Olympisches

Spiele mit wenig Gegenwind

Wenn Hamburg 2024 die Olympischen Spiele ausrichten sollte, werden sich die Segler in Kiel messen. Doch da ist noch viel zu tun.

Ein Rest der Olympischen Spiele 1972: der Seglerhafen in Kiel. Foto: Andreas Oetker-Kast

KIEL taz | Links zwei graue Hochhäuser mit über einem Dutzend Stockwerken, rechts eine Siedlung Bungalows: Wer sich aufmacht von der Bushaltestelle ins Kieler Olympiazentrum, wird von 70er-Jahre-Beton-Architektur willkommen geheißen. Es könnte auch der Empfang einer Wohnmaschinensiedlung sein, doch die Lage hier ist exklusiver – die Vergangenheit, vielleicht auch die Zukunft glamouröser.

Die Häuser sind Teil der Sportgeschichte. Hier, im Stadtteil Schilksee, fanden die Segelwettbewerbe der Olympischen Spiele 1972 statt. Und wenn es nach den Plänen deutscher Sportfunktionäre und Politiker geht, dann wird es hier in neun Jahren auf dem Wasser noch mal um olympische Goldmedaillen gehen. Kiel ist Teil der Hamburger Bewerbung um Olympia 2024. Doch damit es wirklich so kommt, muss noch viel passieren: Es fehlen noch die konkreten Pläne, die Zustimmung der Bürger in Kiel und Hamburg – und schließlich die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für die deutsche Bewerbung. Im November findet der Bürgerentscheid statt, 2017 entscheidet das IOC.

Der Reiz der Siedlung erschließt sich nur langsam

Schilksee-Besucher müssen ein wenig laufen, um den Reiz der Siedlung zu verstehen, das Meeresrauschen zu hören, und das Klirren der Segelmasten im Wind. Eine kleine Schräge geht es hinauf, dann können sie auch das Gesicht des Zentrums sehen: Ein 300 Meter langer, dreigliedriger Querriegel in Terrassenbauweise, den „Fliegenden Holländer“. Zur Fördeseite gibt es im ersten Stock eine Promenade mit Blick auf den Ostseearm – das Segelrevier – den Hafen mit seinen fast 900 Liegeplätzen, einen Strand. Im und am Gebäude befinden sich Geschäfte wie ein kleiner Touristensupermarkt, eine Boutique, ein Segelmacher-Laden, Restaurants und eine Schwimmhalle.

An der Schräge zum Fliegenden Holländer steht eine Gruppe von sieben Menschen. Sie haben Pläne dabei, Broschüre und Kameras – es sind Planer der Stadt Kiel. Unter ihnen ist Felix Schmuck, Projektmanager im Dezernat für Stadtentwicklung. Seine Leute sollen sich das Terrain angucken, eine Idee davon bekommen, welche Möglichkeiten es für die Spiele im Jahr 2024 oder 2028 bietet, das Jahr einer möglichen erneuten Hamburger Bewerbung.

Die Planer gehören zu diesem Zeitpunkt zu den wenigen Gästen auf der Anlage. Sie gehen übers Gelände und fotografieren. Wenn die Menschen nicht bei Sommerhitze zum Strand strömen oder ein großes Segelereignis die Fans hinauszieht, ist hier nicht viel los. Auch wenn es hier manches gibt, woran es in der fast 20 Kilometer entfernten Kieler Kernstadt mangelt: Eiscafés mit Außensitzplätzen etwa oder Schwimmhallen. Das Ziel der Stadtplaner: Sie wollen Olympia nutzen, um Schilksee für die Kieler attraktiver zu machen – und auch diejenigen herlocken, die sich bisher von der Betonburg abschrecken ließen.

Kiel war eine von vier Städten, die Teil der Hamburger Olympia-Bewerbung werden wollten. Für diesen deutschlandinternen Auswahlprozess hat Kiel zwei Grobkonzepte ins Rennen geschickt und sich mit der Weiternutzung von Schilksee durchgesetzt. Dieser Ort steht bei Seglern nicht nur für Vergangenheit, sondern auch für Gegenwart: Es ist ein großer Segelstandort, ein Bundesstützpunkt des Deutschen Seglerverbands. Der Hafen, die Bootshallen, alles ist quasi seit 1972 weiter im Wettbewerbsbetrieb.

Die Anlagen sollen zuschauerfreundlicher werden

Doch ganz einfach wiederholen lassen sich die Spiele von 1972 nicht, selbst wenn die Stadt und das IOC es wollten. Denn das ehemalige olympische Dorf ist verkauft. Wo damals Sportler und Betreuer wohnten, leben jetzt weit über 600 Eigentümer in ihren Wohnungen. Nur das einstige Funktionärshotel steht noch und ist weiter in Betrieb – in einem weiteren Hochhaus. Ein neues olympisches Dorf muss also her. Außerdem sollen die bestehenden Anlagen rund um den „Fliegenden Holländer“ zuschauerfreundlicher werden, ein Besucherzentrum , neue Tribünen, Treppen und ein neues Hafenmeistergebäude könnten entstehen. So steht es im Grobkonzept.

