Holocaust-Gedenktag

Helden, von denen keiner sprach

Viele Berliner Juden überlebten die Nazi-Zeit. Mutige Deutsche versteckten sie jahrelang vor der Gestapo. Jetzt werden Retter und Verfolgte geehrt.

Die jüdische Publizistin Inge Deutschkron überlebte die Nazi-Zeit, weil Deutsche sie versteckten.  Bild: Anja Weber

BERLIN taz | Immer dann, wenn es überhaupt nicht mehr weiterging, wenn in den zerbombten Häuserruinen die Nächte viel zu kalt zum Schlafen geworden waren, wenn kein Kanten Brot zum Essen mehr da war, begab sich der 19-jährige Walter Frankenstein so unauffällig wie möglich in den Berliner Stadtteil Grunewald, in die stille Menzelstraße, Nummer 9.

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Die Sekretärin Edith Berlow wohnte dort. Frankenstein ging nicht gerne hin. „Telefonieren war zu gefährlich. Und hinfahren war auch gefährlich. Man konnte sie ja mit hineinreißen“, sagt er. „Frankenstein, der kam öfters, weil er halb verhungert war“, erinnerte sich Berlow später. „Er kam halb erfroren an, hat sich gewärmt und ein paar Eier gegessen, wenn welche da waren.“

Berlow lebte in zwei Zimmern der Jugendstilvilla. Wenn Frankenstein auftauchte, führte sie den jungen Mann die schmale Treppe hinauf. Zwischen dem Erdgeschoss und dem ersten Stock lag das, was man früher eine Mädchenkammer nannte: ein winziges Zimmerchen für die Haushaltshilfe. Gerade einmal ein Bett passte in die vielleicht drei Quadratmeter große Kammer. Es gab keine Waschgelegenheit. Hier nächtigte nicht nur Walter Frankenstein.

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wird am 27. Januar in Erinnerung an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz begangen.

 

 

Als gesetzlicher Gedenktag wurde er 1996 in Deutschland eingeführt. Die Rede im Bundestag dazu wurde mehrfach von Holocaust-Überlebenden gehalten. Im letzten Jahr sprach der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.

 

 

Weil der 27. Januar in diesem Jahr auf einen Sonntag fiel, findet die traditionelle Rede erst am 30. Januar statt – dem Tag, an dem die Nazis vor 80 Jahren die Macht übernahmen. (klh)

Die Mädchenkammer war die letzte Zuflucht für viele Verfolgte. Edith Berlow, Jahrgang 1903, half, wo sie nur konnte. Da war das Ehepaar Marliese und Alfred Michalowitz, das sie versteckte. Da gab es ihren Freund Kurt Hirschfeld, den sie nicht heiraten durfte. In ihrer Küche saß Werner Scharff von der illegalen „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“, die mit Flugblättern die Bevölkerung wachrütteln wollte.

Würdigung der stillen Helden

Edith Berlow zählt zu denjenigen, die man heute „stille Helden“ nennt: Menschen, sie sich dem Nazi-Regime verweigerten und in höchster Gefahr verfolgte Juden vor der Gestapo verbargen. Walter Frankenstein, der heute hochbetagt in einem Stockholmer Altersheim lebt, war so ein Jude. Er erinnert sich an die 1995 verstorbene Berlow voller Verehrung: „Sie war eine ganz besondere Persönlichkeit, eine große Humanistin.“

An diesem Mittwoch wird die Geschichte von Berlow, Frankenstein und all den anderen Verfolgten und ihren Rettern an höchster Stelle gewürdigt. Zum Holocaust-Gedenktag spricht im Deutschen Bundestag Inge Deutschkron. Die heute 90 Jahre alte Journalistin und Schriftstellerin hat selbst – zusammen mit ihrer Mutter – versteckt überlebt. 1942 war das, ein Jahr, nachdem die Deportationen der Berliner Juden in den Osten begonnen hatten. Da gingen schon Gerüchte herum, dass die Menschen dort erschossen würden.

