Neues Album von Jens Friebe

Das Glühwürmchen tanzt

Der Berliner Ein-Mann-Betrieb Jens Friebe bringt ein neues Album raus. Mit „Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus“ gelingt ihm ein großer Wurf.

Ganz routiniert: Jens Friebe. Bild: Mikko Gästel/Promo

„Die Welt ist gespalten, das Elend ist alt / Alt ist die Herrschaft, alt die Gewalt / Zwei mal zwei Küsse, Hallo und Tschüss / Wie viele küsst Du nicht, wenn du küsst?“, singt Jens Friebe in „Hölle oder Hölle“, dem Auftaktsong seines heute erscheinenden neuen Albums. Darin klingen gleich zwei wiederkehrende Themen des 38-jährigen Berliners an: Liebe und Politik.

Erstere hat bei dem „Vorzeige-Genderboy“ (Missy Magazin) selten eine geschlechtliche Festlegung. Sie wird eher traurig als happy verhandelt – oder sie ist gleich ohne Chance, wie beim Finale „Zahlen zusammen, gehen getrennt“. Was bei anderen peinlich moralisierend klingt, wirkt bei Friebe – etwa in dem Song „Sei einfach nicht Du selbst“ – eher wie punky Gesellschaftskritik.

Er passt hervorragend zum Programm des agitatorischen Samplers „Keine Bewegung“ (Staatsakt), auf dem sich auch jüngere Bands wie Die Nerven und Schnipo Schranke finden.

Friebes eigenes neues Album „Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus“ ist ein großer Wurf, mal tröstet seine Musik und schmiegt sich an wie Kaschmir, mal kratzt die textliche Vorstellungswelt garstig wie Holzwolle.

Jens Friebe: „Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus“ (Staatsakt/Rough Trade)

Live: 7. 10. Hannover, Lux | 8. 10. Köln, Studio 672 | 9. 10., Weinheim, Café Central | 10. 10. München, Milla | 12. 10. Regensburg, Alte Mälzerei | 14. 10. Dresden, Ostpol | 16. 10., Berlin, Bi Nuu

Protest und Hedonismus

Die Fotografie auf dem Cover des Albums ziert eine verschleierte nackte Frau, die raucht. „Ich mag diese Mischung aus Protest und Hedonismus, irgendwas Muslimisches, was man nicht unbedingt sehen muss, ein Nicht-Preisgeben, rätselhaft, aber auch forsch und direkt“, interpretiert der Künstler das Foto von Daniel Josefsohn.

Gleichwohl hatte er Bedenken, ob nackte Brüste auf dem Cover nicht zu konventionell rüberkämen. „Dadurch, dass viele Leute denken, die Person wäre ich, und dann ist es eine Frau, ist das Queere ja wieder reingeholt“, sagt Friebe, der im Gespräch so entspannt rüberkommt wie auf der Bühne.

Neben seinem langjährigen Mitstreiter Chris Imler seien mit der Australierin Justine Electra und dem ehemaligen Lassie-Singers-Mitglied Herman Herrmann nur zwei der vielen GastmusikerInnen genannt. Diese lose Bandvereinigung hat einen erfrischend heterogenen Sound gestaltet.

Angst im Schlepptau

Friebe legt forsch los mit besagtem Agitpopsong „Hölle oder Hölle“. „Damit will ich dazu einladen, weiter nachzudenken und weiterzukämpfen“, erklärt er. Da die Songs des Albums eine Achterbahnfahrt vollführen, folgt dem rasanten Auftakt im Titelsong „Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus“ gleich eine Ballade, die diese Bezeichnung auch wirklich verdient. Sie atmet langsam, entwickelt ihre Melancholie gründlich und glitzert leicht; plötzlich scheint es völlig plausibel, mit seiner eigenen Angst im Schlepptau auszugehen. Sogar Geigen erklingen: „Wir haben all das gemacht, was wir uns früher verkniffen haben. Ich wollte den letzten Meter Richtung Babelsberg gehen, damit es wirklich nach Scott Walker klingt.“

