Die Wahrheit

Die tollkühnen Kerle ...

... in ihren fliegendenden Kisten.

Seit man nicht mehr mit den anderen Kindern während des Flugs ins Cockpit darf, um dort angesichts der routinierten Pilotengelassenheit seine Flugangst auszukurieren, ist das Fliegen wieder viel anstrengender geworden. Vor allem, weil mir der kleine Film nie aus dem Kopf geht, den zwei blonde Italientouristinnen beim Hinflug einst mit ihrem Camcorder aufnahmen und an Sat.1 verkauften und auf dem die eine Blondine auf dem Schoss des Kapitäns sitzt, der mit einem Glas Sekt in die Kamera prostet und „I’m sä best peilott of sä world!“ ruft, während man den Kopiloten angeschickert kichern hört.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Nicht, dass ich Piloten keinen Spass gönne. Oder Blondinen. Oder Chirurgen! In meinem Bekanntenkreis ist ein Chirurg, mit dem kann man herrlich feiern. Manchmal geht er aus der Kneipe direkt zur Frühschicht. Na und? Clint Eastwood nahm auch immer Whisky zu Hilfe, wenn Shirley MacLaine ihm Kugeln aus dem Oberarm operierte.

Aber der Pilot, mit dem ich neulich aus Zürich zurückgeflogen bin, war – beim Warten auf der rollbaren Treppe spanne ich ja immer in die Kanzel – so jung, dass ich kurz erschrak: Beim Blick auf die Instrumente neben dem barometrischen Variometer konnte ich auf einem Bildschirm das Kika-Logo erkennen. Obwohl: So ein junger Pilot ist vielleicht besser als ein zu alter, der sich in einem Demenzanfall verfliegt.

Andererseits kann das eigentlich nicht passieren. Seit einigen Jahren gibt es schließlich diese Kabinenmonitore mit höchst aufschlussreichen Karten und einem kleinen, beweglichen Flugzeugsymbol, nach denen sogar ich den Weg nach Kathmandu finden könnte. Einfach dem roten Strich folgen.

Um das genauer zu recherchieren, wollte ich mich zur Stewardess weiterbilden lassen. Leider scheiterte ich beim „Sind Sie ein Service-Talent?“-Einstelltest auf der Homepage der Fluggesellschaft, bei dem man drei schwere Krisensituationen („Beschwerde eines Passagiers“, „Eingeschränktes Imbissangebot“ und „Telefonieren im Flugzeug“) als Videoclip vorgespielt bekommt und danach die beste Handlungsmöglichkeit anklicken muss.

Es sollte sodann ein Button mit „Jobangebote“ erscheinen, bei mir kam jedoch immer nur „Das ist leider nicht die beste Lösung, bitte versuchen Sie, eine bessere zu finden!“. Aber was soll man denn bitte schön machen, wenn die Schinkenbrote aus sind?!

Die restlichen Anforderungen erfülle ich zudem so perfekt, dass ich überlege, die Stewardessstufe einfach zu überspringen und sofort als Purser (Kabinenchefin) einzusteigen: Größe zwischen 1,58 und 1,75 Meter, typgerechtes, stilvolles, vorbildliches äußeres Erscheinungsbild, Körpergewicht in angemessenem Verhältnis zur Größe. Die Themen Kurzsichtigkeit und Flugangst muss ich ja nicht beim ersten Gespräch fallen lassen.

Ansonsten habe ich gern Spaß mit lustigen Tunten, bin also teamfähig, und mixe auch mit Minifläschchen einen „Mean Martini“. Und die Sache mit den komischen Schleifgeräuschen, obwohl das Fahrgestell längst ausgefahren ist, kann ich sogar in Fliegerenglisch erklären.

Die Wahrheit auf taz.de

 

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben