Symposium im Mies van der Rohe Haus

Wie man sich bettet, so liegt man

Eigentlich wollte man ja gleich schweben, als man erst mal saß. Ein Symposium ging der Frage nach dem Sitzen und Liegen in der Moderne nach.

Flache Lederliege in einem modernistischen Paviilon

Das Daybed im Farnsworth House Foto: Chicago Architecture Foundation

Den Stuhl kennen wir seit es unsere Spezies gibt. Dass er benutzt werden darf ist allerdings neu. Erst mit der französischen Revolution fällt das Sitzprivileg und alle BürgerInnen dürfen sich auf vorhandene Stühle setzen. Das erläuterte der Kunsthistoriker und Philosophen Hajo Eickhoff einer – im Mies van der Rohe Haus in Alt Hohenschönhausen dicht gedrängt sitzenden – Zuhörerschaft.

Dass sie an diesem Freitagnachmittag zum Symposiums „Mies – Sitzen und Liegen“ im Haus Lemke – wie das Mies van der Rohe Haus ursprünglich hieß – zusammengekommen war, hatte genau eben diesen Grund: Kaum ist der Einzelstuhl kein Thron mehr für Könige, Päpste oder andere Hervorgehobene der Gesellschaft, sondern ein Alltagsgegenstand, kommt man nicht umhin, sich Gedanken über ihn zu machen.

Das geschah besonders in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Denn der Stuhl wurde, wie Hajo Eickhoff sagt, überhaupt erst in den vergangenen hundert, wenn nicht erst fünfzig Jahren in Bezug auf Material, Form und Funktion entwickelt und differenziert.

Welche Rolle spielte also der Stuhl, die Bank und die Liege bei einem herausragenden Architekten der Moderne wie Mies van der Rohe? Interessant, dass selbst bei ihm die erst allmähliche Bekanntschaft mit den Möbeln zum Sitzen und Liegen zu beobachten ist. So trat etwa sein heute so berühmtes und ikonisches Daybed von 1929 seinen Siegeszug erst nach dem Zweiten Weltkrieg an. Denn der Architekt entdeckte erst mit der Planung und dem Bau seines Farnsworth-House (1945-1951) das Potential dieses Möbels, indem er es frei in den Raum stellte.

Die Ausstellung „Sebastian Stumpf – Still“ läuft noch bis 16. Dezember, Mies van der Rohe Haus, Oberssestr. 60, Di-So 11-17 Uhr. Der Band „Mies – Sitzen und Liegen“ ist im Verlag Form + Zweck erschienen und kostet 25 Euro. Weitere Infos: www.miesvanderrohehaus.de

Die Liege als Raumskulptur

Zum Genre des Sofas und der Couch gehörig, war das Daybed lange an der Wand platziert worden. Als Raumskulptur behandelt, konnte die breite flache Liege mit ihrem auffallenden abgesteppten Lederpolster plötzlich gesellschaftlichen Status kommunizieren. Freistehend wie die Skulptur, die Mies gerne für seine Interieurs vorsah, war das Daybed nun Ausdruck eines kultivierten Lebensstils wie Werner Möller, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Bauhaus Dessau ausführte.

Er stand bei seinen Vortrag neben dem Daybed. Dahinter an der Wand betrachtete man eine große Fotografie von Sebastian Stumpf. Der Künstler wurde durch seine – von ihm selbst dokumentierten – Interventionen in die Architektur des öffentlichen und auch privaten Raums bekannt, etwa indem er sich unter schließenden Garagentoren durchrollte.

Auf dem Foto liegt er jetzt nicht auf Mies’ Daybed, sondern im Wasserbecken vor einem großen Bürogebäude. Dass er aber auch still im Wohnraum des Haus Lemke saß und mit der Kamera die Ameisen, Fliegen und Spinnen beobachtete, die die dort zugange waren, gab seiner Ausstellung dort jetzt ihren Titel.

Die Liege als Skulptur schlechthin war selbstverständlich die 1929 entwickelte LC4 Chaiselongue von Le Corbusier. Der Schweizer Architekt weist seinen frei im Raum stehenden Stahlrohrsesseln, -stühlen und –hockern keinen exakten Raum zu. Sie sind bei ihm frei beweglich und können immer wieder neu im Raum verteilt werden.

