Die Leiterin des Magie-Museums im Interview

„Ich glaube an magische Zufälle“

Auguste Gischler lebt seit 20 Jahren in Berlin. Sie war Tänzerin im Friedrichstadt-Palast und auf dem Traumschiff und gründete das Magische Museum in Mitte.

Auguste Gischler in ihrem Museum in Berlin-Mitte Foto: André Wunstorf

Frau Gischler, Sie betreiben seit drei Jahren ein magisches Museum. Ich hatte ehrlich gesagt eine etwas esoterischere Person erwartet.

Mit wehenden Haaren und langen Gewändern?

So in der Art, ja.

Tatsächlich kommen viele Besucher und fragen, ob ich heilen kann oder Karten lesen. Aber so bin ich gar nicht. Ich bin niemand, der auf die Suche geht. Ich bin eher Beobachterin und nehme die Dinge, die kommen.

Glauben Sie denn tatsächlich an Magie?

Ja, und ich glaube, dass sie gar nicht so etwas Großes ist, sondern ganz nah an unserem Leben. Zum Beispiel glaube ich an etwas, das man magische Zufälle nennen könnte. So bin ich auch nach Berlin gekommen. Eigentlich wären wir gar nicht hier …

Erzählen Sie!

Dass man sich überhaupt irgendwo zuordnen muss, zu einem Glauben, einer Hautfarbe – das ist doch Blödsinn. Ich hoffe, dass das nie jemand von meinen Kindern verlangt

Mein Mann und ich hatten in den Niederlanden eine Tanzcompany, mit der alles ganz plötzlich zu Ende gegangen ist. Ich war 28 Jahre alt und wir standen vor dem Nichts, auf der Straße. Aber wir hatten noch einen Tanzauftrag in Köln. Und dann hat mein Mann gesagt: Ach komm, wir besuchen Berlin – ich war damals noch nie in Berlin gewesen. Wir sind dann auch zum Friedrichstadt-Palast und wollten schauen, ob es da eine Show gibt. Gab es aber nicht, und da sind wir zum Hintereingang und haben einen Mann gefragt, wieso es denn keine Show gebe, wir seien Tänzer und extra gekommen. Aber unser Deutsch war so schlecht, er hat wohl nur Tänzer verstanden und gleich den Direktor gerufen: Hey, hier sind zwei, die wollen vortanzen. Und dann sagte der: Ach, kommt mal morgen zum Training.

Der Mensch Auguste Gischler wird 1965 mit niederländischen und portugiesisch-afrikanischen Wurzeln im Libanon geboren. Als sie zwei Jahre alt ist, flieht die Familie vor den Kriegswirren zurück in die Niederlande und Gischler wächst dort mit zwei Geschwistern in einem alten Bauernhaus voller Skurrilitäten auf. Nach einer klassischen Ballettausbildung tanzt sie in großen Showproduktionen und ab 1996 im Friedrichstadt-Palast als Solistin. Nach der Geburt des ersten Kindes tanzen sie und ihr Mann vor allem im Hausballett der „MS Deutschland“ („Das Traumschiff“). Inzwischen haben sie drei Kinder und wohnen in Pankow. Sie trainieren noch immer mehrmals die Woche und treten gelegentlich auf. Gischler hat auch an der Universität der Künste unterrichtet.

Das Museum Auguste Gischler und ihr Mann haben 2014 das magische Museum Magicum im Scheunenviertel unweit des Hackeschen Markts eröffnet. Es ist eine bunte Inszenierung von Exponaten aus aller Welt – von afrikanische Ritualmasken, einer „Hexenwaage“ aus den Niederlanden, amazonischen Liebeszaubern bis zum Feng-Shui-Kompass. Dazu kann man schwere Entscheidungen auspendeln, sich ein Baumhoroskop erstellen oder einen Blick in die Glaskugel werfen. mah

Und dann?

Am nächsten Tag 10 Uhr haben wir vorgetanzt und beide einen Vertrag bekommen.

Warum sind Sie Tänzerin geworden?

Mein Vater ist immer so viel gereist, das wollte ich auch. Und was macht man da? Einen reichen Mann heiraten oder Artistin werden, habe ich gedacht. Und dann kam wieder ein Zufall: Eine Schulfreundin von mir wollte unbedingt zum Tanzunterricht, aber ihre Mutter konnte sie nicht immer fahren. Also hat sie meine Mutter gefragt, ob ich nicht auch Lust hätte und sie sich die Fahrten aufteilen könnten. Irgendwann kam einer von der Balletthochschule und hat gefragt, ob ich dort vortanzen möchte. Da war ich elf.

