Kommentar Antisemitismus

„Ich habe nichts gegen Juden, aber …“

Antisemiten von links bis rechts sind derzeit überzeugt, keine Antisemiten zu sein. Das macht ihren Judenhass besonders gefährlich.

Mann mit Kippa

Geschichte wird zum Schaden der Opfer relativiert: Das ist nichts anderes als Judenhass Foto: dpa

Es gibt keinen neuen Antisemitismus. Was in Deutschland und darüber hinaus um sich greift, ist eine neue Dimension des längst grassierenden Judenhasses. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass seine Träger alles sein wollen, nur keine Antisemiten. Sie sehen sich selbst als die wahren aufklärenden Menschenfreunde.

Dass es Antisemitismus auch ohne Juden gibt, ist nach der Schoah keine neue Erkenntnis. Nun müssen wir konstatieren, dass Antisemitismus auch ohne Antisemiten ganz prima funktioniert. Oder haben Sie schon einmal gehört, dass Vogelschiss-Gauland von der AfD etwas gegen Juden zum Besten gegeben hat? Nein, der Mann hat ja nur die Bedeutung des Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte interpretiert. Ist Ihnen je zu Ohren gekommen, dass es Muslime gibt, die gegen Juden hetzen? Nein, sie finden nur den Staat Israel nicht so dolle und mögen es nicht, wenn Israelis durch deutsche Großstädte laufen.

Selbiges gilt selbstverständlich auch für Linke, darunter die der britischen Labour-Partei, denen ausschließlich das Schicksal der Palästinenser am Herzen liegt, und für die Bewegung BDS, die in Deutschland den jüdisch geprägten Staat boykottiert, auf dass der sich bitte zurückziehe – ja, wohin eigentlich? Das ist nicht so genau definiert. Vielleicht doch ins Mittelmeer?

Geschichte zum Schaden der Opfer relativieren, Feindseligkeit gegen Israel als jüdisches Kollektiv propagieren und Menschen attackieren, die vorgeblich diesem Staat angehören: Das ist nichts anderes als Judenhass. „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die im Hass auf Juden Ausdruck finden kann“, so lautet die auch von der Bundesregierung anerkannte Definition des Judenhasses. Und weiter: „Manifestationen können die Fokussierung auf den Staat Israel sein, wenn er als jüdisches Kollektiv wahrgenommen wird.“ So viel zu der leidigen Frage, wo Antisemitismus beginnt.

Ja, es laufen weiter Neonazis in erschreckender Zahl herum, die jüdische Friedhöfe schänden, den Holocaust leugnen und ihren Führer anhimmeln. Antisemitismus wird nicht harmloser, wenn er im Gewand der historischen Aufklärung, des reli­giösen Hasses oder der Israel-Kritik erscheint. Er wird gefährlicher, weil er vermeintlich ohne rassistische Stereotype daherkommt und damit kein unausgesprochenes Tabu bricht – und sich so quasi in der Mitte der Gesellschaft breitmachen kann.

Die Antisemiten von links bis national werden dies alles weit von sich weisen. Denn sie eint die Überzeugung, keine zu sein.

Sie irren.

.

Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Die letzten Tage des deutschen Judentums", Hentrich & Hentrich 2017

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Liebe Kommune, wir hatten eine technische Umstellung und es kann bei der Veröffentlichung der Kommentare in der nächsten Zeit zu Verzögerungen kommen.

Wir bitten euch noch um ein wenig Geduld.

Ihren Kommentar hier eingeben