Ruandas junge Generation

„Einfach ruandaful“

Schnelles Internet, schöne Models. Wie eine Generation ein neues Lebensgefühl sucht – jenseits von Trauer und Depression.

Vertreter einer neuen Generation: Josh, Mouna, Amri, Augustin (von links nach rechts) und Célestine (unten). Bild: Simone Schlindwein

KIGALI taz | Vier Wörter in weißer Farbe, gemalt auf zwei Autoreifen, markieren die Hofeinfahrt: Hoffnung, Träume, Liebe, Leben. „Das Leben ist eine Reise, und das ist unser Motto“, sagt Augustin Hakizimana. Er steht im verwilderten Garten der Kunstwerkstatt „Uburanga“ und grundiert eine Leinwand. Hakizimana ist 25. Der Kittel, das Gesicht und die langen Rastalocken des Künstlers sind mit Farbklecksen bedeckt.

Die Kunstwerkstatt liegt mitten in einem Wohnbezirk der Mittelschicht auf einem der zahlreichen Hügel von Ruandas Hauptstadt Kigali. Augustin Hakizimana und seine Künstlerfreunde haben sich in ihrer bunten Villa hinter den hohen Mauern eine eigene Welt erschaffen: Die Baumstämme im Garten haben farbige Kringel, Skulpturen aus Schrott und Eisenwaren stehen dazwischen. Die Grundstücksmauer, das Gartentor, die Hausfassade, der Fußboden der geräumigen Veranda – alles ist in grellen Farben bemalt.

„Wir wollten einen Ort schaffen, der jeder noch so ausgefallenen Idee Raum gibt“, sagt Hakizimana. So dient die Villa mal als Laufsteg für Modeschauen, dann als Kulisse für Kurzfilme, als Bühne für Musiker oder als Treffpunkt, um am Lagerfeuer Gedichte vorzutragen. „Das Hoftor steht jedem offen“, sagt Hakizimana und legt den Pinsel weg.

Als Ruandas berühmtester Künstler stellt er in Tokio und Speyer aus, gewinnt Wettbewerbe in Italien. Wenn er gerade nicht durch die Welt reist, unterrichtet er in Kigalis Grundschulen Malen und Zeichnen. Augustin Hakizimana ist in einem Ruanda groß geworden, das den Völkermord hinter sich lassen will. Er gehört zu einer neuen Generation, die den Genozid nicht bewusst erlebt hat oder erst danach geboren wurde.

Das kleine Land mitten in Afrika entwickelt sich rasant. In Kigalis Innenstadt entstehen ständig neue Bürotürme und Einkaufszentren, am Stadtrand Reihenhaussiedlungen und Industrieparks. Überall gibt es WLAN. Selbst die Staumeldungen in Kigalis Innenstadt kommen online. Werbeplakate europäischer Fluglinien locken die ruandische Mittelschicht an den Mittelmeerstrand. Kigali ist anders als die anderen Hauptstädte der Region. Aufgeräumter, sauberer.

Ruanda versucht, sich neu zu erfinden. „Ruanda – das sind du und ich“ steht auf Postern und Aufklebern in der Innenstadt, auf Autostoßstangen und Motorradhelmen. „Einfach ruandaful“ lautet der Slogan eines Radiosenders. Wie: wonderful.

Ruandas Regierung hat einen Entwicklungsplan „Vision 2020“ aufgesetzt. Die Hauptstadt wird radikal grundsaniert. Man kann das Regime unter Präsident Paul Kagame als Entwicklungsdiktatur beschreiben.

Auch jenseits der Hauptstadtgrenze sollen die Ruander von den Plänen profitieren. Bisher leben die meisten dort noch von Landwirtschaft. Die Bevölkerung ist arm, und die jungen Leute vom Land haben wenig mit Kigalis Großstadtjugend zu tun, die mit ihren Smartphones via Facebook und Twitter kommuniziert.

Die Künstler auf dem Freiluftsofa

Augustin Hakizimana hat sich im Garten der Künstlervilla zu seinen Freunden gesetzt auf das Sofa zwischen den bemalten Baumstämmen. Da ist beispielsweise Celestine Ntawirema. Er ist 30. Seine Eltern und Geschwister wurden 1994 getötet. Er wuchs als Straßenkind auf, hat erst spät eine Schule besucht. Ntawirema tanzt bei Hochzeiten und Staatsempfängen traditionelle Tänze, schreibt Kurzgeschichten auf seinem Blog. Er produziert Kurzfilme, damit ist er auf Youtube berühmt geworden.

Oder Amri Mbera, 23, der Ingenieurwesen studiert und schon zwei Firmen gegründet hat. In einem Dorf lässt er Pilze anbauen, die er in Kigali an teure Restaurants verkauft. Vor Kurzem hat er die Modelagentur Irebe gegründet. Mbera ist 1992 geboren und hat nur verschwommene Erinnerungen an den Genozid im Kopf: „Bilder von Leichen auf den Straßen, aber ich habe damals nicht verstanden, was da eigentlich passiert“, sagt er.

Das Trauma des Völkermordes sitzt tief in Ruanda. Die jährlichen Gedenkrituale von April bis Juli – die hundert Tage, in denen die Massaker 1994 geschahen – rufen die Erinnerungen immer wieder wach. Die Stimmung zu Hause vor der diesjährigen Gedenkfeier sei schrecklich, sagt Mbera, es gebe Streit. Der Vater war 1994 Soldat in der Rebellenarmee, die von Uganda aus einmarschierte, er habe den Genozid gesehen und das Trauma nie überwunden. Gerade sei es besonders schlimm: „Er trinkt den ganzen Tag“, sagt Mbera.