Das war also eine ganz klassische Tanzausbildung?

Ja, klassisches Ballett. Ich habe anschließend auch in einer klassischen Company getanzt.

Der Friedrichstadtpalast ist dann aber schon etwas anderes …

Ich bin mit achtzehn zu der klassischen Company gegangen, und das war alles so streng: So und so müssen du und dein Tanz aussehen. Für mich hatte das eine negative Atmosphäre. Ich war dann bei einer Freundin, die Jazz getanzt hat, und dachte: Wow, das ist doch was, das ist Tanz! So bin ich schon in den Niederlanden zum Showtanz gekommen. Wir haben dann viel auf Galashows, mit Akrobaten und Musikern gearbeitet, sind um die ganze Welt gereist. Ich fand das toll. Aber das war dann schon Entertainment, klar.

Der Beruf der Tänzerin ist verknüpft mit dem Wissen, dass man das nicht ewig machen kann.

Genau so kam es zu dem Museum. Den Plan haben wir schon seit 20 Jahren. Das war unsere Idee für den Ausstieg.

Und was ist die Idee des Museums?

Das ist kein Museum zum Stillsitzen und Herumstehen. Hier gibt es Dinge zum Anfassen und zum Mitmachen. Spiele, kleine Zaubereien. Und alle zeigen: Es gibt nicht nur das Rationale. Es gibt immer wieder Dinge, die sich nicht so leicht erklären lassen. Eins und eins ist manchmal nicht einfach zwei.

Was war Ihre erste Berührung mit Magie?

Meine Großmutter kam aus Afrika. Sie ist mit zwölf Jahren allein in die Niederlande gekommen zu einer Tante und hat die afrikanische Magie mitgebracht. Sie ist zur Wahrsagerin gegangen, hat an Vorhersagen geglaubt, auch im Leben meines Vaters spielte das eine Rolle. Der Vater meiner Mutter war Hausarzt, und wenn jemand mit einer Warze zu ihm kam, dann hat er gesagt: „Geh zu dieser Frau, die bespricht das und dann geht die weg.“ Ich bin aufgewachsen in einem alten Haus voll mit skurrilen Sachen von meiner Großmutter, die magische Kräfte haben sollen. Und mit Geschichten über Dinge, die man nicht endgültig erklären kann.

Erzählen Sie mir eine.

Mein Vater war im zweiten Weltkrieg in der Schweiz gelandet und hatte dort einen Mann kennengelernt, der Hypnose konnte. Der hat die deutschen Soldaten hypnotisiert und so sie beide gerettet. Mein Vater hat ihn dann gefragt, warum er denn nicht auch Hitler hypnotisiere, wenn er das doch so gut könne. Und da hat der Mann geantwortet: „Der hat die gleichen Kräfte wie ich.“ Ja, das war eine der Geschichten, mit denen ich groß geworden bin.

Das heißt, Magie spielte in Ihrer Familie eine große Rolle.

Nicht so, wie das heute bei manchen esoterischen Menschen der Fall ist. Wir hatten viel Familie und Freunde in der ganzen Welt: Indonesien, Libanon, mein Vater war auch viel in Indien unterwegs. Und alle brachten ihre Magie mit. Wenn mal wieder Menschen zu Besuch waren und meine Mutter nicht mehr wusste, ob sie jetzt nach muslimischen, jüdischen, hinduistischen oder anderen Regeln kochen sollte, dann hat sie einfach gesagt: Da ist die Küche, kocht euch, was ihr dürft. Es gab ein großes Nebeneinander, eine Selbstverständlichkeit, dass es viele Glauben gibt und die alle gut sind.

Das ist hier in Deutschland nicht immer der Fall. Und auch in Sachen Magie sind viele Deutsche, na sagen wir mal: nüchterner.

Die Niederländer im Grunde auch. Wir hatten mehr Kolonien und daher Einflüsse von Indonesien, Südamerika, die etwas vom alten Glauben zurückgebracht haben. Aber in ganz Europa ist durch die Zeit der Hexenverbrennung viel Magie für immer ausgelöscht worden.

Nehmen Sie Anteil an den aktuellen politischen Veränderungen in Deutschland?

