Kommentar Tarifeinigung der IG Metall

Mehr Zeit schlägt mehr Lohn

Die IG Metall kann mit dem erreichten Tarifabschluss zufrieden sein, auch wenn sie den Arbeitgebern reichlich Konzessionen machen musste.

Ein Gewerkschafter trägt bei einer Kundgebung eine IG Metall Fahne.

Die IG Metall darf die Fahne hoch halten. Gleichwohl ist der erreichte Abschluss einer mit Haken und Ösen Foto: dpa

Die Einigung in der Metall- und Elektroindustrie hat es in sich. Der Pilotabschluss in Baden-Württemberg ist in seiner trickreichen Komplexität ein Festschmaus für Tariffeinschmecker. Er ermöglicht es, dass sowohl die IG Metall als auch die Arbeitgeber ihn als Erfolg verkaufen können. Und beide haben recht.

Das Besondere dieser Tarifrunde war, dass dieses Mal nicht vorrangig über Lohnforderungen gestritten wurde. Über die hätte es angesichts der hervorragenden wirtschaftlichen Lage der Branche wohl schnell eine Verständigung gegeben. Durch die Verknüpfung der Lohn- mit der Arbeitszeitfrage wurden die Verhandlungen nicht nur für Außenstehende erst spannend, sondern eben auch kompliziert.

Denn während die Arbeitgeber Arbeitszeitverlängerungen nach Unternehmensbedarf erreichen wollten, hatte sich IG Metall die Durchsetzung eines individuellen Anspruchs auf eine temporäre Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden auf die Fahne geschrieben. Diese nicht gerade deckungsgleiche Interessenlage erklärt die Härte des Arbeitskampfes. Dabei bewies die IG Metall mit ihren erstmalig angewendeten 24-Stunden-Streiks höchst wirkungsvoll, weil für die Unternehmen äußerst teuer, ihre immer noch vorhandene Kampffähigkeit. Diese demonstrative Entschlossenheit hat die Verständigungsbereitschaft der Arbeitgeberseite entscheidend beflügelt.

Gleichwohl ist der erreichte Abschluss einer mit Haken und Ösen. Von einem „Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt“ spricht IG Metall-Chef Jörg Hofmann. Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger freut sich über die vereinbarte „Flexibilisierung nach unten und nach oben“, die dem entsprechen würde, was die Arbeitsgeberseite angestrebt hätte. Damit würden mehr bedarfsgerechte Arbeitzeitvolumen ermöglicht. Das eine wie das andere stimmt.

Auf die Umsetzung kommt es an

Sicherlich kann es die IG Metall als großen Erfolg verbuchen, dass Vollzeitbeschäftigte ab dem nächsten Jahr für maximal 24 Monate ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden absenken können. Hier wird es letztlich allerdings auf die praktische Umsetzung ankommen, denn es gibt eine Obergrenze, ab der ein Arbeitgeber ein solches Begehren ablehnen kann. Ebenfalls auf der Habenseite steht die Regelung, dass Beschäftigte mit erhöhten privaten und beruflichen Belastungen sich künftig zwischen dem für alle vereinbarten tariflichen Zusatzgeld oder acht zusätzlichen Urlaubstagen entscheiden können.

Auf der anderen Seite musste die Gewerkschaft für diese individuellen Reduzierungsmöglichkeiten einen hohen Preis zahlen: Zum Ausgleich wird den Unternehmen die Möglichkeit gegeben, die eigentlich in der Metall- und Elektroindustrie gültige 35-Stunden-Woche wesentlich stärker als bisher schon auszuhöhlen. Zurückstecken musste die IG Metall auch in puncto Lohnerhöhungen, die deutlich geringer ausfallen als von ihr gefordert. Die lange Laufzeit des Tarifvertrages von 27 Monaten ist ebenfalls etwas, über das sich die Arbeitgeber freuen können.

Unter dem Strich bleibt trotzdem, dass die IG Metall zufrieden mit dem Erreichten sein kann. Denn tatsächlich ist der Einstieg in eine stärker an den Interessen der Beschäftigten orientierten Arbeitszeit gelungen. Die Tarifauseinandersetzungen in anderen Branchen in diesem Jahr werden sich daran messen lassen müssen.

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Jahrgang 1966. Arbeitet seit 1999 für die taz, zunächst als Korrespondent für Nordrhein-Westfalen, inzwischen als Redakteur im Inlandsressort. Buchveröffentlichungen: „Die Beamtenrepublik. Der Staat im Würgegriff seiner Diener?“ (Campus Verlag, 2004), „Die verlogene Politik. Macht um jeden Preis“ (Knaur Taschenbuch Verlag, 2010), „Endstation Rücktritt!? Warum deutsche Politiker einpacken“ (Bouvier Verlag, 2011).

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