„Ach nee, das ist doch Quatsch! Das kann doch nicht sein“, sagte Inge Deutschkron damals zu ihrer Mutter. Sie wollte es nicht glauben. Doch dann, so erinnert sie sich, kam einer von ihren Freunden und sagte: „Ihr dürft nicht mitgehen, wir haben gehört, was sie da machen! Wir verstecken euch.“ So begann eine Odyssee mit immer neuen Helfern. „Ich glaube, es waren elf“, sagt die quicklebendige alte Dame.

Die Berliner Jüdische Gemeinde zählte im Jahre 1933 etwa 160.000 Mitglieder. 90.000 von ihnen gelang die rechtzeitige Auswanderung. 55.000 Juden sind von den Nazis ermordet worden. 7.000 starben in Berlin, die meisten von ihnen nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Etwa 8.000 Berliner Juden überlebten den Holocaust, mehr als die Hälfte von ihnen, weil sie durch einen „arischen“ Ehepartner halbwegs geschützt waren.

Kurze Zeit bei Unbekannten

Es waren vermutlich 5.000 bis 7.000 Berliner Juden, die in den Untergrund gingen. Nicht einmal jeder Dritte überlebte: etwa 1.700 Menschen, so wie Inge Deutschkron und Walter Frankenstein mitsamt seiner Frau und den beiden Kindern. All die anderen schickte die Gestapo in den Tod – so wie den damals 58-jährigen Alfred Michalowitz, am 22. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert, oder Werner Scharff, mit 33 Jahren erschossen im KZ Sachsenhausen am 16. März 1945.

Viele starben durch Bomben der Alliierten, weil sie keine Bunker aufsuchen konnten. Manche begingen Selbstmord – so wie Marliese Michalowitz 1944, nachdem sie geschnappt worden war.

Es ist nicht so, dass die „U-Boote“, wie sich die Versteckten selbst nannten, einige Jahre bei guten Freunden, etwas beengt zwar und bei knappen Rationen, in einem Zimmer hinter einer aufgeklebten Tapete verbringen durften. Die meisten konnten immer nur kurze Zeit bei Bekannten oder völlig Unbekannten verbringen.

Walter Frankenstein erinnert sich, wie er einmal ein Versteck bei einem Tischler in Leipzig fluchtartig verlassen musste: „Da kam eine Nachbarin, die fragte, was das denn für ein junger Mann sei, der da wohne. Und warum der denn nicht beim Militär sei.“ Die Flüchtlinge wurde von Adresse zu Adresse weitergereicht. Manche verschwanden in ostpreußischen Pfarrhäusern. Andere lebten zeitweise in Berliner Kohlenkellern. Es bildeten sich Netzwerke von Helfern.

Keinen Kontakt zu Deutschen

Nur die wenigsten Überlebenden blieben nach dem Krieg in Deutschland. Kurt Hirschfeld ging mit Edith Berlow, die nun, nach Ende der „Rassegesetze“, endlich heiraten durften, nach New York. Inge Deutschkron emigrierte zunächst nach London, Frankenstein erreichte mit seiner Familie 1947 Palästina. „Ich wollte mit diesen Deutschen nicht mehr den geringsten Kontakt haben“, sagt er heute. Die „stillen Helden“ aber, die unter Lebensgefahr Juden gerettet hatten, blieben meist in ihrer Heimat. Doch zu Helden wurden sie im Lande Konrad Adenauers und seines Staatssekretärs Hans Globke, einem Kommentator der Nürnberger „Rassegesetze“, nicht, ebenso wenig wie in der „antifaschistischen“ DDR.

„Weder im Osten noch im Westen wollte man etwas von diesen Menschen wissen“, sagt Barbara Schieb von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin „Widerstandskämpfer, auch die Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, galten im Westen anfangs als Vaterlandsverräter“, meint Schieb zur Erklärung.

Und auch später galten die Retter nicht als „richtige“ Widerstandskämpfer. Auch in der DDR blieben die „stillen Helden“ unbeachtet. Schieb: „Wer nicht im kommunistischen Widerstand aktiv gewesen war, wurde nicht beachtet. Nur wer etwa einen kommunistisch gesinnten Juden verborgen hatte, dessen Chancen auf Anerkennung stiegen.“

Die meisten Deutschen, ob in Ost oder West, waren sich nach dem Krieg darin einig, „davon“ nichts gewusst zu haben. Vom Mord an den Juden habe man nie etwas gehört. Walter Frankenstein kann sich darüber noch mit 88 Jahren aufregen. „Das ist eine Lüge!“, ruft er in der Wohnung seines Stockholmer Seniorenheims. Tatsächlich sind sich Historiker heute darin einig, dass die Deutschen weit besser informiert waren, als sie später zugaben. Auch wenn der Holocaust „geheime Reichssache“ war: Heimkehrende Soldaten berichteten von Massenerschießungen im Osten. 

