre jeweilige Programmatik einzuordnen. Die Grüne Jugend hat es offenbar noch nicht mitgekriegt, sonst hätte Theresa Kalmer längst ein Howard-Carpendale-Trinkglas-Verbot zur Abwendung des grünen Neoliberalismus gefordert.

In der Tat stellen sich Fragen. Zum einen könnten abgehobene grüne Mittelschichtseltern gesundheitliche Bedenken haben und das Trinken aus benutzten Gläsern als problematisches Leitbild für ihre Blagen einschätzen. Zum anderen könnte es Diskussionen geben, ob Howie in seinen Songs angemessene Leitbilder widerspiegelt.

„Das schöne Mädchen von Seite eins / das will ich haben und weiter keins.“ Ist das womöglich zu hetero- und oberflächenfixiert? „Du fängst den Wind niemals ein.“ Ist das windkraftfeindlich? In „Hello Again“ heißt es: „Ein Jahr lang war ich ohne dich / ich brauchte diese Zeit für mich.“ Geht man in grünen Partnerschaften so miteinander um, oder ist das Zeitpolitik des 21. Jahrhunderts? In „Wie frei willst du sein“ säuselt Carpendale: „Doch wie frei willst du sein, ohohoho?“ Eine zentrale Frage der grünen Gegenwart.

Und dann ist da noch etwas: Auch Gregor Gysi (Die Linke) hat 2012 beim Göttinger Parteitag aus einem benutzten Glas getrunken. Allerdings nicht aus dem von Howie. Dennoch eine Gemeinsamkeit, auf die man Rot-Grün-Rot aufbauen kann?

Das alles schreit förmlich nach einem Schlagerkongress und einer Grundsatzrede von Göring-Eckardt.

Oder man nimmt ernst, was Carpendale in „Tür an Tür mit Alice“ postuliert: „Sie hat wohl ihre Gründe / und es geht misch auch nichts an.“

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Chefreporter der taz, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). In seinem neuesten Buch „Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen“ (Ludwig) erzählt er das Drama der modernen Familie als Komödie. Sein Bruder ist der „Ökosex“-Kolumnist und -Rock'n'Roller Martin Unfried

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