Er selbst nehme zu Hause Rücksicht und versuche das Trauma des Vaters zu verstehen. Aber seine Schwester, die 16 ist, hört laut Musik und hat keine Lust auf kollektive Volkstrauer. Deshalb streiten sie.

Auch Mouna Dukunde hat sich am Wochenende noch schick gemacht, sich ein buntes Kleid angezogen, war in den Nachtclubs unterwegs, hat die ganze Nacht getanzt. Dukunde ist 18 und zählt zu Ruandas Topmodels, sie hat vor wenigen Wochen an der „Miss Ruanda“-Wahl teilgenommen, studiert Finanzwesen und will einmal in einer Bank arbeiten. Nebenher jobbt sie als Hostess bei Empfängen für Investoren. Sie ist sich ihrer Schönheit sehr bewusst: „Klar, wir Mädels ziehen auch Investoren an“, sagt sie, während sie auf dem Sofa im Garten sitzen.

Keine Disco während der Trauerzeit

In Ruanda haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Diskotheken eröffnet, die bis zum Morgengrauen laute Musik spielen. Das ist neu in Kigali. Früher wirkte selbst die boomende Hauptstadt am Wochenende nach Sonnenuntergang gespenstisch ruhig für eine afrikanische Stadt. Die Leute besuchten höchstens Restaurants.

Während der 100 Gedenktage schließen die Discos, in den Bars wird nur leise Musik gespielt. Mouna Dukunde nervt das. „Ich wollte noch mal ordentlich Spaß haben“, sagt sie. Auch dafür soll die Villa hinter den hohen Mauern Platz bieten. Depressionen, Trauer, Albträume sollen draußen bleiben.

Keiner der jungen Leute aus der Kunstwerkstatt wird am Montag ins Stadion von Kigali gehen zur großen Trauerfeier. Celestine Ntawirema, der Filmemacher, zeigt auf sein Smartphone: „Ich schaue online zu, aber wenn man da hingeht, muss man still sitzen bleiben, bis alle Reden zu Ende sind – das dauert ewig“, sagt er und verdreht ein wenig die Augen. „Dafür gibt’s dann ja die Kurzform auf Twitter.“

Ruandas Regierung twittert, was das Zeug hält. Präsident Paul Kagame schickt so seine Grußbotschaften an die Jugend. Die jungen Leute in der Künstlervilla mögen ihn. Er garantiert Sicherheit, das sagen viele im Land. Und verbindet Ruanda mit der Welt, über Internetkabel – und über Investoren.

Oft wird Ruanda das Singapur Afrikas genannt – auch weil es so rigide sauber gehalten wird mit Bußgeldern und Polizisten. Unter Afrikas Staaten wird Ruanda so zur Marke. Null Korruption, Sauberkeit, Ordnung und Entwicklung. Die Regierung schaltet Anzeigen weltweit und präsentiert sich – etwa auf der Berliner Tourismusmesse.

„Bei uns ist Hutu oder Tutsi egal“

Die junge Generation soll diese Idee von einem neuen Ruanda leben – jenseits der ethnischen Teilung. Unter den Freunden im Garten der Kunstwerkstatt sei das auch so, sagen sie. „Bei uns ist es total egal, welcher Ethnie die Freundin angehört, solange man sich liebt“, sagt Augustin Hakizimana. Das unterscheidet diese Generation von ihren Eltern.

Hakizimana erzählt, wie Hutu-Milizen seiner schwangeren Schwester 1994 das Baby aus dem Leib schnitten. Die Mutter habe das nicht überwunden. „Sie wollte nie wieder einen Hutu im Haus haben, und dann entschied sich mein Bruder zu ihrem Entsetzen, seine Hutu-Freundin zu heiraten“, sagt er. Die Mutter kam nicht zur Hochzeit. Um das neue Ruanda zu leben, entfernt sich die Jugend von ihren Eltern.

Viele Ruander wie Celestine Ntawirema haben gar keine Eltern mehr. Die jungen Frauen und Männer in der Kunstvilla sind seine kleine Familie. Im Waisenhaus, in dem Ntawirema groß wurde, lebten Tutsi-Kinder, deren Eltern getötet wurden, mit den Kindern der Hutu-Täter, deren Väter im Gefängnis saßen. „Wir waren alle arm und elternlos, wir Kinder waren alle gleich“, sagt er.

Josh Kubkiayo, der als Flüchtling im Nachbarland Uganda aufwuchs und jetzt als Model arbeitet, sieht das genauso. In seiner ugandischen Schule stammten etwa 200 Mitschüler aus Ruanda. Ob Hutu oder Tutsi sei nie die Frage gewesen. „Im Gegenteil, wir mussten uns doch gemeinsam als Ruander gegen unseren ugandischen Klassenkameraden durchsetzen.“ Wie viele im Exil geborenen Ruander will er über den Genozid nicht allzu viel nachdenken.

Alle fünf wollen in einem Land leben, das nicht nur mit tausendfachen Morden verbunden wird. Sie interessieren sich für Moden aus Paris, Design-Trends aus New York. „Wir schaffen uns unsere eigenen Jobs, gründen Firmen und entwickeln unser Land“, sagt der Jungunternehmer Amri Mbera. „Genau“, ergänzt Augustin Hakizimana, immer noch Farbkleckse im Gesicht. „Von den aufgehetzten Jugendbanden, die 1994 mit Macheten durch das Land zogen, sind wir Lichtjahre entfernt.“

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