Kolumne So nicht

Schießen und andere Sorgen

Die türkische Regierung führt Krieg. Die deutsche Regierung führt einen Dialog. Einen Dialog darüber, dass sie in Sorge ist.

Jemand schießt in die Luft, ein anderer fotografiert das mit einem Handy

Schießen und zugucken. Posing eines antikurdischen Kämpfers der Freien Syrischen Armee nahe Afrin Foto: Reuters

I

Herr Putin gibt Herrn Erdoğan grünes Licht, weiß aber, dass er ihn so oder so in der Hand hat.

Die SPD gibt der SPD grünes Licht, weiß aber, dass sie damit alles aus der Hand gibt.

II

Die USA geben der Türkei kein grünes Licht. Aber auch keine Rote Karte.

Die Deutschen geben der Türkei kein grünes Licht. Dafür schicken sie Panzer.

III

In Syrien schießt eine bunte Truppe aus obskuren Milizen und türkischen Soldaten die kurdischen Anti-IS-Kämpfer der YPG zusammen.

In Deutschland sagt Aldi der Drogeriekette dm den „Kampf“ an. dm reagiert mit Gegenwehr.

IV

In der Türkei steht die größte Oppositionspartei hinter dem Krieg gegen die Kurden in Afrin.

In Deutschland steht die größte Oppositionspartei, die kurz davor ist, auszusterben, nicht zu ihren Aussagen, Oppositionspartei zu werden.

V

In Großbritannien schreibt ein Analyst, dass der türkische Präsident international isoliert ist, ihm das aber egal sei.

In Deutschland schreibt ein Analyst, dass der türkische Präsident international isoliert sei, ihm das aber nicht egal sein könne.

VI

Der türkische Präsident verbietet seinen Landsleuten, an Friedensdemonstrationen der Kurden teilzunehmen.

Der deutsche Außenminister bittet die Türkei darum, wieder nett zu ihm zu sein, und verspricht ihm, seine Leopard-Panzer aufzurüsten.

VII

Der türkische Präsident droht allen mit Knast, die den Krieg nicht so okay finden.

In Deutschland trinkt man Tee und findet den türkischen Außenminister wieder ganz okay.

VIII

Bei den türkischen Luftangriffen in Afrin wurden am Wochenende mindestens 21 Zivilisten, darunter 6 Kinder getötet.

+++ EIL +++ Deutsches Todesopfer bei Hotel-Anschlag in Kabul +++ EIL+++

IX

Sämtliche europäischen Politiker, die was zu sagen haben, sagen, sie seien im Dialog mit den Türken darüber, dass sie sehr „in Sorge“, „besorgt“, in „äußerster Besorgnis“ seien. „Wir sehen das mit großer Sorge.“ (Staatsminister im Auswärtigen Amt)

Sämtliche türkischen Regierungspolitiker, die was zu sagen haben, sagen, dass die Sorgen unberechtigt seien, niemand müsse sich Sorgen machen. „Meine Botschaft an die Investoren: Seien Sie beruhigt.“ (Der Vizeministerpräsident in Ankara).

X

Empörung über deutsche Panzer in Syrien findet sich auf Twitter (ein bisschen), bei der Linkspartei (ein bisschen), sonst: nicht.

Empörung über gelangweilte Mittelschichtsliteraten, die kurz davor sind, auszusterben, findet sich überall im deutschen Feuilleton.

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Seit dem Putschversuch im Sommer 2016 entwickelt sich die Türkei unter dem Präsidenten Erdogan immer stärker zu einer Autokratie.

seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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