Wahlkampf Dominikanische Republik

Tochter der Volksheldin

Minou Mirabal geht als Außenseiterin ins Rennen um das Präsidentenamt. Sie fühlt sich dem kämpferischen Erbe ihrer Eltern verpflichtet.

Minou Mirabal spricht zu einer Gruppe Menschen, die um sie herum stehen

Minou Mirabal (Mitte) auf Wahlkampftour. Auf dem Land hat es die Opposition besonders schwer Foto: Hans-Ullrich Dillmann

SANTO DOMINGO/ HIGUERAL taz | Minerva Tavárez Mirabal ist wütend. „Sie haben uns die Anerkennung als Partei entzogen“, sagt sie – „und das kurz vor den Wahlen.“ Am Morgen war sie noch als Präsidentschaftskandidatin der Opción Democratico (OP) ins oberste Gericht der Wahlbehörde gerufen worden. Fünf Stunden später hält sie das Schriftstück in den Händen, das ihrer Partei die Zulassung für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am kommenden Sonntag verweigert. Die notwendige Zahl der Parteimitglieder habe bei einer telefonischen Stichprobe nicht verifiziert werden könnte, lautet das richterliche Urteil.

„Die Regierungspartei versucht mit allen Tricks, meine Kandidatur zu verhindern“, sagt Mirabal in ihrem klimatisierten Büro im gutbürgerlichen Stadtteil Bella Vista. Nervös fingert sie an der Perlenkette unter dem apfelgrünen Jackett. Ihr Hauptstadt-Look, mit dem die 60-jährige Politikerin derzeit auf Wahlkampftour ist. Die Rechtsmittel sind ausgeschöpft.

Eine Katastrophe, einerseits. Tavárez Mirabal rettet jedoch eine Besonderheit des dominikanischen Wahlrechts. Unterschiedliche Parteien können die gleichen Präsidentschaftskandidaten auf ihr Schild heben. Vorsorglich wurde sie deshalb auch von der sozialdemokratisch ausgerichteten Alianza por la Democracia (APD) nominiert .

Ihren Namen kennt jeder

„Das ist die „späte Rache meiner ehemaligen Parteifreunde“, sagt Minou Mirabal, wie ihre Freunde sie rufen. Vor zwei Jahren war sie selbst noch einflussreiches Mitglied der regierenden Befreiungspartei Partido de la Liberación Dominicana (PLD). Als vor zwei Jahren eine Strafrechtsreform vom Parlament verabschiedet wurde, die Korruption stärker unter Strafe stellen sollte, fehlte nach der entscheidenden Abstimmung plötzlich der Passus, der es Bürgern ermöglicht hätte, Strafanzeige gegen korrupte Beamte und Politiker zu stellen. „Das war der Tropfen, der für mich das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, sagt Mirabal.

Mit ihren Exgenossen geht Mirabal hart ins Gericht: „Die PDL ist geprägt von Korruption, Klientelismus und innerparteilicher Intransparenz.“ In den Medien des Landes spiegelt sich diese Kritik kaum wider. Die Regierung übe über Anzeigenaufträge Druck aus, erklärt Mirabal. „Aber zum Schweigen bringen sie mich nicht.“

Für Minou Mirabal war ihre Geschichte „immer mehr Inspiration als Bürde“

Das liegt nicht zuletzt auch am öffentlichen Gewicht ihrer Meinung und ihres Namens, der zugleich Teil des Gründungsmythos der PLD ist. Seit zwölf Jahren ununterbrochen an der Regierung, bezieht die PLD ihre politische Legitimation aus dem Widerstand gegen die Trujillo-Diktatur, die 1961 endete. Ihr prominentestes Opfer war Minerva Mirabal de Tavárez, Minous Mutter, die heute als Volksheldin verehrt wird. Sie gehörte zur Führung der Widerstandsbewegung Movimiento 14 de Junio und wurde im November 1960 zusammen mit zwei ihrer Schwestern auf Befehl Trujillos ermordet.

