Die Wahrheit

Dick, fett und sexy wie Schweißfüße

Die Gesellschaft weigert sich, schnaufende Anwärter auf Arthrose, Arteriosklerose oder Herzkasper als „awesome“ wahrzunehmen.

Ich weiß schon, dass es verletzend sein kann. Trotzdem denke ich manchmal: „Herrgott, wie kann man nur so fett sein?“ Klar, freundlicher freilich wäre: „Sieh an, eine starke Persönlichkeit mit extravaganten Rundungen, die sich mutig heteronormativen Schablonen entzieht!“ Als spontaner Gedanke ist mir das aber zu umständlich und euphemistisch. Erst recht beim Blick in meinen Badezimmerspiegel.

Wenn ich nun aber meinen ausladenden Arsch ums Verrecken nicht aus dem Sessel gewuchtet bekomme? Wenn ich längst vor den Kalorien kapituliert habe? Dann muss ich mein Gewicht leicht nehmen, meine Fettsucht nicht mehr infrage stellen und deren Folgen in Kauf nehmen. Kann ich machen.

Mit viel Disziplin und Geduld finde ich irgendwann auch die offenen Wunden an den Innenseiten meiner aneinander reibenden Oberschenkel attraktiv. Nun wurmt mich nur noch, dass mögliche Geschlechtspartnerinnen das bisweilen anders sehen. Damit bin ich reif für die Offensive: „Mein Fett ist politisch, weil es Leute so richtig sauer macht, wenn ich es zeige. Mein Fett ist politisch, weil ich es behalte. Mein Fett ist politisch, weil es verdammt sexy ist“.

Der Satz stammt von Virgie Tovar, Vordenkerin einer neuen Bewegung aus den USA. Es ist eine Bewegung für Leute wie mich, die sich nicht gern bewegen: „Fat Pride“ statt „Gay Pride“, eine Nachgeburt der Diskurse zu Gender, Rassismus und Sexismus. Gibt’s auch in den Geschmacksrichtungen „Fat Empowerment“, „Fat Acceptance“, „Fat Power“ oder „Fat Positivity“.

Die Gesellschaft weigert sich, schnaufende Anwärter auf Arthrose, Arteriosklerose oder Herzkasper als „awesome“ wahrzunehmen? Dann sollte diese feine Gesellschaft besser ihren Schlankeitswahn und ihre „Thin Privileges“ überdenken.

Tadelnde Blicke bei McDonald’s? „Fat Shaming“! Allzu enge Sitze im Flugzeug? Diskriminierung! Diät-Tipps besorgter Freunde? „Lookism“! Zwickende Hosen bei H & M? Ausgrenzung!

Überall Normen, um Minderheiten auszugrenzen. Dabei sind wir Fetten fett wie Schwarze schwarz und Schwule schwul. Einfach so. Und nicht etwa, weil wir mehr Kalorien zu uns nehmen, als wir verbrauchen – ein typisch biologistischer Fehlschluss, der von der soziologischen Avantgarde längst widerlegt ist. Sondern weil eine neoliberale Turbogesellschaft uns Mega-Mollige massiv stigmatisiert. Da gibt’s Studien.

In Deutschland ist jedes fünfte Kind übergewichtig? Aha, und wer definiert „Übergewicht“? Eben. Fair wäre es, dicke Kinder in ihrem anarchischen Drallsein zu bestärken, ihnen Diabetes schmackhaft zu machen. Stattdessen wird ihnen eine „gesunde Ernährung“ aufgezwungen.

Ich bin guten Gewissens fett und fein raus. Demnächst mache ich meinen Abschluss in „Fat Studies“. Eat this, motherfuckin’ society! Und wo du gerade dabei bist: Meine Schweißfüße sind auch politisch. Weil es Leute so richtig sauer macht, wenn ich die Schuhe ausziehe. Mein Gestank ist politisch, weil ich nichts dagegen unternehme. Mein Schweißfüße sind politisch, weil sie verdammt sexy sind.

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