Nord-Süd-Gerechtigkeit

Bloß nicht noch ein Feiertag!

Niedersachsens Grüne und die SPD in Bremen wollen einen zusätzlichen Feiertag. Ist das wirklich euer Ernst? Sind die existierenden nicht schlimm genug?

Auf einer historischen Osterkarte schiebt die Ostrhasenmama ihren Ostereierwagen, die Kinder laufen nebenher.

Los, los! Auf zum Verwandtenbesuch! Ist schließlich Feiertag Foto: imago/Horst Rudel

Samstag ist Selbstmord“, heißt ein frühes Lied der Hamburger Band Tocotronic. „Wer hat das Wochenende erfunden?“, fragten darin die drei Trainingsjacken- und Seitenscheitelträger und führten aus: „Die ganze Menschheit ist dadurch geschunden“, nämlich – neben dem „Sportverein“ – durch „Verwandtenbesuche“ und „Kaffee und Kuchen“. Später ist dann auch noch die Rede von „der Gemütlichkeit“, „der Gartenarbeit“ und, schließlich, „zu viel Freizeit“.

Mindestens so sehr wie vom Sams- handelt dieser spätadoleszente Aufschrei vom Sonn- und auch vom Feiertag. Frei sind diese beiden ja erst mal nur von der Erwerbsarbeit – und auch das für immer weniger Menschen –, aber von wenig sonst. Man muss nicht, aber man kann das auch mit Theodor W. Adorno sagen: Wo man heute von der Freizeit spricht, tat man es früher von der Muße, aber diese beiden sind alles andere als dasselbe. Die Muße aber, heißt es bei dem Frankfurter Nicht-Trainingsjackenträger, „war ein Privileg unbeengten Lebens, daher auch dem Inhalt nach wohl etwas qualitativ anderes, Glückvolleres“. Dagegen sei die Freizeit „an ihren Gegensatz gekettet“.

Freizeit und Muße sind alle andere als dasselbe

In der Tat: Sie will, nein, sie muss doch genutzt werden, fürs Hobby (besser: Hobbys im Plural, weil eins ist doch eigentlich noch keins); auch das Netzwerk, wie es heute gern heißt, will gepflegt sein – und ganz und gar nicht zuletzt begehrt bei vielen die liebe Verwandtschaft ihr Stück vom Freizeitkuchen, gern, aber nicht zwingend in Gestalt von Kaffee und Kuchen. Wer also so einen Feiertag schnöde für freie Zeit hält, hat doch schlicht die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden. Um wie viel klarer, geregelter, ja: ehrlicher ist dagegen ein Acht- oder meinethalben auch Zehnstundenbürotag?

Die Kehrseite der nie endenden Beschäftigung der einen ist das Alleinsein der anderen: Je höher der Feiertag, desto ärmer an Alternativen ist der Rückfall ins familiäre Rollenfach von dunnemals. Haben Sie mal versucht, eine Ihrer ach so bereichernden Freundschaften zu pflegen, wenn drum herum alle Welt nach Hause fährt, um, bevorzugt entnervt nach Stunden im Stau, an Kaffeetafel und Esstisch plötzlich wieder nicht ganz für voll genommen zu werden, weil ein Kind ist ein Kind bleibt ein Kind?

Ziemlich schlecht gelaunt, finden Sie? Mag sein. Aber ich brauche ganz sicher nicht noch mehr solcher Feiertage, und jeder Versuch, da eine gefühlte norddeutsche Benachteiligung heil zu machen – so wie er gerade durchs sprichwörtliche Dorf getrieben wird – geht fehl, schafft Probleme, wo er sie zu lösen behauptet. Mehr Feiertage? Bloß nicht!

Den ganzen taz.nord-Schwerpunkt über Feiertage lesen Sie in der taz. am Wochenende – am Kiosk oder hier.

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