Bei der Tante aufgewachsen

Minou war damals vier Jahre alt. Drei Jahre später starb auch ihr Vater Manolo Tavárez als Guerillero in den Bergen im Kugelhagel, nachdem der erste demokratisch gewählte Präsident, Juan Bosch, von einer Militärjunta gestürzt worden war. „Für mich war es immer mehr Inspiration als Bürde, die ich mit dieser Geschichte geerbt habe“, sagt Minou Mirabal heute.

Sie ist bei der einzigen überlebenden Schwester ihrer Mutter, Dedé, auf der Finca der Großeltern aufgewachsen, heute ein Vorzeigeprojekt für ökologisch angebauten Kakao. „Dedé“, erzählt sie, „hat uns Kindern die ermordeten Mütter ersetzt. Ich war glücklich auf dem Land, aber mein Leben ist eigentlich die Literatur, das städtische, intellektuelle Leben.“

Mit ihren nachgedunkelten schwarzen Haaren und der hochgewachsenen Gestalt sieht sie ihrer Mutter enorm ähnlich. Und auch Minou Mirabal ist eine Volkstribunin. Ihr offenes Lachen und ihre ungekünstelte Zugewandtheit lassen keine soziale Distanz entstehen. „Wir sind starke Frauen“, lacht sie herzhaft und umarmt zwei Frauen mit zerfurchten Gesichtern, die vor Jahrzehnten aus Haiti zur Zuckerernte gekommen sind. Nähe schafft sie, ohne respekt- und distanzlos zu wirken.

Die Wahlen: 6.765.136 registrierte dominikanische Wählerinnen und Wähler bestimmen am Sonntag den Staatspräsidenten. Umfragen sehen den Amtsinhaber Danilo Medina bereits im ersten Wahlgang bei über 50 Prozent der Stimmen. Außerdem stehen 32 Senatoren der obersten Parlamentskammer sowie 190 Deputierte, 20 neue Mitglieder des Zentralamerikanischen Parlaments, 158 Bürgermeister und insgesamt 1.164 Ratsfrauen und -männer zur Wahl. Fast 25.000 Personen und 26 Parteien kandidieren.

Die Wirtschaft: Mit plus sieben Prozent belegt das Land in Lateinamerika Spitzenwerte beim Wirtschaftswachstum. Allerdings beträgt die Staatsverschuldung fast die Hälfte des PIB. Etwa 41 Prozent der Landesbewohner leben unter der Armutsgrenze.

Schon während ihres Literaturstudiums in Kanada, Kuba und Spanien engagierte sich Minou Mirabal in linken Gruppen. Schnörkellos erzählt sie von ihren Träumen von einem besseren Leben in der Dominikanischen Republik, in der jedes Jahr Millionen von Touristen Urlaub machen, die Bewohner aber auswandern müssen, weil es keine Arbeit gibt, die eine Familie ernährt. „Uns hilft kein Wirtschaftswachstum, das nicht auch Arbeitsplätze und Einkommen für ein würdevolles Leben schafft“, sagt sie. Auch wenn sie aus eher begüterten Verhältnissen stammt und derzeit noch von den Privilegien als Abgeordnete profitiert.

„Optimismus mobilisiert“

Der Wahlkampf lässt Minou Mirabal derzeit wenig Schlaf. Morgendliches Briefing im Büro, Treffen mit Vertretern von Bürgerinitiativen und Unternehmerverbänden, Interviews im Fernsehen und Rundfunk. An Pause nicht zu denken. Ein Sandwich auf dem Beifahrersitz des klimatisierten Geländewagens zum Mittag. Den strapazierten Füßen mit den rotlackierten Fußnägeln gönnt sie ein paar Minuten Entspannung auf der Fahrzeugkonsole, wärmend von der gleißenden Karibiksonne beschienen. Auf dem Rücksitz der Leibwächter mit einem kritischen Auge für die Umgebung. Sicher ist sicher.

