Urvater der Reportage

„Ach Gott, die Regierung“

Bauernsohn und einer der Urväter der Reportage: Johann Gottfried Seume wurde vor 250 Jahren geboren. Ein Auszug aus „Der Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“.

„Die Stadt muß aber bei dem allen prächtig genug gewesen sein.“ Johann Gottfried Seume über Pompeji – hier bei Nacht im Jahr 2008.  Bild: dpa

SALERNO/POMPEIJ | Auf meiner Rückkehr hatte ich Gelegenheit, zwei sehr ungleichartige Herren von dem neapolitanischen Militär kennen zu lernen. Ich wurde einige Meilen von Salerno an der Straße angehalten, und ein Offizier nicht der besten Physiognomie setzte sich gerade zu mir in die Karriole, ohne eine Silbe Apologie über ein solches Betragen zu machen, und wir fuhren weiter.

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Ich hörte, daß mein Fuhrmann vorher entschuldigend sagte: „E un signore inglese“. Das half aber nichts; der Kriegsmann pflanzte sich ein. Als er Posten gefaßt hatte, wollte er mir durch allerhand Wendungen Rede abgewinnen. Seine Grobheit hatte mich aber so verblüfft, daß ich keine Silbe vorbrachte.

Vor der Stadt stieg er aus und ging fort ohne ein Wörtchen Höflichkeit. Das ist noch etwas stärker als die Impertinenz der deutschen Militärs hier und da gegen die so genannten Philister, die doch auch zuweilen systematisch ungezogen genug ist.

Als ich gegen Abend in der Stadt spazieren ging, redete mich ein zweiter an: „Sie sind ein Engländer?“ – „Nein.“ – „Aber ein Russe?“ – „Nein.“ – „Doch ein Pole?“ – „Auch nicht.“ – „Was sind Sie denn für ein Landsmann?“ – „Ich bin ein Deutscher.“ – „Tut nichts. Sie sind ein Fremder und erlauben mir, daß ich Sie etwas begleite.“ – „Sehr gerne, es wird mir angenehm sein.“ Ich sah mich um, als ob ich etwas suchte. Er fragte mich, ob ich in ein Kaffeehaus gehen wollte. „Wenn man dort Eis hat“, war meine Antwort. Das war zu haben. Er führte mich, und ich aß tüchtig, in der Voraussetzung, ich würde für mich und ihn tüchtig bezahlen müssen. Das pflegte so manchmal der Fall zu sein.

Aber als ich bezahlen wollte, sagte die Wirtin, es sei alles schon berichtigt. Das war ein schöner Gegensatz zu der Ungezogenheit vor zwei Stunden. Er begleitete mich noch in verschiedenen Partien der Stadt, besonders hinauf zu den Kapuzinern, wo man eine der schönsten Aussichten über den ganzen Meerbusen von Salerno hat.

■ 1763: Johann Gottfried Seume wird am 29. Januar als Sohn eines Landwirts in Poserna bei Weißenfels geboren. Er beginnt 1780 ein Theologiestudium in Leipzig, wird zwischen 1781 und 1789 zum Armeedienst gezwungen, als hessischer Soldat nach Nordamerika verschifft, später preußischer Soldat, dann Kerkerhaft.

 

■ 1789–92: Seume studiert Jura, Philosophie, Philologie und Geschichte in Leipzig, danach Hauslehrer und Sekretär.

 

■ 1797–1801: Arbeit beim Verleger Göschen in Grimma.

 

■ 1801/02: Reise nach Italien,ein Jahr später erscheint der „Spaziergang nach Syrakus“.

 

■ 1805: Reise nach Russland, Finnland und Schweden, 1806 erscheint „Mein Sommer 1805“.

 

■ 1810: Seume stirbt am 13. Juni in Teplitz/Böhmen

 

www.seume-gesellschaft.de

„Dieser Menschen hat vierzig umgebracht“

Ich konnte mich nicht enthalten, dem jungen artigen Manne das schlimme Betragen seines Kameraden zu erzählen. „Ich bin nicht gesonnen“, sagte ich, „mich in der Fremde in Händel einzulassen. Aber wenn ich den Namen des Offiziers wüßte und einige Tage hier bliebe, würde ich doch vielleicht seinen Chef fragen, ob dieses hier in der Disziplin gutheiße.“

Der junge Mann fing nun eine große, lange Klage über viele Dinge an, die ich ihm sehr gerne glaubte. Wir gingen eben vor einem Gefängnisse vorbei, aus dessen Gittern ein Kerl sah und uns anredete. „Dieser Mensch hat vierzig umgebracht“, sagte der Offizier, als wir weitergingen. Ich sah ihn an. „Hoffentlich kann es ihm nicht bewiesen werden“, erwiderte ich. „Doch, doch. Für wenigstens die Hälfte könnte der Beweis völlig durchgeführt werden.“

Mich überlief ein kalter Schauder. „Und die Regierung“, fragte ich. „Ach Gott, die Regierung“, sagte er ganz leise – „braucht ihn.“ Hier faßte es mich wie die Hölle. Ich hatte dergleichen Dinge oft gehört. Jetzt sollte ich es sogar sehen. Freund, wenn ich ein Neapolitaner wäre, ich wäre in Versuchung, aus ergrimmter Ehrlichkeit ein Bandit zu werden und mit dem Minister anzufangen. Welche Regierung ist das, die so entsetzlich mit dem Leben ihrer Bürger umgeht. Kann man sich eine größere Summe von Abscheulichkeiten denken?

„Jetzt wird er doch hoffentlich seine Strafe bekommen“, sagte ich zu meinem unbekannten Freunde. „Ach nein“, antwortete er, „jetzt sitzt er wegen eines kleinen Subordinationsfehlers, und morgen früh kommt er los.“

Amnestie des Königs

Wieder ein hübsches Stück von der Vergebung der Sünde. Die Amnestie des Königs hat die Armee und die Provinzen mit rechtlichen Räubern angefüllt. Er nahm die Banditen auf, sie waren brav, wie der Name sagt, er belohnte sie königlich, gab ihnen Ämter und Ehrenstellungen, und jetzt treiben sie ihr Handwerk als Hauptleute der Provinzen gesetzlich. Dieses wird in der Residenz erzählt, auf den Straßen und in Provinzialstädten, und es werden mit Abscheu Personen und Orte und Umstände dabei genannt.

Ich lief eine Stunde in Pompeji herum und sah, was die anderen auch gesehen hatten, und lief in den aufgegrabenen Gassen und die zutage geförderten Häuser hin und her. Die Alten wohnten doch ziemlich enge. Die Stadt muß aber bei dem allen prächtig genug gewesen sein, und man kann sich nichts netter und geschmackvoller denken als das kleine Theater, wo fast alles von schönem Marmor ist und die Inskription mit eingelegter Bronze vor dem Proszenium ist, als ob sie nur vor wenigen Jahren genacht wäre.

Die Franzosen haben wieder einen beträchtlichen Teil ans Licht gefördert und sollen viel gefunden haben, wovon aber sehr wenig nach Paris ins Museum kommt. Jeder Kommissar scheint zu nehmen, was ihm am nächsten liegt, und die Regierung schweigt wahrscheinlich mit berechneter Klugheit. Es ist etwas mehr als unartig, daß die alten, schönen Wände so durchaus mit Namen bekleckst sind.

Ich habe viele darunter gefunden, die diese kleine Eitelkeit wohl nicht sollten gehabt haben. Vorzüglich waren dabei einige französische Generäle, von denen man dieses hier hätte nicht erwarten sollen.

 

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