Lebender Beweis für den Widerstand

In manchen Städten wurden die Juden, Nachbarn noch bis vor ein paar Stunden, vor ihrer Deportation am helllichten Tag in großen Gruppen, bewacht von der Polizei, zu den Bahnhöfen getrieben. Der verfolgte Frankenstein selbst erfuhr noch während der Nazi-Zeit über einen Bekannten seines „arischen“ Schwiegervaters von den Bauarbeiten zur Einrichtung der Gaskammern in Auschwitz.

Doch die Judenretter waren nicht nur ein Zeichen dafür, dass die übergroße Mehrheit der Deutschen ihre eigene Schuld verdrängte. Sie straften zugleich die Behauptung Lüge, man habe nichts gegen die Nazi-Diktatur unternehmen können. Sie waren der lebende Beweis dafür, dass Widerstand möglich war, und zwar ein ganz privater, vielleicht nur kleiner und unauffälliger, aber doch einer, der allein in Berlin über 1.700 Juden das Leben gerettet hat. Davon wollte man nichts hören. In West-Berlin, immerhin, sorgte der damalige Innensenator Joachim Lipschitz (SPD) Ende der 1950er Jahre dafür, dass einige der bedürftigen Retter eine kleine Ehrenrente von 50 bis 100 Mark erhielten.

Heute ist das längst anders. In Berlin hat die Gedenkstätte Deutscher Widerstand vor wenigen Jahren ein kleines Museum über die „stillen Helden“ eingerichtet, samt Datenbank, wo der Besucher nach Orten und Namen suchen kann, und aufgrund der Initiative der immer noch wirbelnden Inge Deutschkron.

Historiker erforschen die Hintergründe der Retter. Sie suchen nach Gemeinsamkeiten – und wundern sich. Denn dieser Widerstand mag so gar nicht in das sonst übliche Raster passen. Natürlich halfen auch überzeugte Sozialdemokraten und Kommunisten – aber genauso vermeintlich unpolitische Hausfrauen und Sekretärinnen, Arme und Reiche, Soldaten, Handwerker, Pfarrer und Prostituierte.

Kaum Beamte unter den Rettern

„Grundvoraussetzung für die Hilfe war, dass man nicht der rassistischen Ideologie erlegen war“, sagt Schieb. Unter den Rettern, so die Historikerin, seien besonders Angehörige von freien Berufen vertreten. Dagegen fänden sich nur sehr wenige Beamte.

So wie man vor 60 Jahren von den Rettern nichts wissen wollte, so droht heute ein umgekehrter Effekt: Die „stillen Helden“ werden zu leuchtenden Vorbildern erklärt, deren Altruismus und Menschlichkeit unerreichbar scheint. Vergessen wird dabei, wie der Sozialwissenschaftler Harald Welzer befürchtet, dass sich diese Menschen damals in der Gesellschaft extrem unangepasst verhielten.

Doch unangepasstes Verhalten gilt auch heute, in einem demokratischen Staat, keinesfalls als vorbildlich: Wer heute etwa zum Widerstand gegen eine Nazi-Demonstration aufruft, muss bisweilen eher mit einer langen Strafe als mit dem Bundesverdienstkreuz rechnen, wie der Fall eines kürzlich zu 22 Monaten Haft verurteilten jungen Mannes aus Dresden zeigt.

„Das waren Helden“, sagte Inge Deutschkron einmal im taz-Interview über ihre Retter. „Ich habe immer die Deutschen, die uns geholfen haben, bewundert“, sagt Walter Frankenstein. „Leider waren es viel zu wenige.“ Ein großer Teil seiner Verwandten wurde von den Nazis ermordet. Sie fanden keine „stillen Helden“.

 

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