Buch „Die Juliette Society“

The Inflation of Grey

Als Pornodarstellerin wollte sie die Grenzen für Frauen erweitern. Heute dreht sie nicht mehr, sie schreibt Pornos. Und will uns sexuell befreien.

Sasha Grey beim Dreh zu Soderberghs „The Girlfriend Experience“. Bild: imago

Vaginal, anal, Double Penetration, Gangbang, Schläge in Gesicht und Bauch. Sasha Grey macht schon 2006, im Alter von 18 Jahren, mit der ersten Bewerbung zu einem Pornodreh deutlich, dass es kaum etwas gibt, das zu tun sie nicht bereit ist.

Sie schreibt, dass sie die meisten Pornos für langweilig halte und zu den Darstellerinnen gehören wolle, die die Grenzen dessen erweitern würden, was Frauen zu mögen oder zu sein haben. Vor der Kamera äußert sie, wie in der Branche üblich, auch nach über 300 Produktionen in drei Jahren kein schlechtes Wort über ihre Arbeit.

Weltruhm erlangt die sehr junge und noch jünger aussehende Grey mit ihrem extremen Agieren vor der Kamera. In ihren Pornos fordert sie ihre Kollegen auf, noch härter zu sein, verlangt nach mehr, setzt ihnen Schweinenasen aus Gummi auf, beschimpft sie oder überrascht mit humoristischen Äußerungen. Sie übernimmt zumindest scheinbar die Kontrolle und lässt den Zuschauer deutlich spüren, dass sie alles andere ist als ein Objekt oder das Opfer.

In einem Interview erklärt die in Kalifornien geborene Schauspielerin, dass auch im Porno Raum für Kunst sei und sie Frauen vermitteln wolle, dass an Sexualität nichts Beschämendes sei.

Soeben in Deutschland auf DVD erschienen: „Tödliches Spiel – Would You Rather?“ mit einer weniger erotischen Rolle für Sasha Grey. USA 2012, 93 Min., Preis 9,99 EUR

Sasha Grey: „Die Juliette Society“. Heyne Hardcore, 320 Seiten, 19,99 Euro

Horror und Satire

2009 steigt sie, gerade 21 Jahre alt geworden, aus der Pornobranche aus. Es folgen Filmproduktionen, darunter Steven Soderberghs „The Girlfriend Experience“, Serien, Musikvideos und sogar eine kurze Satire über den US-Geheimdienst NSA. Während Sie in den vergangenen Produktionen vor allem sich selbst oder Edelprostituierte spielte, hat sie in dem jetzt auf DVD erschienenen Horrorthriller „Tödliches Spiel – Would You Rather?“ eine erotikfremde Nebenrolle übernommen, die ihr neue schauspielerische Qualitäten abfordert.

Der Film, eine Mischung aus dem Silvesterklassiker „Dinner for One“ und und dem Horrorfilm „Saw“, ist aber nur hartgesottenen Splatter- und Trashfreunden ans Herz zu legen. Außerdem ist Grey Teil der Industrial-Band aTelecine, als DJane vor allem in Russland beliebt, hat den Fotoband „Neü Sex“ mit eigenen Bildern herausgegeben und 2013 das Buch „Die Juliette Scoiety“ veröffentlicht.

Dieses Buch ist auch als Antwort auf die erfolgreiche Erotik-Trilogie „Shades of Grey“ entstanden. Die Namensähnlichkeit im Titel des Weltbestsellers hatte da schon für einige Missverständnisse gesorgt. Erzählt wird in Greys Buch die Geschichte der Filmstudentin Catherine, die mithilfe einer neuen Freundin, Anna, der Langeweile ihrer monogamen Zweierbeziehung zu entfliehen versucht. Anna mag BDSM – „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“; das Label für alle sexuellen Spielarten, die mit Macht, Unterwerfung, Dominanz und Gewalt im weitesten Sinne zu tun und das Einverständnis der beteiligten Parteien zur Voraussetzung haben. Die „Juliette Society“ handelt also im selben Themenfeld wie „Shades of Grey“.

