Rassistischer Bestseller in Frankreich

Niedergangsprophet im eigenen Land

Éric Zemmours „Der französische Selbstmord“ verkauft sich bestens. Der Sohn jüdischer Einwanderer aus Algerien bedient gängige Ressentiments.

Nein, in der Tat: Nicht alle Französen mögen den Islam. Bild: reuters

In Frankreich sorgt eine Schrift für Wirbel. Éric Zemmour, Kolumnist bei der konservativen Tageszeitung Le Figaro, schrieb ein Buch mit dem Titel „Le Suicide français“ („Der französische Selbstmord“), das sofort zum Bestseller wurde. Der Autor ist Sohn jüdischer Einwanderer aus Algerien und glaubt sich so doppelt gewappnet gegen den Vorwurf, rechtsradikale und rassistische Thesen zu vertreten.

Zumindest ein Gericht konnte er damit nicht beeindrucken. Im Februar 2011 wurde er wegen „Aufruf zum Rassenhass“ verurteilt, weil er öffentlich erklärte, Unternehmer hätten „das Recht, schwarze oder arabische Bewerber abzulehnen“, und „Drogendealer“ seien „meistens Schwarze oder Araber“.

Auf mehr als 500 Buchseiten legt er jetzt nach und beschwört den nahen „Niedergang Frankreichs“. Sein stets wiederholter Refrain: Die Einwanderer „zehren die jüdisch-christliche Bevölkerung und die nationale Identität auf“. Seit 1968 arbeite „die nihilistische Subversion“ an der „Verhöhnung, Dekonstruktion und Destruktion“ von Familie, Nation, Staat, Arbeit und Schule.

Andererseits findet der Autor beschönigende Worte für das Vichy-Régime, das 1940 bis 1944 mit Hitler-Deutschland kollaborierte. Marschall Pétain habe die ausländischen Juden nur an die Nazis ausgeliefert, um die französischen Juden zu retten. Die Historiker Jacques Sémlin und Robert O. Paxton widersprachen Zemmours Geschichtsklitterung in Beiträgen für Le Monde.

Im Windschatten der Rechten

Von Zemmours Buch wurden bereits 200.000 Exemplare verkauft. Der Erfolg erklärt sich aus dem rhetorisch geschickten und provokativen Auftreten Zemmours in den Talk-Shows von Privatsendern, die buchstäblich nach Demagogisch-„Unkorrektem“ lechzen.

Der Erfolg ist aber auch Indikator einer Misere der französischen Zeitungslandschaft. Dort tritt seriöse Sachbuchkritik mehr und mehr hinter Gefälligkeitsinterviews mit den Autoren zurück. Und schließlich segeln Zemmour und sein Buch im Windschatten der Wahlerfolge des rechtsradikalen Front National und der mehr oder weniger offenen Rehabilitierung von nationalen Ressentiments sowie von Stimmungsmache gegen Fremde und den Islam bis weit ins bürgerlich-konservative Lager hinein.

Angesichts der wirtschaftlichen Misere Frankreichs und der Komplexität innerer und äußerer Konflikte treffen Niedergangspropheten mit grobschlächtigen Simplifizierungen auf offene Ohren.

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