Möbel sind Kunstwerke

Anders bei Mies van der Rohe wie Jan Maruhn, Kunsthistoriker und Leiter der Bildhauerwerkstatt des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin BBK, erläuterte. Mies weiß genau, wo seine Sitz- und Liegemöbel zu stehen haben und wie ein Bildhauer inszeniert er Einzelmöbel und Gruppen, so dass sie ihre größtmögliche Wirkung entfalten.

Dass es sich bei seinen Möbeln um Kunstwerke und nicht um Gebrauchsgegenstände handelte, wurde Edith Farnsworth, der Bauherrin des Wochenendhauses auf dem Land, schnell klar. „Mies spricht vom offenen Raum, aber der Raum ist sehr festgelegt. Ich kann nicht einmal einen Kleiderbügel im Haus aufhängen, ohne mich zu fragen, wie das den Blick von außen verändert. … Jede Umstellung von Möbeln wird zum Problem“, beklagte sie sich und verklagte Mies wegen der enormen Baukosten und der „Unbewohnbarkeit“ des Hauses.

Auch die Gäste der Churchs dürften in deren 1927-29 von Le Corbusier erbauten, großzügigen Villa, auf die eine oder andere Schwierigkeit gestoßen sein. Platz zum Sitzen dürften sie jedenfalls nur selten gefunden haben, so rar waren die Sitzgelegenheiten in den Räumen verstreut. Ähnlich wie Mies ging es Corbusier nicht ums Sitzen, sondern um das Ausstellen von Schönheit.

Ansich wollten die Stahlrohrmöbel von Le Corbusier, Charlotte Perriand, Mies van der Rohe und zuvor schon von Mart Stam, Marcel Breuer oder Hand und Wassily Luckhardt schon das Sitzen revolutionieren, etwa indem man statt auf vier Bienen auf zwei Kufen schwebte.

Der Blick auf die nackte Wand

Tatsächlich aber revolutionierten sie den Raum. Als distinkte Form entwickelten die Stühle, Liegen und Sessel ein Eigenleben und gaben vor allem den Blick auf die nackte Wand frei. Um die Wandfläche möglichst wenig zu stören werden die Möbel niedrig gebaut. Im Barcelona-Sessel sitzend erlebt man alle Dinge im Raum auf Augenhöhe.

Die Versuche den Menschen endlich mal gut oder wenigstens bequem hinzusetzen beginnen eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1950er und 60er Jahren denkt man erstmals über einen ergonomischen Stuhl nach. Den kann es aber gar nicht geben. Ergonomisch beim Sitzen ist nur aufzustehen und herum zu gehen. Warum also sitzt man überhaupt? Wo es die Menschheit doch die meist Zeit nicht getan hat?

Das waren die weitergehenden, spannenden Fragen des 4. und letzten Symposiums zum Sitzen und Liegen. Jenen Tätigkeiten also, die die Leiterin des Mies van der Rohe Hauses Wita Noack zum Jahresthema 2018 erklärt hat, womit sie nebenbei schon eine kleine Overtüre zum 100jährigen Bauhaus Jubiläums 2019 startete. Der frisch gedruckte Band mit 22 Symposions-Beiträge und drei Bildessays wurde am Abend vorgestellt.

Obwohl nach Kant die Kinder in die Schule geschickt werden, damit sie erst einmal lernen still zu sitzen, lernten die Kinder lange Zeit am Stehpult. Dennoch braucht es den Stuhl im Bildungswesen, sind doch Stühle und Sitzen geeignet Ordnung und Disziplin zu schaffen, sagt Hajo Eickhoff. Denn der Stuhl dient der Besänftigung, lateinisch sedere, was auch sitzen heißt. Besänftigung und Beruhigung ermöglichen es dem Menschen Überblick zu gewinnen, Souveränität. Auch gegen die Affekte, die eine stehende Versammlung sehr leicht mobilisieren können.

Die französischen Könige wussten das sehr gut, fällt einem dann beim Vortrag von Marie Luise Birkholz zum Alexanderplatz und dem Sitzen im öffentlichen Raum ein. Denn im Gegensatz zu den urbanen Wüsten Berlins, exemplarisch dafür der Alexanderplatz, überrascht Paris ständig mit den entzückendsten Plätzen auf denen man sich sofort mal für eine kleine Erholungspause hinsetzen will – und auch kann.

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