Berliner Szenen

Unsere Zeit vorm Nelkenberg

Viel Russisch, kleine Kinder in Uniformen und Karaoke: Am Sowjetischen Ehrenmal wurde der Tag des Sieges über Nazideutschland gefeiert.

Eine Denkmalanlage, es stehen einige Menschen herum, es liegen einige Blumen herum

Als ich ankomme, ist es nicht mehr besonders voll Foto: Brake

Auf der Berlinale hatte ich „Victory Day“ gesehen, eine Doku über die Feierlichkeiten am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park zum „Tag der Sieges“ über Nazideutschland am 9. Mai – nicht am 8., denn in Moskau war zum Zeitpunkt der Unterzeichnung der Kapitulation der Nazis schon ein neuer Tag angebrochen. Der Film, 2017 gedreht, zeigte eine irre Mischung aus Trauer und Party, aus Exilrussen, deutschen Altlinken, Putin-Fans und Schaulustigen. Das wollte ich live erleben.

Erst abends um acht schaffe ich es zum Treptower Park, schon am Eingang ist Volksfeststimmung mit Bier, Buden und Balalaika. Am DKP-Stand streckt mir einer die Parteizeitung Unsere Zeitentgegen, und ich nehme sie, weil sie mich an meine Kindheit erinnert. Ich war damals fest davon überzeugt, dass der Name „Unsere Zeit für Kinder“ bedeutet.

Am Ehrenmal selbst ist es schon recht leer. Ein heftiger Regenschauer treibt die Übriggebliebenen unter die schützenden Bäumen, auf den Bänken sind Picknicks ausgebreitet, daneben stehen Alkoholflaschen, volle und leere. Manche Leute tragen Uniformen, viele das orange-schwarze Sankt-Georgs-Band. Man hört viel Russisch, und an einer Stelle laufen Volkslieder vom Band, mit Karaoke und Paartanz.

Das Kriegerdenkmal leuchtet dramatisch in der Abendsonne. Immer noch füttern Leute den riesigen Nelkenberg in seinem Inneren, machen Selfies. Zufällig treffe ich einen Ex-Kommilitonen, der als Kind aus Russland nach Deutschland gekommen ist. Er beklagt sich über die Eventisierung des Kriegsgedenkens und über den neuen Nationalismus. Besonders die Leute, die ihren kleinen Kindern Militäruniformen anziehen, findet er peinlich.

Als ich gehe, beginnt es wieder zu nieseln. Ich lege die Unsere Zeit auf meinen Kopf, damit er trocken bleibt.

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Michael Brake lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, zeit.de und fluter.de. Er schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren.

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