Durch kreative Übungen sollen weibliche Führungskräfte lernen, sich im Beruf zu behaupten. Doch die Seminar-Teilnehmerinnen haben darauf keine Lust. Chronologie eines gescheiterten Hilfsversuchs.von Kristiana Ludwig

Hehres Ziel, doch der Weg dahin birgt manche Tücke. Bild: dpa
HAMBURG taz | Vielleicht hatte sich der Eklat früh angekündigt. Schon in dem Moment, als sie von ihrem Enkelkind erzählte. „Ich bin etwas aufgeregt“, gestand die Trainerin gleich am Anfang. Es ist doch wichtig, authentisch zu sein, auch, wenn man eine Gruppe leiten soll. „Ich bin vor zwei Tagen Oma geworden“, sagte sie deshalb. Danach war es still. So lange, bis sie auf ihre Moderationskarten blickte und dann in die Gesichter der Frauen: „Wie viele Jahre sind Sie schon in einer Führungsposition?“
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Es ist Freitagabend, in einem Büroraum im Hamburger Stadtzentrum. Jede Frau, die hier im Stuhlkreis sitzt, hat 200 Euro bezahlt, mindestens. Das Seminar soll ihnen helfen. „Womenomics“ soll Frauen in Führungspositionen fördern, dafür stecken Bund und EU rund 850.000 Euro in dieses Programm. Vor allem solche, die in technischen Branchen arbeiten. „Da ist der Leidensdruck am größten“, sagt Organisatorin Silke Potthast. Ihre Angebote heißen „Coaching“ oder „Business Talk“. Um ein Netzwerk der Chefinnen zu schaffen.
Für die Trainerin ist es heute der erste Tag, an dem sie für „Womenomics“ Arbeitgeberinnen schult. Sie ist eingesprungen. Hat eine lilafarbene Wolke an den Flipchart gemalt und „Führung und Motivation“ hinein geschrieben. Jetzt schaut sie im Raum umher. Da ist die Anwältin, in hochgeschnittener Hose und weißer Bluse. Mit 30 Jahren Führungserfahrung. Sie muss am Fenster stehen, ganz rechts, denn dort endet die „Erfahrungsreihe“. Weiter links haben sich die Bauingenieurin, Kurzhaarschnitt und Jeans, die Händlerin, im blau-weißen Blazer, und die Grafikdesignerin mit den knallroten Highheels aufgestellt. Drei Jahre, fünf Jahre. Die Trainerin steht aufrecht, hat die Knie durchgestreckt. „Jetzt die Anzahl der Kinder“, sagt sie. Diese Reihe ist sofort gebildet.
Auch die Anwältin hat keine Kinder. Als sie sich aus ihrer Gruppe löst, hat sie etwas zu sagen. „Ich möchte, dass wir hier nur die weibliche Form benutzen“, verkündet sie. Die Grafikerin reagiert am schnellsten: „Ich möchte mir das nicht vorschreiben lassen“, entgegnet sie. Die Trainerin lächelt.
Nächster Flipchart. Ein Pinselsymbol in Violett, darunter Stichpunkte in Grün: „Ich als Führungskraft“ lautet der erste. Ein Bild soll entstehen. Die Asienforscherin mit den roten Haaren starrt gegen die Zimmerwand. Dann sagt sie: „Mir persönlich bringt es nichts, meine Vita retrospektiv zu malen.“ Die Trainerin nickt. Ist noch jemand dieser Meinung? Wieder wird es still. Die Anwältin sitzt vorgebeugt, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt. „Ich würde das mal ausprobieren“, sagt die Kinderbuchlektorin. Die Anwältin schaut auf: „Dafür bin ich eigentlich nicht hier“, sagt sie laut. Die Stimme der Trainerin wird sanft: 15 Minuten Pause?
Die Händlerin ist die Erste, die geht. Sie sei als Vorgesetzte schließlich auch fähig, auf die Wünsche ihrer Mitarbeiter einzugehen. Die Forscherin folgt ihr. Als letzte im Raum wirft die Anwältin einen Blick auf die verlassenen Stühle – dann wirft sie sich die rosa Strickjacke über die Schultern und hastet aus der Tür.
Als die Pause vorbei ist, sind nur noch drei Teilnehmerinnen übrig. Die Trainerin lächelt. Ihre Hände zittern. „Da haben wir ja jetzt ganz viel Material für die kommenden zwei Tage“, sagt sie. Ihr Stimme ist leiser als eben und noch höher: „Wie ist das denn mit Mitarbeitern, wenn man sie nicht kriegt?“ Kündigen, schlägt die Grafikerin vor.
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Leserkommentare
22.11.2012 22:10 | Birgit
Ich verstehe diese Häme auch nicht. Vielleicht hatten die TN keine Lust, vor der Journalistin so persönlich zu werden. Habe ...
18.11.2012 17:19 | Bettina
Ich frage mich, warum dieser Artikel? Was soll die Aussage sein? Soll das Projekt als solches kritisiert werden, oder die H ...