Mobbing an Schulen

Eine Beschwerdestelle fehlt

Wie groß ist das Diskriminierungsproblem an Berliner Schulen wirklich? Ein Modellprojekt zieht Bilanz und fordert Maßnahmen ein.

Wer mobbt wen und warum? Genaue Zahlen gibt es weiterhin nicht Foto: dpa

Jedes Mal, wenn wieder ein Fall von Mobbing und Diskriminierung an einer Schule bekannt wird, werden zwei Fragen besonders ratlos diskutiert: Warum greifen die vielen Hilfsangebote, die es für Berlins Schulen bereits gibt, nicht so, wie sie sollen? Und wie groß ist das Problem wirklich?

Auf beides vermochte die unab­hängige Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen, kurz Adas, am Dienstag zwar auch keine endgültige Antwort zu geben. Aber zumindest konnte man bei der Vorstellung einer ersten Zwischenbilanz des Modellprojekts nach zwei Jahren sagen: Um herauszufinden, wie groß das Diskriminierungsproblem an Berlins Schulen ist, bräuchte es zum einen ein deutlich verbessertes Monitoringverfahren. Bisher sammle da jeder quasi in seiner eigenen Community, sagt Projektleiterin Aliyeh Yegane: Die Adas etwa wird häufig von türkisch-arabischen SchülerInnen oder deren Eltern kontaktiert. Eine bessere Datenlage sei aber nötig, um die Hilfsangebote zu verbessern.

In Neukölln habe die Vernetzung von Akteuren schon ganz gut funktioniert, sagt Yegane. Dort gibt es seit zwei Jahren ein Clearingverfahren: Die Schulaufsicht traf sich regelmäßig zum Austausch mit Initiativen und VertreterInnen der Schulen. Künftig seien ähnliche Runden in Charlottenburg-Wilmersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg geplant.

Allerdings blieb es in Neukölln beim Austausch – tatsächlich „geklärt“ wurde kein einziger Fall. Weil sich keiner gemeldet habe, sagt Yegane. Offenbar fühlten sich insbesondere SchülerInnen von den behördlichen Strukturen eher eingeschüchtert, erklärt Berfin Karakurt, die als Schülervertreterin einer Neuköllner Schule mit in der Runde saß. Adas-Beraterin Sandra Abed ergänzte, dass auch Lehrkräfte oft Angst hätten, es könnte negativ auf sie zurückfallen, wenn sie Vorfälle innerhalb der Behördenstrukturen ansprechen. „Sie denken: Dann weiß es auch die Schulleitung, und am Ende bekomme ich Probleme.“

Vor allem anonyme Meldungen

Neben einem besseren Monitoring ist das die zweite Forderung, die Adas an die rot-rot-grüne Landespolitik richtet. Es brauche in Berlin dringend – wie auch bereits im Koalitionsvertrag angekündigt – eine unabhängige Beschwerdestelle.

Die Adas füllt da offenbar schon eine Lücke: 165 Fälle von Diskriminierung wurden seit Juni 2016 vor allem anonym über ein Formular auf der Website gemeldet. Bei 84 Prozent waren SchülerInnen die Betroffenen. In über zwei Dritteln dieser Fälle ging es um rassistische Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, ethnischer Herkunft oder Religion. Ebenso oft ging die empfundene Diskriminierung vom Schulpersonal aus.

Konkrete Beratungsfälle vermeldete die Adas, die noch bis 2020 von der Lotto-Stiftung finanziert wird, bisher 84. Dann begleitete man zum Beispiel die Eltern zum Elternabend, wenn die das Gefühl hatten, ihr Kind bekomme aufgrund seiner türkisch-arabischen Herkunft schlechtere Noten. Meistens wirke das bereits Wunder, sagt Beraterin Abed: „Die Lehrkräfte sind den Eltern gegenüber plötzlich deutlich gesprächsbereiter.“

Die ADAS hat auch einen Leitfaden zum Diskriminierungsschutz (pdf) für Berliner Schulen entwickelt.

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