Dann folgt twangy Gitarrenpop: „(I am not born for) plot driven porn“ und Friebes harscher Kommentar zu Maschinen, die Menschen nicht nur zur Hand gehen in dem Song „Dein Programm“. Der Gebrauch des Autotune-Gesangseffekts verstört dabei. Versöhnlicher gerät das „Schlaflied“: „Kommt vom Feld, der Tag ist um / Seht, das Glühwürmchen tanzt …“

Zum Übersetzen und Aneignen hat Friebe sich diesmal den Brocken „What will death be like“ des schottischen Popkünstlers Nicholas Currie alias Momus vorgenommen. Das Original war ursprünglich für die Theatergruppe bigNOTWENDIGKEIT und deren Stück ’It ain’t over til it’s over“ komponiert, wurde aber dann nicht genommen. Also verwendete Friebe den Song für sein neues Album. Ihm gefiel die kompromisslose Haltung, mit der Momus das Thema Tod besingt. Friebes Version trägt ein Akkordeonkleid in Moll. Möglich, dass Friebe dabei an seine vergangenes Jahr verstorbene Kollegin Almut Klotz dachte, die ihm mit ihren Songs den Weg ebnete und oft mit ihm sang.

Abschiedssongs

Es gibt weitere Songs auf dem Album, die vom Abschied handeln, etwa vom Ende des Tages (wie in jenem „Schlaflied“) und vom Ende der Welt („Warum zählen die rückwärts Mammi“). Letzteres empfindet Friebe als Satire, er hat sie für einen Abend in der von Christiane Rösinger betriebenen Flittchenbar in Berlin zum Thema „Weltuntergang /Inka-Prophezeiung“ geschrieben. Dafür hat Friebe eine Kunstfigur geschaffen, einen „studentischen Hallodri, der zu Silvester Blei gießt“. Was Friebe selbst nie machen würde, wie er sagt. „Na ja, ich schreibe immer, bin gerade aber auch nicht total auf der heißen Spur.“

Mit klassischem Understatement kennt er sich aus: Friebe, das zeigen seine bislang erschienenen Alben, ist ein sehr wandlungsfähiger Künstler. Es begann beim rustikalen Debütalbum „Vorher/Nachher Bilder“, das 2004 auf dem ZickZack-Label von Alfred Hilsberg erschien und zeigte, wie gekonnt Friebe mit Wörtern und LoFi-Klängen jonglieren kann. Das 2010 erschienene vierte Album „Abändern“ fiel durch ein selbstverhängtes Gitarrenverbot etwas karg aus, klang weniger zugänglich und ließ die genialischen Hooklines der Vorgänger vermissen. Und doch blieb sich Friebe damit in seiner Unausrechenbarkeit treu.

Zum Glück gibt es auf „Nackte Angst“ wieder jaulende Gitarrenwände. Friebe, der seine Stücke im stillen Kämmerlein allein komponiert, spielt sie liebend gern mit anderen ein. In ebenjener Flittchenbar ist er Stammgast und spielt dort auch mal „Lieder zum Klassenkampf“ mit befreundeten Bands wie Half Girl und Ja, Panik. Auch Hamburger Bands wie Die Heiterkeit und Zucker werden zu seinem Dunstkreis gezählt. „Das ist keine Szene, die an einem Ding arbeitet oder durch ein einheitliches Klangbild erkennbar wäre. Aber es gibt viele Zusammenhänge“, erklärt Friebe.

Obwohl er ständig Songs schreibt, könnte der Berliner eigentlich – wie viele Künstler seiner Generation – nicht von der Musik allein leben. „Das gelingt nur, weil ich durch glückliche Umstände zu Geld gekommen bin. Ich hätte mir ansonsten nie leisten können, so ein Album aufzunehmen und vorher lange Zeit keines zu machen.“

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