Ich beobachte die Veränderungen in Europa, in der ganzen Welt. In Amerika habe ich das am massivsten erlebt. Da haben manche Weiße mich angeschaut und gesagt: Was willst du mit dem schwarzen Mann? Und es gab Schwarze, die haben meinen Mann angeschaut und gesagt: Was willst du mit der weißen Frau? Erst als sie hörten, dass wir aus Europa kommen, war die Akzeptanz da. Dass man sich überhaupt irgendwo zuordnen muss, zu einem Glauben, einer Hautfarbe oder was weiß ich – das ist doch Blödsinn. Ich hoffe, dass das nie jemand von meinen Kindern verlangt. Am Ende ist das auch die Idee von dem Museum hier. Wir zeigen, was es alles gibt auf der Welt. Als ein Nebeneinander, ohne Wertung.

Erleben Sie denn hier magische Momente?

Hier sitzen schnell verschiedene Menschen an einem Tisch: Einer aus Deutschland und aus Israel, aus dem Libanon, ein paar aus Indien und jemand aus Italien. Und alle haben gespielt, die Rätsel gelöst und am Ende zusammen gelacht. Die Schulkinder, die herkommen, erzählen, woran sie glauben und welche Feiern sie machen und dass sie immer Engel sehen, die sie aber nicht anfassen können. Und alle finden das normal.

Ein bisschen wie bei Ihnen früher zu Hause.

Ja, vielleicht. Ach, da fällt mir noch was ein: Es waren einmal zwei Brüder da, der eine 12, der andere 17 Jahre alt. Ich habe so ein Spiel, einen Trick. Da kann man sehen, welche Farbe jemand in eine Kiste getan hat, man merkt das am Gewicht. Das ist aber ganz minimal, man muss den Trick kennen und die Kiste auf den Tisch legen. Ich mache das also mit dem einen Jungen und sage zu ihm: Ich schaue dir in die Augen und sehe, welche Farbe du ausgewählt hast. Und da sagt er: Ach, das kann ich auch. Er macht das dann mit seinem Bruder und die legen die Kiste nicht einmal auf den Tisch. Das kann also gar nicht gehen. Aber er hat zwanzigmal die Farbe richtig geraten. Da haben wir alle, auch die Eltern, gestaunt.

Wenn Sie eine Entscheidung treffen müssen, pendeln Sie das dann aus oder legen sich die Karten?

Ich glaube, das kann für Menschen gut sein, die vor einer schweren Entscheidung stehen. Das kann ein Ausweg sein. Das ist ja auch das, was Magie ausmacht: dass immer wieder etwas passiert, das du nicht vorhersehen kannst – auch wenn du denkst, du bist nur geboren worden, um arbeitslos zu sein. Plötzlich kommt einer vorbei und sagt, wir brauchen dich. Ich wünsche mir, dass die Menschen den Glauben daran ins Leben mitnehmen. Aber ich denke auch, wenn du das gerade nicht dringend brauchst, dann brauchst du nicht zu pendeln. Wir hatten mal eine Zauberin hier und ich habe sie gefragt, ob sie hier regelmäßig zaubern will. Sie meinte, sie müsse erst das Pendel fragen. Und ich dachte: Hä?! Du musst deine Entscheidungen treffen und sie auch verantworten. Da darf man meiner Meinung nach nicht zu viel auf ein Pendel geben.

Spielt Magie auch beim Tanzen eine Rolle?

Ich habe an der Universität der Künste unterrichtet und meinen Studenten immer mitgegeben, dass Tanzen nicht allein die Technik ist. Um etwas wirklich zum Leben zu erwecken, braucht es die Atmosphäre, die Energie, die Magie. Wenn du jeden Tag auf Spitzenschuhen tanzt, denkst du irgendwann, es geht nicht mehr. Doch dann fängt die Musik an, die Zuschauer sind da, der Vorhang geht auf und es passiert etwas, das man nicht erklären kann. Den Schmerz spürst du erst hinterher wieder.

Sie sind viel gereist, kommen aus einem anderen Land, sprechen vor allem Englisch, haben Wurzeln in wieder anderen Ländern, Ihr Mann ja auch …

Er ist in Südamerika aufgewachsen, in Surinam.

… jetzt leben Sie in Berlin. Bleibt die Frage: Wo sind Sie zu Hause?

Überall.

Tatsächlich? Sehen Sie sich gar nicht als Berlinerin?

Nun hat uns ja der Zufall hierhergebracht, wir wohnen hier, haben hier getanzt, unsere Kinder gehen hier zur Schule. Berlin ist eine besondere Stadt und ich bin froh, hier zu sein. Aber wenn uns der Zufall an einen anderen Platz trägt, dann ist das auch in Ordnung.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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