Die Occupy-Bewegung misstraut der Mainstream-Presse und den TV-Sendern in den USA. Deshalb lesen, schauen und produzieren die Aktivisten ihre eigenen Medien.von Dorothea Hahn

Auch er ist besetzt und will mit den Mainstream-Medien nichts zu tun haben. Demonstrant in New York. Bild: rtr
WASHINGTON taz | Auf der Liberty Plaza in Manhattan - die im Stadtplan von New York den Namen des Spekulanten Zuccotti trägt - gibt es keine Presseschau. Die ausgeschnittenen Artikel aus großen Zeitungen, mit denen sich Protestbewegungen früherer Generationen schmückten, sucht die Reporterin vergeblich. Auch der Verweis auf Fernseh- und Radiosendungen fehlt. Die "99 Prozent" machen alles selbst. Und alles anders: Ihr Essen. Ihre Teach-ins. Ihre Gesundheitsversorgung. Und ihre Medien.
Sie sind mehrheitlich jung, gebildet und hoch motiviert. Eine künftige Elite, die zu einem schwierigen Zeitpunkt erwachsen wird. Ihr Horizont reicht weiter als jener der meisten US-Amerikaner: Auffallend viele Besetzer haben Reisen ins Ausland gemacht. Beherrschen so exotische Fremdsprachen wie Deutsch. Und fast alle können über politische und ökonomische Verhältnisse diskutieren. Aber die bekannten US-Medien benutzen sie nicht.
"Die Mainstreammedien verfolgen ihre eigenen politischen Ziele", sagt Corryn Freeman, "sie sind tendenziös. Und sie veröffentlichen nur, was ihnen in den Kram passt." Die zweiundzwanzigjährige Afroamerikanerin besetzt den McPherson Square in Washington. Sie studiert Politik und ist gut informiert. Ihre Quellen sind Blogs, Facebook und Twitter; manchmal ist es auch die Gratiszeitung Express. Aber nie eine gekaufte Tageszeitung. Und nur ganz selten einer der großen US-Fernsehsender.
Das hat nicht nur mit den für eine Studentin hohen Kosten zu tun. Sondern vor allem mit grundsätzlicher Kritik. "Der Sender Fox News, der zum Rupert-Murdoch-Imperium gehört, ist extrem konservativ. CNN, der Ted Turner gehört, ist ein bisschen links. Und MSNBC, der dem General-Electric-Konzern gehört, ist ziemlich links", sagt sie, "aber ich brauche Informationen. Keine Indoktrination. Eine Meinung kann ich mir selbst bilden."
Die "Mainstream Media" sind Teil des Problems, gegen das die Occupy-Bewegung kämpft: Sie sind Teil des "1 Prozents", deren Einkommen steigt, während das der anderen sinkt, und bei denen die Fäden der wirtschaftlichen und politischen Macht zusammenlaufen.
Die meisten US-Medien verschweigen die Besetzung in New York wochenlang. Sie reagieren erst, als die Polizei 80 Personen festnimmt und mehrere eingekesselte junge Frauen aus unmittelbarer Nähe mit Pfefferspray traktiert.
"Wenn zwei Leute von der rechten Tea Party in George-Washington-Kostümen über einen Platz paradieren, ist das eine Schlagzeile", sagt der Anthropologiestudent Michael Oman-Reagan, der sich auf der Liberty Plaza um die Bücherei kümmert, "aber wenn wir hier zu Hunderten wochenlang besetzen und Gesellschaftskritik üben, kommen sie nicht einmal vorbei."
Statt über US-Medien informieren sich die Besetzer online und über ausländische Medien. Ihre Quellen reichen von dem britischen Guardian bis zur Times of India, von der Deutschen Welle über France 24 und RT, einen russischen Sender in englischer Sprache, bis hin zu dem täglichen einstündigen Online-Nachrichtenprogramm: "Democracy Now". Auch die US-amerikanische Wochenzeitschrift Nation ist eine Quelle. Vor allen Dingen aber lesen die Besetzer Blogs und Online-Foren.
