Wahlkampf in Nigeria

Wo Boko Haram lauert

Straßensperren, ungebetene Bewaffnete im Auto: Die Annäherung an Nigerias Kriegsgebiet lässt erkennen, wie die Unsicherheit das Leben prägt.

Soldaten sichern eine Sandstraße ab, die ein Präsidentschaftskandidat entlanggeht

Wahlkampf am Rande des Kriegsgebiets: APC-Kandidat besucht Madagali Foto: Katrin Gänsler

MADAGALI taz | Auf der Straße gen Norden, in Richtung Borno, nehmen die Straßensperren merklich zu. Alle paar Kilometer liegen schwere Baumstämme auf der Straße, die die Autofahrer beiseite schieben und – nachdem sie durchgefahren sind – wieder zurechtrücken müssen.

An einigen müssen auch alle Mitfahrer aussteigen und vorbeilaufen. Sonst schimpft sofort ein Polizist oder Soldat lautstark. Die Weiterfahrt nach Madagali verzögert sich jedes Mal. Es ist der nördlichste Landkreis des ostnigerianischen Bundesstaates Adamawa.

In Madagali geht nichts mehr, die Stadt ist abgeriegelt. Hineinfahren dürfen nur diejenigen, die vorher mit Soldaten gesprochen haben. Rund um eine alte, verfallene Tankstelle warten Autos und Kleinlaster. Säcke werden auf-, ab- und umgeladen. Ein Mädchen verkauft hartgekochte Eier, ein Junge Tee.

Nur Telefonkarten hat niemand. Das Netzwerk funktioniert schon viele Kilometer vor Madagali nicht mehr.

Viele Soldaten, viel Angst

Die Terrormiliz Boko Haram hat Madagali im Spätsommer 2014 besetzt. Im März 2015, so berichteten Medien damals, wurde der Landkreis von der Armee zurückerobert. Bis heute ist in der entlegenen Region nichts mehr so, wie es einmal war. Zwar ist das Sicherheitsaufgebot groß, die Angst vieler Bewohner aber auch.

Die Autoschlange am Stadtrand wird länger. Darunter sind einige Fahrzeuge in den Farben Grün, Weiß und Blau von Nigerias Regierungspartei APC (All Progressives Congress) geschmückt. Sie sind auf dem Weg nach Borno und wollen dort Wahlkampf für Ahmed Usman Jaha machen.

Der frühere Bildungsminister will ins Parlament. Im Oktober geriet er in den Fokus der Antikorruptionsbehörde, da 222 Millionen Naira (534.335 Euro) fehlten, gedacht für nigerianische Medizinstudenten, die ihre Ausbildung im Sudan machen.

Dass Babawao, wie der Politiker genannt wird, nicht aus Bornos Provinzhauptstadt Maiduguri in seinen Wahlkreis fahren kann, ist bezeichnend. Das Risiko ist viel zu groß.

Endlich geht es voran. Das Wahlkampfteam und ein paar private Pkws dürfen in die Stadt. Die Soldaten passen genau auf.

Etwa 300 Meter entfernt steht Yohanna Ngang an der Straße. Ein Gewehr, das nach Eigenbau aussieht, baumelt an seiner rechten Schulter. Er steigt ins Auto ein und soll für Sicherheit sorgen. Ngang ist 40 und gehört der Bürgerwehr Civilian Joint Task Force an. „Gemeinsam mit den Soldaten machen wir Jagd auf Boko Haram, etwa wenn sie aus den Wäldern in die Dörfer kommen.“

Kinder als Wahlkampfkulisse

Vor einer Polizeikaserne ist die Straße wieder blockiert – weil Politiker Babawao gleich eintreffen wird. Als sein Auto anhält, stehen rechts und links Dutzende Soldaten.

Wenige Minuten zuvor sind ein paar Kindern am Straßenrand eilig Wahlkampfplakate in die Hände gedrückt worden. Babawao steigt nur kurz aus und fährt dann weiter.

Die 42-jährige Amina Amadu beobachtet das Spektakel. Abschätzig sagt sie: „Wir haben hier weder Nahrungsmittel noch Sicherheit.“ Zwar würden die Terroristen gerade nicht die Dörfer angreifen. „Aber es wird gefährlich, wenn wir Brennholz sammeln.“

Wie in jeder Familie hat auch sie jemanden verloren. Ein Neffe wurde erschossen. „Ich weiß nicht, ob wir überhaupt in Frieden wählen können“, sagt sie.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de