Nachdem die Konkurrenten ausgestochen worden waren, hatte Kiel daher Ende Mai auf die Schnelle eine Art Blitz-Beteiligungsverfahren initiiert. Eine große Gegenbewegung gab es damals noch nicht. Die Stadtverwaltung suchte die Skeptiker noch vor dem Bürgerentscheid für sich einzunehmen. Zwei Wochen lang tourte eine Agentur im Auftrag der Stadt durch die Stadtteile und sammelte Bürgerideen zum Projekt. Sie sollten in der geplanten Machbarkeitsstudie berücksichtigt werden. Und genau das war der Moment, in dem Planer Schmuck riet, das Grobkonzept mehr oder weniger zu ignorieren. „Fix ist das, was da ist“, sagt er. Der Planungsprozess sei ganz offen.

1.000 Gespräche in zwei Wochen Beteiligung

Zum Auftakt des Beteiligungsprozesses kamen fast so viele Mitarbeiter der Stadtverwaltung ins Rathaus wie Bürger. Viele Segelfans waren dabei, aber kaum Leute, die das Projekt grundsätzlich ablehnten. Die Bilanz der Beteiligung war gut: 300 ausgefüllte Fragebögen zu Wünschen und Erwartungen an den Olympiastandort sowie „1.000 Gespräche“. Zum Vergleich: In Kiel leben 240.000 Menschen.

Auch Ruheständler Reinhard Penner war Ende Mai zum Beteiligungsverfahren ins Kieler Rathaus gekommen. Er hatte Olympia 1972 mitbekommen und schwärmte von der Aufbruchstimmung. „Das hat uns sehr geholfen bei der Infrastruktur“, sagt er. Eine neue Brücke über den Kanal, eine große Straße nach Schilksee, den Autobahnanschluss habe es gegeben. Viele eigene Anregungen hatte er nicht für die Planer. „Die Leute sind Profis“ fand er. Und: „Baulich geht in Schilksee nicht viel.“ Dann fiel ihm doch etwas ein: Ob man nicht mit Schiffen arbeiten könne? Für die Zuschauer oder für das olympische Dorf?

An einer Infostation stand an diesem Abend Stefan Rodau, Ratsherr der Linken in Kiel. Er begutachtete, was die Agentur im Namen der Stadt zusammengetragen hatte. Er lehnt die Kieler Olympia-Bewerbung bis heute ab. Ihn stören unter anderem die undemokratischen Strukturen des IOC und die Kosten von Bewerbung und Ausrichtung der Spiele. „Wir streiten sonst um 10.000 Euro für Projekte im Rat“, sagt er. Aber für die Bewerbung würden 800.000 Euro bereitgestellt – allein für die offiziellen Unterlagen und die Ausrichtung des Bürgerentscheids im November. Auch das Land gibt übrigens Geld aus für die Bewerbung: Zwei Millionen Euro stellt es für die Ausrichtung internationaler Segelwettbewerbe in Kiel zur Verfügung.

Doch wie teuer die Ausrichtung für Kiel wäre, ist noch unklar. Sie lässt sich erst beziffern, wenn man weiß, was genau neu- und umgebaut werden muss. Kritiker befürchten, dass das Geld dann für Projekte in Stadtteilen fehlt, in denen nicht so wohlhabende Menschen wohnen. Sie fordern eine präzise Kostenschätzung – und zwar vor dem Bürgerentscheid.

Im Olympiazentrum Schilksee lebt seit mehr als 30 Jahren Hans-Otto Schröder. Er hat eine Wohnung im Fliegenden Holländer und ist großer Fan der neuerlichen Olympia-Bewerbung. Das liegt auch an seiner eigenen Geschichte: Der Ruheständler hat 1972 im Schilkseer Olympiapostamt gearbeitet. „Ich habe gesehen, was wir 1972 alles bekommen haben“, sagt er. Auch er erzählt von den neuen Straßen und modernisierten Plätzen. „Kein Kieler Bürger hat dafür mehr gezahlt“, behauptet er. Schließlich hätten Bund und Land die Ausbauten finanziert.

Schröder wirbt auch bei seinen Nachbarn um Zustimmung für das Projekt. Er ist Beisitzer im Verwaltungsrat der Eigentümerversammlung. Es habe zunächst einige Aufregung gegeben – wegen des geplanten Bauplatzes für das neue olympische Dorf direkt hinter dem alten, sagt Schröder. Doch das Problem scheint vorerst aus der Welt. Jüngsten Skizzen zufolge wollen die Planer das Olympische Dorf auf einem alten Campingplatz errichten.

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