Catherine ist fasziniert von der Welt, die Anna ihr eröffnet, und folgt ihr in das sexuelle Neuland. Was sie dort erfährt, bringt ihr jedoch nicht nur Befriedigung. Anna, die mit Sex ihre innere Leere füllt, bleibt auf der Strecke. Catherine landet am Ende in den Armen einer skrupellosen Geheimgesellschaft von Reichen und Mächtigen.

Unterhaltsame Lektüre

Grey lässt verschiedene künstlerische Referenzen einfließen, insbesondere aus dem Film „Belle de Jour“ von Luis Buñuel und dem Buch „Sexualität ist Macht“ von Angela Carter. Genau darum geht es Sasha Grey: um Sex, Macht und den Zusammenhang zwischen beidem. Im Kontrast zum intellektuellen Bezug lässt die stilistische Reife des Romanes zu wünschen übrig. Die sexuellen Eskapaden der Catherine können zwar partiell mitreißen, lesen sich aber streckenweise wie leb- und lieblose Aneinanderreihungen von Pornoszenen – ohne Kondom.

Die obskure titelgebende Geheimgesellschaft wirkt künstlich aufgepfropft; eine wirkliche Rolle spielt sie nur im ersten und letzten Kapitel. Doch auch ohne hohe erzählerische Qualität ist die Lektüre unterhaltsam.

Sasha Grey möchte nicht andauernd auf ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin angesprochen werden, scheint aber zu wissen, dass das nicht so ohne weiteres umzusetzen ist. Sie macht das Beste daraus. Sie versucht erkennbar das System, in dem sie gefangen ist, von innen heraus zu ändern und nutzt gleichzeitig die Attraktion, die ihr ehemaliger Beruf auf Publikum und Feuilleton ausübt, als Sprungbrett für ihre Karriere.

Die lüsterne Dankbarkeit der Medien für dieses Geschenk ist spürbar: Eine intelligente Frau, die freimütig erzählt, dass sie mit sechzehneinhalb Jahren zum ersten Mal Sex hatte, die sofort mit der Volljährigkeit zum Pornostar wurde und als 25-jährige Frau ein Buch schreibt, Kunst und Filme macht. Dann beharrt sie noch darauf, das alles aus freien Stücken und mit Spaß getan zu haben. Spaß, der bedeutet, über drei Jahre hinweg etwa alle vier Tage einen anstrengenden Pornodreh zu haben. Mit Partnern, die sie sich nicht aussuchen kann, begleitet von Infektionen und anderen Berufsrisiken.

Härte und Liebe

Weiß eine Workoholic-Pornoakteurin, was guter Sex ist? Wie wirkt sich eine Arbeit in der Welt inszenierter Fantasien anderer Menschen auf die Entwicklung von emotionaler Nähe und Reife aus? Vielleicht liegt hier der Schlüssel für die partielle Gefühlsarmut in „Die Juliette Society“. Die beiden Hauptfiguren Catherine und Anna erscheinen so als doppeltes Selbstporträt der Autorin. Kann die aber unter diesen Voraussetzungen wirklich glaubhaft Hilfestellung zur sexuellen Selbstfindung geben?

Sasha Grey mag subversiv sein oder heuchlerisch und kommerziell, eine Feministin, eine Feminismuskritikerin oder keines von beidem. Tatsächlich inszeniert sie sich glaubhaft als Kämpferin für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau und wirbt dafür, dass Frauen wie Männer auch BDSM-Praktiken ausüben können, ohne sich dafür schlecht oder krank fühlen zu müssen.

Für Sasha Grey gibt es keinen Widerspruch zwischen BDSM, Zärtlichkeit und Liebe. Was den einen Menschen erniedrigt, macht den anderen eben frei und stark. Die Tabuisierung weiter Bereiche menschlicher Sexualität gefährdet in Greys Augen die Persönlichkeitsentwicklung.

Und obwohl sie mit ihrem aktuellen Filmschaffen und dem Roman ganz klar den Mainstream im Blick hat, macht dieses Statement allein „Die Juliette Society“ um einiges lesenswerter als den sich in Rollenklischees verlierenden Roman „Shades of Grey“.

Ulf Schleth

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