Auf der Mitte der Liberty Plaza in Manhattan - hinter ein paar im Viereck aufgestellten Tischen, auf denen das Schild "Media" steht - arbeitet das Hirn der Bewegung. Die Medienleute der Besetzer verstehen sich in erster Linie als Nachrichtenmacher. Sie arbeiten rund um die Uhr. Sie veröffentlichen eine Zeitung auf Englisch und Spanisch: Das großformatige und gratis verteilte Occupied Wall Street Journal. Sie strahlen per Lifestream ihre Vollversammlungen und Demonstrationen in den Rest der Welt aus. Sie produzieren eigene Filme und Radiobeiträge. Und sie twittern.
Zahlreiche Besetzer haben Kameras oder Aufnahmegeräte. Kaum beginnt eine Reporterin ein Interview, wird sie selbst von Besetzern gefilmt und fotografiert. Im Notfall können sie so das Originalinterview neben das von den "Mainstreammedien" bearbeitete Resultat stellen. Als ein erzkonservativer "Enthüllungsblogger" auf dem Platz erscheint, läuft er live übers Internet.
Die Liberty Plaza in New York ist - am Anfang der fünften Woche der Besetzung - technisch am besten ausgestattet. Die Aktivisten haben eigene Anlagen für drahtloses Internet und greifen auf einen Pool erfahrener Leute zurück. Auch an den anderen Orten eröffnen die Besetzer als Erstes ein Medienzentrum. Unter Namen wie occupydc.org, occupyoakland.org und october2011.org strahlen sie Informationen und Debatten aus.
In Washington sitzt eine junge Köchin auf einer Parkbank auf dem McPherson Square. Sie ist 21, hat bereits mehrere Feierabende bei den Besetzern verbracht, ist aber noch unentschlossen, ob sie ganz bleiben soll. Ihren Namen will sie vorerst nicht veröffentlicht sehen. Ihre Annäherung verlief wie die von fast allen Besetzern übers Internet. Die Köchin besitzt keinen eigenen Computer und auch kein eigenes Handy.
Sie hat auf dem Gerät ihres Freundes eine Facebook-Seite angelegt. Sie enthält nichts Persönliches. Stattdessen stehen dort Artikel aus englischsprachigen Medien aus aller Welt über die Federal Reserve, über den Euro und über Mindestlöhne. "Eine Zeitung kaufe ich nicht", sagt die Köchin, "aber wenn irgendwo etwas Interessantes steht, schickt mir das jemand zu." Deshalb weiß sie von Dingen wie dem wochenlangen Hungerstreik von Tausenden Gefängnisinsassen in Kalifornien, von denen die Abonnenten der Washington Post nichts erfahren haben.
Lange vor Beginn der Occupy-Bewegung haben sich Blogs im Web etabliert, die Papierzeitungen ersetzen wollen. Die erhalten nun neuen Zulauf. Manche dieser Blogs bekommen genügend Werbung, um sich einige bezahlte Beschäftigte zu leisten. Darunter Salon, Firedoglake und Daily Kos. Die große Huffington Post hat bereits ins Ausland - nach Großbritannien und Frankreich - expandiert. Politisch stärker engagiert sind Seiten wie Truth Out und Michael Moores Online-Auftritt.
Rob Kall, der in Philadelphia den Blog opednews.com betreibt, veröffentlicht mindestens einen Text pro Tag über die Occupy-Bewegung und ruft auch zu Demonstrationen auf. Er spürt seit dem Beginn der Bewegung eine "neue Intensität in der politischen Debatte". Und erhält mehr Kommentare als zuvor. Den Erfolg erklärt er so: "Die Mainstreammedien stehen im Dienst der großen Konzerne. Bei uns kommt die Bewegung von unten."
Auch der Blogger David Swanson aus Virginia macht die Mainstreammedien selbst verantwortlich: "Die Zeitungen sind schlecht. Bringen Celebrity-Klatsch und Tratsch, verhalten sich wie Regierungssprecher und lassen die wichtigsten Themen - das Leben des realen Amerikas - außer Acht." Swanson, der nicht nur bloggt, sondern auch besetzt, hat eine Hoffnung: Dass aus der Bewegung nicht nur neue Medien hervorgehen, sondern "dass sie die ganze Kultur ändert".
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Leserkommentare
28.10.2011 18:00 | fnordy
der artikel ist ganz gut, ein wichtiges mosaiksteinchen - bzw. einer der grundsteine - fehlt jedoch in der aufzählung der a ...