Schattenseiten einer Tugend

Ohne Fleiß kein Preis

Ist er die Quintessenz für Erfolg? Ernten wird seine Früchte vielleicht nie? Auf dem taz lab sprechen wir über einen unsteten Begleiter: den Fleiß.

Weltmeisterlich: Gunda Niemann-Stirnemann ist mehrmalige Olympiasiegerin im Eisschnelllauf Bild: dpa

Von JANN-LUCA ZINSER

Die Augen schlaff. Der Rücken schmerzt. Die Beine brennen. Der Büroangestellte hat zu lange auf einen Bildschirm gestarrt. Die Handwerkerin zu schwer getragen. Die Eisschnellläuferin ist 3.000 Meter auf Eis gelaufen. Und Olympiasiegerin geworden. Das Wieso erübrigt sich, wer fleißig ist, der will erfolgreich sein.

Die Spuren der Arbeit und vor allem des Fleißes haben eine ganz eigene Ästhetik, zumal – abgesehen von den eher negativ konnotierten Spuren – auch wahrlich schöne Früchte der Ertrag des Raubbaus am eigenen Körper sein können. Fleiß, das Wort entstammt dem Kampfeseifer, zahlt sich immer aus. Oder? Ist er die Quintessenz für Erfolg? Sicher nicht.

Die Tricolore des Erfolgs

Ein unabdingbarer Bestandteil aber, auch wenn Fatalisten hier und da den Sieg der Frechen über die Fleißigen heraufbeschwören. Diese mögen auch nicht immer gewinnen, bringen sich aber in Position mindestens moralischer Überlegenheit. Das liegt ganz offensichtlich in der eher altbacken anmutenden Tugendhaftigkeit begründet, die dem Fleiß eigen ist. Er ist das undankbare Geschwisterlein des Talents. Es wächst im Schatten des vermeintlich Größeren auf, bedeutet Wiederholung, Stetigkeit, Zielstrebigkeit. Das ist einfach nicht so sexy.

Doch wie wusste Fontane schon, ungefähr: „Erst der Ernst macht die Männ*in, erst der Fleiß das Genie.“ Und Ernst ist höchstens eine Laune des Talents. Der Erfolg bedient sich einer Tricolore aus Begabung, Timing und Fleiß. Letzterer aber hat auch Schattenseiten. Führt er nicht zum Erfolg oder findet gar keine Anerkennung, ist der Fleiß dem Frust sehr nah. Mündet in Wut. Auf sich und auf andere. Das Gefühl übergangen worden zu sein macht sich schnell breit. Es abzuschütteln dagegen hinterlässt Narben. Die Früchte der eigenen Mühen erntet der eine früh, die andere später und ein Dritter nie.

Ist das gerecht? Wohl kaum. Doch wer beständig hart arbeitet, ein Ziel vor Augen, somit fleißig ist, der hat gute Chancen auf diese Gerechtigkeit.