Tausende Kilometer hat sie auf ihrer Wahlkampftour von Osten nach Westen, von Süden nach Norden in dem fast 49.000 Quadratkilometer großen Territorium des Landes zurückgelegt, um Wählerinnen und Wähler zum Kreuz auf ihrem Foto zu animieren. Und sich von ihren neuen Parteifreunden als künftige Präsidentin feiern lassen. „Nur Optimismus mobilisiert“, erklärt sie – einschränkend. Wohl wissend, dass das Projekt „Minou Presidente“ sich in der kommenden Legislaturperiode wohl nicht realisieren wird.

Dafür sind die Schwierigkeiten zu groß, mit denen sie, ihre Helfer und ihre möglichen Wähler konfrontiert sind. Während in Higueral, einem kleinen Ort im Südosten des Landes, ein kleiner, fast schrottreifer Minilaster musikalisch im Merenguetakt um Stimmen für Mirabal werben soll, ist die Tage zuvor von Sattelschleppern gezogene Profi-Sound-Anlage der Regierungspartei noch immer das Gesprächsthema in der abgelegenen Zuckerrohrregion – und die kleinen Geldgeschenke, Gutscheine, Fresspakete und Rumflaschen, die an die aktiven Teilnehmer der Wahlkampfkarawane ausgegeben wurden. „Da können wir nicht mithalten“, sagt Minou Mirabal.

Hausbesuche abgesagt

Die meisten Männer hier verdingen sich auf den Zuckerrohrfeldern und bringen als Tagelöhner gerade mal vier bis fünf Euro nach Hause. Ihr Arbeitgeber ist auch ihr Vermieter. Wer seinen Job verliert, muss ausziehen. Deshalb sind die Familien auf das Wohlwollen des Arbeitgebers und auf die finanzielle Unterstützung des Staates angewiesen. Rund eine Million Bewohner des Landes erhalten umgerechnet etwa 20 Euro pro Monat zum Lebensmitteleinkauf über eine sogenannte „Bezahlkarte Solidarität“. Über die Vergabe der Karte entscheiden indirekt die regionalen Parteistrukturen, die Antragssteller empfehlen vorzugsweise diejenigen, von denen sie wissen, dass sie die Regierungspartei wählen.

Wie der damit verbundene Druck im Detail funktioniert, erlebt Minou Mirabal an einem brütend heißen Nachmittag in Higueral. In der Batey genannten Hüttensiedlung will sie mit ihrem Team von Tür zu Tür ziehen. Juan Telemin, der eigentlich Jura studiert, für das Bürgermeisteramt kandidiert und zugleich der regionale APD-Wahlkampfbeauftragte ist, sagt die Hausbesuche ab.

Die Bewohner haben Angst. Am Vortag bekamen sie Besuch vom Vorarbeiter. Wer künftig soziale Zuwendungen wie Kochgas- und Lebensmittelgutscheine wolle, müsse sich der Regierungspartei gegenüber loyal verhalten, warnte er die Anwohner. Am Straßenrand sind die lilafarbenen Wahlplakate der PLD unübersehbar, die Werbung für andere Parteien seltene Farbtupfer. „Abends hängen wir unsere Werbung auf, am nächsten Morgen ist sie verschwunden“, erzählt Juan Telemin.

Im einige Kilometer entfernten Dörfchen Quisqueya haben sich trotzdem knapp hundert Mutige auf dem Dorfplatz versammelt und empfangen „La Mirabal“ und die regionalen Parteikandidaten mit Tröten, Tanzeinlagen, Fahnenschwenken. „Weg mit ihnen“, skandieren sie und meinen die Regierung. Am Rande hat der PLD-Bürgermeister mit ein paar kräftigen Männern Position bezogen und lässt die Oppositionsversammlung filmen. „Wir haben zwar kein Geld, aber Würde“, ruft Minou Tavárez Mirabel trotzig in die kleine Versammlung. „Denkt daran, egal wie sie drohen und was sie versprechen: In der Wahlkabine seid ihr allein und könnt frei wählen.“

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