„Tatort“ aus München

Minus mal minus ist nicht immer plus

Kindesmissbrauch, Rache, Horror: Ein Mörder läuft herum, der mit Kindern via „Smart-Puppen“ spricht und sie zu Mittätern macht.

Zwei "Tatort"-Ermittler

Realistisch wie im TKKG-Hörspiel: In München wird ermittelt Foto: BR/Michael Schreitel/Tellux-Film

Es ist tatsächlich gruselig, wenn Sentas Augen aufleuchten und die Puppe zu sprechen beginnt: „Der Weihnachtsmann braucht deine Hilfe.“ Und die kleine Lena zur Hintertür des Hauses läuft und da wirklich der Weihnachtsmann im Garten steht und sie ihm bereitwillig die Tür öffnet. „Ich war auch immer brav“, sagt sie. Doch der Weihnachtsmann legt nur den behandschuhten Zeigefinger auf den Mund seiner pausbäckigen Maske und gibt ihr einen Keks.

Am nächsten Morgen reitet die Polizei ein. Lenas Eltern sind ermordet worden. Der Mutter wurde die Kehle durchgeschnitten. „25-II“ prangt an der Wand über ihr. Ein Hinweis auf Paragraf 25, Absatz 2 im Strafgesetzbuch: „Begehen mehrere die Straftat gemeinschaftlich, so wird jeder als Täter bestraft (Mittäter).“ Dem Vater wurden die Genitalien abgeschnitten. Über seinem Bett die Warnung: „Wir kriegen euch alle!“

Kindesmissbrauch, Rache. Da draußen läuft ein Mörder herum, der Kindern sogenannte Smart-Puppen andreht, via Smartphone mit ihnen spricht, sie zu KomplizInnen macht und dann die TäterInnen umbringt. Subtil ist dieser „Tatort“ mit Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) nicht. Aber eben streckenweise wirklich angsteinflößend, schwer zu ertragen.

Wenn Jonathan beispielsweise seiner Senta anvertraut: „Und dann legt er sich zu mir, wenn Mama nicht da ist. Er fasst mich an. Ich hasse das.“ Und Jonathan ist nur eines von vielen Kindern auf der Liste des Weihnachtsmanns.

Schnell ist die Tätergruppe eingekreist: eine Gruppe anonymer Überlebender von Kindesmissbrauch. Irgendwer scheint hier zu glauben, dass eine schlechte Tat eine andere schlechte Tat wiedergutmachen könnte. Dass minus mal minus auch außerhalb der Mathematik plus ergibt. Doch zu viel will dieser „Tatort“ den ZuschauerInnen dann eben doch nicht zumuten. Das fast unerträgliche Leid der Kinder, die Spannung – der Film hält sie nicht.

München-„Tatort“: „Wir kriegen euch alle“, So., 20.15 Uhr, ARD

Und so lösen die Kommissare dann doch einen recht klassischen „Tatort“: mit verdeckter Ermittlung in der Selbsthilfegruppe, wie immer realistisch wie im TKKG-Hörspiel (Batic: „Hat denn schon mal wirklich jemand versucht, Rache zu nehmen?“), mit schiefgehenden Oberservationen (Leitmayr: „Das gibt’s doch nicht, wie kann euch der entwischen?“), mit Hintermännern und Verstrickungen, die erst spät klar werden.

Trotzdem: Angucken. Die wenigen Minuten Horror halten Sie schon aus.

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